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Fußball Freizeitpark Bundesliga

02.11.2005 ·  Der Friedensgipfel mit Bundestrainer Klinsmann hat die Gemüter beruhigt. Aber das Hauptproblem bleibt: Im Training deutscher Klubs herrschen „mittelalterliche Zustände“. Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft sind dem Fußball seit jeher verdächtig.

Von Gerd Schneider
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Bis vor kurzem war der Name von Pedro Balzar Gonzalez nur in der Hamburger Sportszene halbwegs bekannt. Der 35 Jahre alte Sportwissenschaftler der Universität Hamburg ist spezialisiert auf das Thema Fitness, er arbeitete etwa als Konditionstrainer für den Fußball-Regionalligaklub FC St. Pauli und bei den Eishockeyprofis der Hamburg Freezers.

Doch neuerdings ist der gebürtige Würzburger ein gefragter Mann. Er gibt Zeitungsinterviews, ist im Fernsehen zu sehen und im Radio zu hören. Das hat einen guten Grund. Gonzalez hat für seine Doktorarbeit das Konditionstraining in der Fußball-Bundesliga untersucht. Und spätestens seitdem durch die Diskussion um die Konditionsübungen von Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Fitness der Fußballprofis zu einem öffentlichen Thema geworden ist, gilt Gonzalez als Kronzeuge - dafür, daß in der Bundesliga etwas nicht stimmt.

Ein desaströses Zeugnis

Noch ist seine Dissertation nicht beendet. Doch schon jetzt steht fest, daß die Untersuchung der Bundesliga ein desaströses Zeugnis ausstellt. Gonzalez ist durch die Republik getingelt und hat sich, auch anhand von detaillierten Fragebögen, bei 15 von 18 Erstligaklubs ein Bild über den Trainingsalltag und die Bedingungen dort gemacht. Herausgekommen ist eine imposante Mängelliste. Grob vereinfacht, lassen sich die Befunde so zusammenfassen: Es wird zu wenig trainiert, es wird falsch trainiert, es fehlt an qualifizierten Konditionstrainern, die technische Ausstattung läßt zu wünschen übrig, außerdem gibt es kaum Leistungskontrollen.

"In puncto Fitness und Kondition ist die Bundesliga rückständig, es herrschen teils mittelalterliche Zustände", sagt Gonzalez, "im internationalen Vergleich hinkt der deutsche Fußball weit hinterher." Das Urteil des Hamburger Sportwissenschaftlers fällt so radikal aus, daß es selbst das plumpe Klischee von den "Faulenzern" in der Bundesliga zu bestätigen scheint. Entsprechend heftig fallen die Reaktionen aus der Liga aus. So hält es Friedhelm Funkel, der Trainer der Frankfurter Eintracht, für "völlig fehl am Platz", die Fitness der Bundesligaspieler anzuzweifeln.

Empörte Reaktionen

Doch Funkel und seinen Trainerkollegen dürfte es schwerfallen, die Ergebnisse der Hamburger Analyse zu widerlegen. "Zum Glück habe ich das alles schriftlich", sagt Gonzalez, "sonst würde mir das keiner glauben." Natürlich muß man sich vor der Annahme hüten, eine einzige wissenschaftliche Arbeit entwerfe ein vollständiges Bild vom Trainingsalltag der Bundesliga. Aber immerhin ist es jetzt, womöglich zum ersten Mal, gelungen, den undurchlässigen Vorhang zu heben, hinter dem sich der Profifußball abschottet. Aus der "Black Box" Bundesliga dringt nichts heraus, aber eben auch nichts hinein - schon gar nicht neue Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft, die dem Fußball seit je verdächtig ist. Symptomatisch - und verräterisch - waren die empörten Reaktionen der Liga auf das Klinsmannsche Fitnessprogramm im Kreis der Nationalmannschaft. Der Saarbrücker Sportmediziner Professor Wilfried Kindermann, der seit langem die Nationalspieler medizinisch betreut, sagt: "Offensichtlich interessiert nicht, was gemacht wird, sondern daß sich jemand erdreistet, andere Wege zu gehen."

Dabei ist es höchste Zeit für eine seriöse Generaldebatte. Daß es in der Bundesliga (auch) bei der Fitness, der einstigen Mutter aller deutschen Fußballtugenden, Defizite gibt, dafür sprechen inzwischen viele Indizien. Der Fußball ist extrem "schnell" geworden, er stellt immer höhere Anforderungen an die Athletik der Spieler, die heute schnell und zugleich ausdauernd sein müssen. Doch sportmedizinische Untersuchungen wie die von Professor Kindermann zeigen, daß der deutsche Fußball auch bei der Athletik nicht Schritt gehalten hat mit dieser Entwicklung. Dazu paßt die Beobachtung des Sportwissenschaftlers Gonzalez, daß 40 Prozent der von ihm untersuchten Bundesligaklubs auf die Dienste eines Konditionstrainers verzichten. Vor allem eine methodische Schulung von Kraft und Schnelligkeit werde in der Bundesliga vernachlässigt. Amerikanische Profiklubs etwa im Basketball oder Eishockey dagegen leisten sich bis zu fünf Fitnesstrainer.

Das Prinzip Bauchgefühl

Im deutschen Fußball aber herrscht vielerorts das Prinzip Bauchgefühl. Die meisten Bundesligatrainer sind jenseits der 50, sie verlassen sich oft auf das, was sie einst als Profis selbst im Training erlebt und erfahren haben. Und es war eben schon immer so, daß während der Saison einmal am Tag trainiert wird - als ob ein Tagespensum von vier oder fünf Stunden, in nahezu allen anderen Sportarten üblich, Fußballprofis schaden würde.

Gonzalez kam bei seiner Untersuchung auf einen statistischen Mittelwert von zehn Stunden pro Woche; da es sich um Selbstauskünfte der Klubs handelt, dürfte der tatsächliche Trainingsumfang eher niedriger sein. Athleten und Trainer aus anderen Sportarten haben sich schon immer gefragt, wie es die Fußballer schaffen wollen, sich mit anderthalb Stunden Training pro Tag zu verbessern - in Schußtechnik, Taktik, Zweikampfverhalten, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit. Um diese Frage beantworten zu können, braucht man kein Sportwissenschaftler zu sein: Man muß sich die Spiele in der Bundesliga nur anschauen.

Die 10-Stunden-Woche
Wir haben bei einem Bundesligaprofi nachgefragt - hier das typische Wochenprogramm bei seinem Klub:
Montag: frei
Dienstag: zweimal Training, vormittags eineinhalb Stunden, nachmittags eine bis eineinhalb Stunden. Treffen jeweils eine halbe Stunde vorher.
Mittwoch: einmal Training.
Donnerstag: einmal Training.
Freitag: Abschlußtraining. Kürzer als sonst, garniert mit Sprints, um die Spannung hochzutreiben. Abends Hotelaufenthalt, Kurztrainingslager.
Samstag: Frühstück, Spaziergang, Mittagessen, Besprechung, Spiel.
Sonntag: vormittags auslaufen, vierzig bis fünfzig Minuten.
Allgemein während der Woche: individuelles Zusatztraining im Kraftraum, Pflege und Massage.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.10.2005, Nr. 43 / Seite 17
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