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Schwedens Superstar Ibrahimovic : Große Klappe – und was dahinter

Zwischen Akrobatik und Irrsinn: Zlatan Ibrahimovic, die individuelle Einzelattraktion im Weltfußball Bild: Reuters

Wenn Zlatan Ibrahimovic bei der EM für Schweden aufläuft, weht ein Hauch von Abschied mit. Für sein Land ist er mittlerweile ebenso bedeutsam wie Abba, Ikea oder Volvo. Doch das reicht ihm noch nicht.

          Vergangene Woche hat Zlatan Ibrahimovic einen Mann gewürdigt, der vielleicht noch ein bisschen größer war als er. Auch wenn er das so nicht gesagt hat. „Er war für mich eine große Inspiration. Mein Traum war es, ihn einmal zu treffen. Leider ist das nun nicht mehr möglich.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Ein bisschen von Muhammad Ali findet Zlatan Ibrahimovic wohl auch in sich selbst wieder. Im Fußball, wohl auch sonst in der politisch korrekten Welt des Sports, findet sich niemand mehr sonst, der in Sprüchen, Auftreten, Provokationen dem alten Ali so ähnlich wäre - diesem Mix aus Ego und Entertainment, diesem „Ich bin der Größte“, das mit einem Augenzwinkern einhergeht, aber nur einem ganz kleinen. So können die einen, für die er tatsächlich der Größte ist, ihm glauben. Und die anderen, die das als Show-Element erkennen, ihn einfach nur unterhaltsam finden.

          „Geh in dein Büro und schreib Briefe“

          Über Pep Guardiola sagte er: „Den Philosophen braucht hier keiner, der Zwerg und ich genügen vollkommen.“ Der „Zwerg“ war Messi. Zu Louis van Gaal: „Hör mal, Meister, du hast mir gar nichts zu sagen - geh in dein Büro und schreib Briefe.“ Und nach seiner wohl letzten großen Champions-League-Darbietung, dem Sieg mit Paris St-Germain bei Chelsea im März: „Ich wurde alt geboren und werde jung sterben.“ Sätze, die man sich erst mal trauen muss. Sätze wie von Ali.

          Und so wie Ali in seiner famosen Arroganz die Runden vorhersagte, in denen er den Gegner ausknocken würde, schien auch Ibrahimovic in besonderen Momenten Herr über die Zeit zu sein. Bis zum 4. September 2014 hatte er in seiner Profi-Karriere in jeder einzelnen Minute eines Spieles mindestens einmal ein Tor erzielt. Nur eine fehlte noch. Als er dann gegen Estland sein 50. Länderspieltor schoss und schwedischer Rekordtorschütze wurde, fiel dieser Treffer exakt in der noch fehlenden, der 24. Minute. So komplettierte er eine einmalige Sammlung, von der ersten bis zur neunzigsten. Ein Tor für jede Minute, für jeden Moment im Leben.

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          Er war dreizehn Mal nationaler Meister, zehnmal Fußballer des Jahres, war der bestverdienende Spieler der Welt. Zugleich gewann er nie einen internationalen Titel, schoss nie ein WM-Tor. Und nun, mit 34, bei seiner vierten EM, gibt er wohl das letzte Hurra auf der internationalen Bühne. Aber eine Bühne braucht er nicht mehr, er schafft sie sich selbst, wo er hinkommt. