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Fußball im Osten Eine hübsche Spielwiese für seltsame Geldgeber

02.10.2007 ·  Den Ost-Klubs bleibt derzeit nur eine Rolle am Rande des Profifußballs. Die Beispiele Cottbus, Rostock oder Jena zeigen: Es gibt ein Management-Problem. Wenn dann noch unseriöse Geldgeber dazukommen, türmen sich die Probleme.

Von Matthias Wolf, Cottbus
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Der Blick auf die Tabellen ist in diesen Tagen mal wieder ein kleines Politikum. Mögen die Fußball-Landschaften auch anderswo noch viel weniger blühen, der Osten steht immer besonders im Fokus. Energie Cottbus und Hansa Rostock rangieren in Liga eins unten, eine Etage tiefer hockt Carl Zeiss Jena im Keller. In der Regionalliga bibbern Union Berlin und Dynamo Dresden sogar um die Qualifikation für die dritte Profiliga, während noch tiefer ein Traditionsklub wie der FC Sachsen Leipzig trotz blitzender WM-Arena vor der Haustür sogar vor dem Aus steht. Abschwung Ost.

Irgendwie passend, dass Hans-Georg Moldenhauer, der Ost-Vertreter im Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zuletzt in Bad Gastein von einem Moorbad ins andere hüpfte. So eine Kur könnte der Fußball in den neuen Bundesländern auch brauchen. „Das ist nur eine Momentaufnahme“, macht sich Moldenhauer Mut, „aber eine, die auch zeigt: Die Ost-Vereine werden wohl nie eine Chance auf mehr als nur eine Rolle am Rande des Profifußballs haben.“

„Böser Wessi-Präsident und braver Ossi-Trainer“

Dafür gibt es seiner Ansicht nach in erster Linie wirtschaftliche Gründe. „Wir haben eben keine großen Konzerne wie in Wolfsburg, die Millionen in Fußball investieren“, sagt Moldenhauer. Doch eines ist auch ihm aufgefallen: Die Krise lässt auch ein Management-Problem vermuten. „Viele Ostvereine kommen nicht klar mit dem schwierigen Spagat zwischen der Furcht, ihre Identität zu verlieren, und der Chance, die sich bietet, wenn man sich neuen Ideen öffnet“, sagt Moldenhauer.

Der Fall Cottbus. Am vorvergangenen Dienstag ging Vereinspräsident Ulrich Lepsch in die Offensive. Er rief bei einem Fernsehsender an und beschwerte sich über die einseitige Berichterstattung. „So einfach ist es nicht, dass hier die böse Vereinsführung, der Präsident auch noch Wessi, ohne Grund den armen, braven Trainer aus dem Osten abschießt“, sagte Lepsch. Am Tag danach stand er dann live im Studio und wehrte sich. Mittlerweile waren auch Details um die Entlassung von Petrik Sander bekanntgeworden.

„Ich habe Achtung vor Lepschs Arbeit“

Dass dieser vertraglich zugesichert Kompetenzen forderte, die wohl kein Verein erfüllen würde: Kein Transfer sollte ohne seine Zustimmung erfolgen. Dass er viel Geld wollte - und dass er drohte, bei Nichterfüllung seiner Ansprüche zum Trainingsstart nicht zu erscheinen. Eine offensivere Informationspolitik zu früherer Zeit - und viel Häme wäre Lepsch und Energie erspart geblieben. Doch das ist ein Problem, das den Fußball im Osten an vielen Standorten plagt: Das Management weist oft beachtliche Kompetenzlücken auf. Auch, weil die ostdeutschen Klubs zu oft im eigenen Saft schmoren?

In Cottbus hat der Schwabe Lepsch aus Epfendorf am Neckar, der in der Lausitz Sparkassendirektor wurde, einen insolventen und vor dem Sturz in die Regionalliga stehenden Verein saniert. „Ich habe Achtung vor Lepschs Arbeit“, sagt der Magdeburger Moldenhauer, „ein kooperativer und sachlicher Typ, der es aber als Wessi nicht leicht hat im Osten.“ Genau das ist das Problem: Lepsch, der mit eisernen Besen im Verein gekehrt hat, wird angefeindet in der Lausitz. Er stehle dem Klub sein Herz, sein familiäres Wesen, heißt es. Sogar über Rücktritt dachte er schon nach, als jetzt Drohanrufe bei seiner Familie eingingen.

