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Ungarn bei der EM : Storcks langer Anlauf

Hat viel investiert in sein Projekt Ungarn: Bernd Storck Bild: AP

Über Zentralasien nach Ungarn: Der deutsche Trainer führt den ungeschlagenen Gruppensieger ins Achtelfinale – auch deshalb, weil die ganze Nation an dieses Team glaubt.

          Der große Gewinner unter den Trainern der EM-Vorrunde war ein Deutscher. Er heißt nicht Joachim Löw. Doch die Vorrunde ist schon Vergangenheit, und Bernd Storck hat verboten, von der Vergangenheit zu reden. Die Ungarn, findet er, haben mehr als sechzig Jahre der „Goldenen Mannschaft“ um Ferenc Puskás nachgetrauert. Nun jubeln sie mit einer neuen Mannschaft, und darauf, sagt Storck, „bin ich stolz“. Das Team, das laut der Recherche seines Assistenten Andreas Möller mit dem geringsten addierten „Marktwert“ aller 24 EM-Teilnehmer antrat, hat sich teuer verkauft und die sportlich stärkste Leistung aller Außenseiter gezeigt. Als ungeschlagener Gruppensieger vor Island, Portugal und Österreich wird es im Achtelfinale an diesem Sonntag gegen Belgien (21 Uhr / Live im EM-Ticker auf FAZ.NET) bestimmt nicht mehr unterschätzt.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Von allen Außenseitern der EM spielt Ungarn den aktivsten, offensivsten Fußball. „Ich gehe volles Risiko, habe keine Angst zu versagen“, sagt Storck über sich und seine Art. „So gebe ich auch meinen Spielern die Möglichkeit, sich selbstbewusst zu zeigen.“ Die überraschend forsche Spielweise des Teams trägt die Handschrift eines Trainers, der stets kontrolliert, aber entschlossen und energisch auftritt. Die Spieler sollen sich, entgegen der in Ungarn üblichen Denkweise, etwas trauen, fordert er. Und sie tun es.

          Storcks Erfolg ist umso bemerkenswerter, als das aufsehenerregende 3:3 im letzten EM-Gruppenspiel gegen Portugal in seiner Karriere, sieht man von zwei Jahren in Kasachstan ab, erst die zwölfte Partie als Cheftrainer war. Der Mann, der 2008 bereit war, als Trainer einer Junioren-Auswahl sechstausend Kilometer weit weg von Lebensgefährtin und Tochter nach Zentralasien zu gehen, weil er, wie er sagt, nach dreizehn Jahren als Bundesliga-Assistent von Jürgen Röber in Deutschland „nicht mal einen Job in der dritten Liga angeboten bekam“ - er ist nun, mit 53 Jahren, auf einen Schlag ein gestandener Trainer auf der größten Bühne Fußball-Europas. Keiner musste dafür solch einen langen Anlauf nehmen.

          Wichtig fürs ungarische Spiel: Laszlo Kleinheisler
          Wichtig fürs ungarische Spiel: Laszlo Kleinheisler : Bild: dpa

          Und auch das war am Ende nur möglich, weil Vorgänger Pál Dárdai, den Storck Mitte der neunziger Jahre ebenso wie den mit vierzig Jahren heute immer noch im Tor stehenden Gábor Király bei einem Juniorenturnier entdeckt und nach Berlin geholt hatte, sich im vergangenen Sommer entschied, die Doppelbelastung zu beenden und nur noch Hertha BSC zu trainieren. Stattdessen übernahm Storck einen Doppeljob: Er blieb Sportdirektor und wurde dazu Nationaltrainer, begleitet von der anfänglichen Skepsis der ungarischen Sportpresse. „Keine Kompromisse“, mit diesem Motto hat der aus Herne stammende Westfale die Sache durchgezogen.

          Er entließ einige ungarische Teilzeittrainer, holte den früheren Mitspieler Möller, an dessen Seite er als knorriger Verteidiger mit Borussia Dortmund 1989 den DFB-Pokal gewann, als Assistenten und Vertrauten, machte einen weiteren Deutschen, Holger Gehrke, zum Torwarttrainer. Und er setzte auf junge Spieler, selbst wenn die in der schwachen ungarischen Liga oft nicht mal regelmäßig eingesetzt wurden. Zum Glückstreffer wurde László Kleinheisler, den er aus der dritten ungarischen Liga ins Team holte. Er traf bei seinem Debüt beim Play-off-Spiel in Norwegen und leitete den ersten EM-Treffer der Ungarn gegen Österreich ein. Frankreichs Sportzeitung „L’Équipe“ nahm den 22-jährigen Angreifer, im Winter nach Bremen gewechselt, dort aber kaum eingesetzt, in ihre „Elf der Vorrunde“ auf.



          Dreißig Jahre lang hatte sich Ungarn nicht mehr für eine Welt- oder Europameisterschaft qualifiziert. So war Storcks Ziel vor dem Turnier nicht eine bestimmte Plazierung, sondern ein Mentalitätswandel. Ein Team sollte wachsen - das geschah auch durch gemeinsame Donaufahrten, Museumsbesuche, Bergtouren - und damit auch Ungarns Glaube an dieses Team. Nun scheint sein Ziel schon erreicht: „Die Nation aus dem Dornröschenschlaf wecken“. Ein Grimmsches Fußballmärchen ist es noch nicht. Aber schon eine der besten Geschichten der EM.

          Quelle: F.A.S.

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