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Fußball In Chelsea sind die Zeiten der goldgepflasterten Straßen vorbei

05.04.2005 ·  Mancher bayrische Besucher wird sich vor der Stamford Bridge wundern. Ist es ein Stadion, das ein Einkaufszentrum werden wollte? Ist es ein Einkaufszentrum, das ein Stadion werden wollte? Kneipen, Shops, Fitneß-Center - erst dahinter kommt der Fußball.

Von Christian Eichler
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Mancher bayrische Besucher wird sich heute vor der Stamford Bridge wundern. Ist es ein Stadion, das ein Einkaufszentrum werden wollte? Ist es ein Einkaufszentrum, das ein Stadion werden wollte? Kneipen, Shops, Restaurants, Nachtbar, Fitneß-Center, zwei Hotels, Geschäftsetagen - und irgendwo dahinter, leider völlig verbaut, muß der Fußball sein.

„Chelsea Village“ hieß der teure Irrtum, Fußballfans wollten in einem Stadion mehr tun als ein Fußballspiel sehen. Das Heim des FC Chelsea: eine Fehlplanung der neunziger Jahre. Damals hieß der Klub-Besitzer Ken Bates, der 1982 den verschuldeten Klub für ein Pfund kaufte und 2003, immer noch verschuldet, für 17 Millionen verkaufte - an den russischen Milliardär Roman Abramowitsch. Das eingezwängte Stadion an der Stamford Bridge ist das große Geschäftsproblem von Chelsea. Es gibt Planungen, etwa durch eine Absenkung des Platzes von 42.500 auf 50.000 Plätze zu kommen. Aber die Infrastruktur paßt nicht dazu: die Kapazitäten von Zufahrten, Durchgängen, Transportwegen, Parkmöglichkeiten.

Spätestens 2010 schwarze Zahlen schreiben

Da hilft auch Abramowitschs Geld nichts, mit dem der Aufstieg von Chelsea stets verbunden wird - das laut Geschäftsführer Peter Kenyon aber nur eine Starthilfe ist, den Klub in wenigen Jahren profitabel zu machen: Spätestens 2010 will er schwarze Zahlen schreiben. Ein weiter Weg nach einem Jahr mit dem Weltrekordverlust von 88 Millionen Pfund (knapp 140 Millionen Euro), vor allem für Spielerkäufe, allein gedeckt durch Abramowitschs „Darlehen“.

Dennoch, Chelsea erlöst schon jetzt ein höheres „Matchday Income“, Einnahmen durch Tickets und Konsum der Besucher, als alle anderen außer Manchester United (mit viel größerem Stadion): mehr als 80 Millionen Euro letzte Saison, etwa doppelt soviel wie die Bayern. 68 Euro bringt jeder Besucher im Schnitt pro Spiel - Weltspitze. Für das Publikum im Londoner Südwesten, wo man für eine Mini-Wohnung locker 3000 Euro Miete bezahlt, klingen 68 Euro pro Spieltag in der mittlerweile teuersten Stadt der Welt fast wie ein Schnäppchen.

68 Euro bringt jeder Besucher im Schnitt pro Spiel

Viele Chelsea-Anhänger hegen die stille Sorge, was geschieht, wenn Abramowitsch die Lust an seinem Spielzeug verlieren sollte. Kenyon beruhigt sie: „Es war kein Klub-Kauf aus Eitelkeit, sondern ein ernsthaftes Investment auf lange Sicht.“ Noch mehr als die Spielertransfers von mehr als 250 Millionen Euro sprechen dafür die rund fünf Millionen, die sich der Russe den 2004 von Manchester United abgeworbenen Kenyon kosten ließ. Der frühere Textilmanager hatte geholfen, ManU durch bahnbrechende Verträge mit Vodafone und Nike zum reichsten Klub der Welt zu machen, und erschloß mit der Idee von Sommertourneen in Asien und Amerika neue Märkte. Nun soll er aus Chelsea dasselbe machen: die Nummer eins, die globale Fußballmarke. Letzte Saison konnte Chelsea die Umsätze schon um 40 Prozent steigern und auf Platz vier vorstoßen, gleich hinter den drei großen „M“: ManU, Madrid, Milan.

Entscheidend in Kenyons Fünfjahresplan ist die Kostenseite. Die 115 Millionen Pfund Gehälter für den geblähten Kader fraßen letzte Saison 76 Prozent der Einnahmen - eine ruinöse Quote, die Kenyon „aggressiv“ auf 55 Prozent senken will. Die Zeit „goldgepflasteter Straßen“ sei vorbei, „Chelsea wird nun wie ein Geschäftsbetrieb geführt.“ Trainer Jose Mourinho arbeitet erfolgreich mit einem auf 24 Spieler reduzierten Kader.

Eigener Fernsehsender

Der fast sichere englische Meistertitel verbessert Chelseas Verhandlungsposition für die Nachfolge des bisherigen Trikotsponsors Emirates, der zu Arsenal abwandert: Als aussichtsreichste Bewerber für die blaue Chelsea-Brust gelten Siemens und Orange. Beim Ausstatter wurde Kenyon schon fündig. Er kappte die Zusammenarbeit mit Umbro, schloß einen Achtjahresvertrag mit Adidas über 100 Millionen Pfund. Als Hauptmärkte für eine Expansion der Vermarktung sind China und Nordamerika lokalisiert: Durch den eigenen Fernsehsender Chelsea TV und durch Sommer-Tourneen will man dort Fern-Fans für den Kauf von Trikots oder das Abonnement der Klub-Website gewinnen.

Doch die Expansion der Marke, die Verwandlung des FC Geldgrab in den FC Geldmaschine, ist in Turbulenzen geraten. Denn mit Mourinho und Kenyon liegen die Kontroversen um Chelsea nur so in der Luft: Zwölf Disziplinarverfahren wurden allein diese Saison gegen den Klub angestrengt. Zuletzt der Lügenskandal vom Barcelona-Match, der Mourinho gegen die Bayern zum Tribünengast macht.

„Wunsch nach weniger schädigenden Überschriften“

Die „Times“ ortete „Zeichen, daß selbst Chelsea begreift, daß sie sich viel zu viele Feinde machen für ein Unternehmen, das die populärste Fußballmarke der Welt werden will.“ Das Blatt berichtete vom „Wunsch nach weniger schädigenden Überschriften“, der von Klubpräsident Bruce Buck, einem Strohmann Abramowitschs, bei Kenyon und Mourinho angelangt sei. So gelingt „der korrekte Transfer des Images von Chelsea“, den Kenyon als entscheidend für den Ausbau der Fanbasis betrachtet, derzeit nicht ganz so wie geplant.

Natürlich rechnet Kenyon damit, daß die Störfeuer vergessen sind, wenn Chelsea im Mai nach fünfzig Jahren die Meisterschaft holt - vielleicht sogar den Europacup dazu. Meist gehen seine Rechnungen auf. Aber nicht immer. So äußerte er im Interview Respekt vor den Bayern: „Sie sind das einzige Team, das den Europacup dreimal hintereinander gewann.“ Und lag falsch: Ajax Amsterdam auch. Und Real Madrid: sogar fünfmal. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg für den neureichsten Klub der Welt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. April 2005
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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