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Veröffentlicht: 06.06.2012, 06:25 Uhr

Zlatan Ibrahimovic Exzentrischer Serientäter

Was andere mit dem Ball machen, macht er mit einer Apfelsine - nach eigener Aussage. Zlatan Ibrahimovic eckt nicht nur auf dem Spielfeld an. Die Erfolge sprechen aber für den Schweden. Teil 14 des FAZ.NET-EM-Countdowns.

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© dapd Wer ist dieser Mann? Mangelndes Profil kann Zlatan Ibrahimovic niemand vorwerfen

Ein Stürmer muss nicht nur dahin gehen, wo es wehtut, sondern auch am besten schon dort stehen, wohin der Ball kommt. Zlatan Ibrahimovic war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort – nicht nur im Strafraum.

Tobias Rabe Folgen:

Bei fünf Vereinen spielte der Schwede in den vergangenen neun Jahren und in jeder Spielzeit gewann Ibrahimovic mit seiner Mannschaft die nationale Meisterschaft. Die Serie wäre noch eindrucksvoller, wenn Amsterdam nach dem Titel 2002 ein Jahr später nicht um einen Punkt geschlagen worden wäre.

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Nach dem zweiten Erfolg mit Ajax (2004) wurden die ersten Plätze in den Folgejahren mit Juventus Turin (2005 und 2006) zwar wegen des Manipulationsskandals nachträglich aberkannt, aber so genau nimmt es der Stürmer nicht.

Die folgenden Titel mit Inter Mailand (2007, 2008 und 2009), dem FC Barcelona (2010) und dem AC Mailand waren wieder unstrittig. Erst in dieser Saison riss die herausragende Serie; mit Milan wurde Ibrahimovic hinter Juventus Turin „nur“ Zweiter.

Dehnen für die Europameisterschaft? Ibrahimovic ist der große Hoffnungsträger der Schweden © dapd Vergrößern Dehnen für die Europameisterschaft? Ibrahimovic ist der große Hoffnungsträger der Schweden

Dass er auf dem Fußballplatz einmal ein „ganz Großer“ werden würde, sagte sein bosnischer Vater Sefik, der seine kroatische Frau in Schweden kennengelernt hatte, sich von ihr später aber scheiden ließ, schon, als Zlatan vier Jahre jung war und noch keine 1,95 Meter groß.

Die Leiterin der früheren Schule allerdings sah in ihm den „Prototypen eines Jungen, mit dem es böse endet“, wie der Kicker schon 2004 berichtete. Ibrahimovic wuchs in Rosengard, einem Vorort von Malmö, mit damals 84 Prozent Ausländeranteil auf.

Akrobatik pur: Der Schwede steht für besondere Aktionen - auch dank Taekwondo in der Jugend © AFP Vergrößern Akrobatik pur: Der Schwede steht für besondere Aktionen - auch dank Taekwondo in der Jugend

Damals begann er mit Taekwondo, der koreanischen Kampfsportart, der er nach eigener Aussage nicht nur einen schwarzen Gürtel, sondern auch seine Beweglichkeit verdankt.

Fußball spielte Ibrahimovic, der eine Schwester und je zwei Halbschwestern und Halbbrüder hat, zunächst auf der Straße, später beim FBK Balkan Malmö. Dort drehte er einst ein Spiel nach der Einwechslung zur Halbzeit von einem 0:4 mit acht Toren zum 8:4-Sieg – und saß schon damals wegen disziplinarischer Probleme teils nur auf der Bank.

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Mit fünfzehn wollte Ibrahimovic schon aufhören – entschied sich dann um und erkämpfte sich im Jahr 2000 einen Stammplatz bei Malmö FF. Den Spähern von Ajax Amsterdam war das in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Talent nicht verborgen geblieben. Für 7,8 Millionen Euro wechselte es im Sommer 2001 in die Niederlande. Doch der Anfang war schwer. Trainer Co Adriaanse und vor allem die Fans wollten sich an der egoistischen Spielweise des Schweden nicht so recht erfreuen.

Ibrahimovic wurde mannschaftsdienlicher und in der Nationalelf zum Stammspieler, nachdem er bei der WM 2002 nur 30 Minuten zum Einsatz gekommen war. Bei Ajax schoss er das 4000. Ligator des Vereins, bei der EM 2004 beeindruckte er gegen Italien mit einem unvergessenen Hackentor.

Barcelona verließ Ibrahimovic nach nur einem Jahr wieder - dann trat er kräftig nach © dapd Vergrößern Barcelona verließ Ibrahimovic nach nur einem Jahr wieder - dann trat er kräftig nach

Doch ein vermeintlich absichtliches Foul an Klubkamerad Rafael van der Vaart in einem Länderspiel leitete seinen Abschieds aus Amsterdam ein. Der Niederländer revanchierte sich jüngst bei einem Golftraining, bei dem er auf ein Ibrahimovic-Foto zielte – und prompt unter lautem Gelächter traf.