„Unsere Außenwirkung war zuletzt fatal“

Moldenhauer sagt, dies sei ein Beispiel dafür, „dass im Osten oft die Offenheit für Einflüsse aus dem Westen noch nicht da ist. Da regiert das Misstrauen gegenüber Fremden.“ Lepsch, aber auch und vor allem der sächselnde Klub-Manager Steffen Heidrich gaben in den letzten Tagen oft kein gutes Bild ab, wenn es darum ging, ihr unpopuläres Vorgehen transparent zu machen. Heidrich stammelte wirr in einer Pressekonferenz, bei der Trainersuche wirkte er in den ersten Tagen konzeptlos. Der 40-Jährige, das wurde offenkundig, war überfordert. „Da war einiges sicher unglücklich. Heidrich ist aber erst ein Jahr Manager, man muss ihm gewisse Fehler zugestehen“, sagt Lepsch, der hofft, dass nach der Verpflichtung des slowenischen Trainers Bojan Prasnikar Ruhe einkehrt: „Unsere Außenwirkung war zuletzt fatal.“

Moldenhauer hat Defizite im Marketing- und Managementbereich bei vielen seiner Vereine festgestellt. Zweimal schon bat er deshalb die Klubs zu einer Fortbildungsveranstaltung. Die Resonanz aber war mehr als dürftig. Keine 50 Vereinsvertreter kamen. „Die meisten denken wohl, sie können alles. Aber das ist ein Irrglaube.“ Nächstes Jahr wolle er, gemeinsam mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL), einen neuen Vorstoß wagen. Denn die Aktualität zeige, dass zu viel aus dem Ruder läuft im Osten. Nicht bei der Jugendarbeit, in die der DFB auch jährlich drei Millionen pumpt, aber oftmals auf höchster Ebene. Weshalb viele Talente vielleicht auch frühzeitig abwandern.

Gewaltexzesse der Dynamo-Fans schöngeredet

Der Fall Hansa Rostock. Ein chaotisches Bild gab der Aufsteiger lange ab. Die wichtigste Transferphase wurde verpasst, weil Manager Stefan Studer und Trainer Frank Pagelsdorf völlig zerstritten waren. Die Vereinsführung, im Grunde ein seit vielen Jahren in sich geschlossener Zirkel, wirkte planlos, bevor Studer degradiert wurde. Als neuer Manager kam ein alter Bekannter: Herbert Maronn, der ein Jahr zuvor selbst aufgegeben hatte. Ein Coup auf dem Transfermarkt gelang auch ihm nicht, deshalb bezweifeln trotz jüngster Achtungserfolge viele Experten die Bundesliga-Tauglichkeit.

Der Fall Dynamo Dresden. Vorwärts in die Vergangenheit lautet das Motto des achtmaligen DDR-Meisters. In dieser Woche heuerte der Klub Eduard Geyer an, der vor 17 Jahren schon Trainer war. Der heute 62-Jährige war zuletzt bei Sachsen Leipzig in der Oberliga kläglich gescheitert. Doch dem Dresdner Management fiel offenbar nichts mehr Innovatives ein. Auch das hat an der Elbe längst Tradition. Es dauerte Jahre, bis der Verein sich auf Druck des DFB unlängst von Geschäftsführer Volkmar Köster trennte, der nicht nur sportlich eine schlechte Bilanz aufwies, sondern auch stetig die Gewaltexzesse der Fans schönredete. Geyer verdiente übrigens zuletzt in Leipzig noch 15.000 Euro im Monat. Das erklärt mit, warum dem Oberligaklub FC Sachsen die zweite Insolvenz nach 2001 droht. Rund eine Million Verbindlichkeiten, darunter 250.000 Euro kurzfristig, drücken. Die Klubführung wirkt chaotisch, den Etat stemmte zum größten Teil Kinowelt-Chef Michael Kölmel, der es aber leid ist, immer wieder in ein Fass ohne Boden zu investieren.

Die Strukturen sind noch allzu amateurhaft

Der Fall Carl Zeiss Jena. Trainer Frank Neubarth, auf den letzten Metern der Saison noch der Retter, wurde früh gefeuert. Sportdirektor Lutz Lindemann steht schwer in der Kritik. Bei Carl Zeiss musste jetzt die DFL einschreiten und verbieten, dass in der vorgelegten Form ein 25-Millionen-Vertrag mit zweifelhaften russischen Investoren mit Firmensitz auf den Jungferninseln zustande kommt. Die Russen wollen offenbar nicht nur Macht im Verein an sich reißen, sondern auch der Verdacht der Geldwäsche kam bereits auf.

Noch immer also ist der Ostfußball eine hübsche Spielwiese für seltsame Geldgeber. Kein Zufall, denn allzu amateurhaft sind bisweilen noch die Strukturen. Auch die frühere Cottbuser Führung mit den Einheimischen Dieter Krein und Klaus Stabach fiel einst auf unseriöse Geschäftspartner herein - das versprochene Geld floss nie, dafür blutete der Verein finanziell. Die Fehler von damals muss heute noch der viel gescholtene Ulrich Lepsch ausbügeln.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.09.2007, Nr. 39 / Seite 20
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