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Fußball in England „Der Fußball muß noch mehr als Geschäft gesehen werden“

23.11.2005 ·  Zuerst entwickelte Peter Kenyon Manchester United zu einem profitablen Unternehmen, dann wechselte er als Vorstandschef zum FC Chelsea. Dort managt er das Fußball-Investment von Roman Abramowitsch und macht sich damit nicht nur Freunde.

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Zuerst entwickelte Peter Kenyon Manchester United zu einem profitablen Unternehmen, dann wechselte er als Vorstandschef zum FC Chelsea. Der 51 Jahre alte ehemalige Manager aus der Sportartikelbranche managt das Londoner Fußball-Investment des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch und macht sich damit nicht nur Freunde.

Was glauben Sie, zu welchem Klub Michael Ballack gehen wird?

Dazu möchte ich nichts sagen.

Das hört sich spannend an. Hat auch Chelsea bei diesem Wechselpoker die Finger im Spiel?

Das einzige, was ich sagen kann, ist, daß Michael Ballack nicht zu uns kommen wird. Alles andere kann ich nicht kommentieren.

Und würden Sie ihn doch verpflichten, wäre das Klagen in der Fußballwelt noch größer über die Großeinkäufer von Chelsea und Ihren spendablen Milliardär Roman Abramowitsch.

Diese Kritik sehe ich mit Humor. Wir legen ein Fundament für geschäftlichen Erfolg und haben eine neue Dimension in den Fußball gebracht.

Joseph Blatter, der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes, sieht diese neue Dimension als Gefahr für die Fußball-Kultur.

Was ist denn passiert? Zu Hause in England gab es viele Jahre drei Vereine, die den Erfolg unter sich ausgemacht haben: Manchester United, Arsenal und Liverpool. Jetzt ist mit uns ein vierter dazugekommen. Okay, wir haben viel Geld ausgegeben, bislang fast 300 Millionen Pfund (rund 440 Millionen Euro) für Spieler investiert. Aber das Geld ist doch komplett in den Fußball, an andere Vereine zurückgeflossen. Wir haben einen Langzeitplan, wollen profitabel werden und handeln verantwortlich.

Ihr Klub tritt ziemlich selbstbewußt, oft arrogant auf. Ihr Trainer Jose Mourinho legt sich mit Kollegen an wie Alex Ferguson oder Arsene Wenger, es gibt viel Ärger. Ist das die Chelsea-Taktik auch für die Zukunft?

Wenn zwei Trainer die letzten zehn Jahre das Geschäft dominiert haben und dann kommt plötzlich ein neuer auf die Bühne und mischt alles auf, dann passieren solche Dinge. Das ist ein Teil des Geschäfts. Natürlich wird viel aufgebauscht von den Medien, und man hat dann den Eindruck, der Fußball könnte auch einen dritten Weltkrieg auslösen.

Ihrem großen Boss Roman Abramowitsch ist dieses ganze Theater wohl nicht unrecht. Was bedeutet ihm der Fußball?

Er ist ein leidenschaftlicher Beobachter. Er will das Spiel verstehen und die Taktik.

Was passiert eigentlich, wenn er keine Lust mehr hat, jedes Jahr zig Millionen in sein Hobby zu stecken? Bricht der FC Chelsea dann zusammen?

Irgendwann ist Herr Abramowitsch vielleicht nicht mehr dabei. Deshalb müssen wir den Klub unabhängig machen von seinen Finanzen. Und das tun wir.

Das heißt?

Unser Plan ist, mit dem Klub 2009, 2010 den Break Even Point zu erreichen. Wir haben mit Adidas und Samsung zwei wichtige Partner gewonnen. Wir bearbeiten mit ihnen zusammen neue Märkte in Nordamerika, Asien und Rußland. Wir verstehen uns als der Fußballklub aus London, der Weltmetropole und Olympiastadt für 2012. In allem zusammen liegt viel Geschäftspotential. Doch am wichtigsten ist die sportliche Entwicklung der Mannschaft. Wenn die nicht erfolgreich ist, können wir nichts aufbauen.

Was ist für Sie eigentlich am Verhandlungstisch die Herausforderung, wenn die besten Spieler der Welt für den Klub geholt werden sollen?

Ich will die Kosten im Griff haben und keine Spieler in den Verein hereinbringen, die unsere bestehende Struktur zerstören. Natürlich ist das Geld für beide Seiten immer ein Argument in den Verhandlungen, aber wir wollen vom Spieler auch stets wissen, weshalb er bei uns und nicht woanders spielen will. Wir prüfen in Gesprächen seinen Charakter und seine Ideen vom Fußball. Wir brauchen keine Spieler, die nur wegen des vielen Geldes zu uns kommen. Sie müssen Hunger auf sportlichen Erfolg haben.

Dennoch ist die Motivation der Spieler wohl das größte Problem im hochbezahlten Fußball. Gibt es Modelle, zum Beispiel Beteiligungen am geschäftlichen Erfolg des Klubs, um hier mehr zu erreichen?

Höhere Prämien oder Beteiligungen am Klub werden Topspieler nicht motivieren, ihr Publikum besser zu unterhalten. Die Motivation, mehr erreichen zu wollen, muß vom Spieler selbst kommen. Und sie resultiert aus der Fähigkeit des Trainers, extrem reiche und gut versorgte Individuen zu einer funktionierenden Einheit zu formen, die sich dann selbst trägt. In dieser Hinsicht haben wir in Chelsea schon sehr viel erreicht.

Wie lebt es sich in diesem Haifischbecken mit Alphatieren, Abzockern und zwielichtigen Beratern?

Ich fühle mich noch ganz gut. Aber nehmen wir die Spielerberater: Viele beschimpfen sie und werfen ihnen dunkle Machenschaften vor. Das interessiert mich nicht. Wir als Vereinsmanager haben doch die Aufgabe, für alle Beteiligten die Regeln in diesem Geschäft festzulegen. Die Fußballklubs müssen für ihre Entscheidungsfreiheit sorgen, dann werden sie auch nicht fremdbestimmt.

Wie ist Ihre Vision vom Fußball?

Jeder Klub muß hart daran arbeiten, ein stabiles Umfeld zu schaffen. Das heißt: Der Fußball muß noch mehr als Geschäft gesehen werden. Zu sagen, nur weil wir uns im Sport bewegen, gelten keine ökonomischen Prinzipien, ist die völlig falsche Sichtweise. Leider sind es noch nicht genug in diesem Geschäft, die sich davon leiten lassen.

Nicht wenige sehen den internationalen Spitzenfußball als Marketingveranstaltung. Ist das nicht die größte Gefahr für diesen Sport?

Der Fußball sollte vom Marketing unterstützt und nicht verwässert werden. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. In der Realität heißt das: Wenn das Produkt Fußball gut ist und die Spieler verstehen, daß sie Leidenschaft und Herz zeigen müssen, dann werden uns viele Menschen zuschauen.

Die Fragen stellte Michael Ashelm.

Quelle: F.A.Z., 23.11.2005, Nr. 273 / Seite 36
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