Für 16 Millionen Euro wechselte Ibrahimovic am letzten Tag der Transferperiode nach Turin, zu „einer großen Mannschaft“, wie er es nannte. Am Ende der Saison wurde er erstmals in Schweden zum Fußballer des Jahres gewählt. Dabei war der Ruf dort nicht sein bester, dafür sorgte Ibrahimovic zumeist selbst. Einmal gab er sich mit einem Freund in Malmö als Zivilstreife aus – und wurde von echten Polizisten schließlich verhaftet.

Nach der Aberkennung der beiden Meistertitel und dem damit verbundenen Zwangsabstieg wechselte Ibrahimovic 2006 zu Inter Mailand. Dort stieg er zwar später mit zwölf Millionen Euro Jahresgehalt zum bestverdienenden Fußballer der Welt auf, doch aus der Nationalelf wurde er suspendiert, nachdem er den Zapfenstreich überzogen hatte. Dem selbst verkündeten Rücktritt folgte aber die Kehrtwende, 2007 lief er schon wieder für Schweden auf.

Im Sommer 2009 verließ Ibrahimovic Italien überraschend. Im Tausch mit Samuel Eto’o wechselte er nach Barcelona. Die Titelausbeute stimmte, wohl fühlte sich der Schwede bei den Katalanen aber nicht. Vor allem mit Josep Guardiola kam er nicht zurecht und tat dies auch bei jeder Gelegenheit kund: „Ich weiß nicht, wo das Problem lag. Wenn ich in einen Raum kam, in dem er war, verließ der Trainer das Zimmer.“ Auch die Kollegen Xavi, Iniesta und Messi kritisierte er in seiner Biografie als „Schuljungen ohne eigene Meinung“.

Für den AC Mailand schoss er zwar wieder etliche Tore - Meister wurde dennoch Juventus Turin © dapd Vergrößern Für den AC Mailand schoss er zwar wieder etliche Tore - Meister wurde dennoch Juventus Turin

Ibrahimovic kehrte nach Mailand zurück, allerdings zu Inters Stadtrivalen AC. Dort stand er nicht nur wieder im Mittelpunkt, sondern durfte auch als vorderste Sturmspitze spielen. Allerdings fiel der exzentrische Schwede nicht immer nur durch sportliche Glanztaten auf. Nach einer Zwei-Spiel-Sperre wegen eines Schlages in den Magen seines Gegenspielers kehrte Ibrahimovic zurück, um den Assistenten des Schiedsrichters zu beleidigen und gleich wieder aussetzen zu müssen.

Nationaltrainer Erik Hamren gesteht seinem besten Torschützen eine Sonderbehandlung zu und machte den Dreißigjährigen zum Kapitän: „Ich möchte jeden Spieler anders behandeln, um aus dem Einzelnen so viel wie möglich herauszuholen, damit er die Mannschaft so gut wie möglich machen kann.“

Nationaltrainer Erik Hamren setzt auf den exzentrischen Stürmer © AFP Vergrößern Nationaltrainer Erik Hamren setzt auf den exzentrischen Stürmer

Dabei gewann das Team statistisch ohne Ibrahimovic mehr Punkte als mit ihm. Solche Zahlen interessieren den selbstbewussten Stürmer kaum. Über den Norweger John Carew sagte er: „Was der mit dem Ball macht, mache ich mit einer Apfelsine.“

Dass Ibrahimovic bei der EM gegen die Ukraine, England und Frankreich spielt, haben die Schweden auch dem bosnischen Verband zu verdanken. Nach einem Probetraining eröffneten sie ihm, dass es nicht für die erste Mannschaft reiche. Fortan lief der Stürmer für Schweden auf. Beim Turnier 2012 sollte er sich aber besser benehmen als einst gegen San Marino. Obwohl Kim Källström als Elfmeterschütze vorgesehen war, verwandelte Ibrahimovic. Verständlich, dass kein Mitspieler anschließend zum Jubeln kam.

Alle Informationen zu Schweden im Überblick

Spielplan bei der EM 2012:

Montag, 11. Juni, 20.45 Uhr: Ukraine – Schweden (in Kiew)
Freitag, 15. Juni, 20.45 Uhr: Schweden – England (in Kiew)
Dienstag, 19. Juni, 20.45 Uhr: Schweden – Frankreich (in Kiew)

Trainer: Erik Hamren

Plazierung in der Weltrangliste: 17.

Größter Erfolg: EM-Halbfinale 1992, WM-Zweiter 1958

Bisheriges Abschneiden bei Turnieren:

Weltmeisterschaften:

1958: Zweiter
1950 und 1994: Dritter
1938: Vierter
1934: Viertelfinale
2002 und 2006: Achtelfinale
1974: Zwischenrunde
1970, 1978 und 1990: Vorrunde
1954, 1962, 1966, 1998 und 2010: nicht qualifiziert

Europameisterschaften:

1992: Halbfinale
1964 und 2004: Viertelfinale
2000 und 2008: Vorrunde
1968 bis 1988 und 1996: nicht qualifiziert

FAZ.NET zählt den Countdown bis zum Anpfiff der Fußball-Europameisterschaft am 8. Juni. An jedem Tag wird ein herausragender Spieler eines Kontrahenten der deutschen Elf porträtiert.

Quelle: FAZ.NET

 

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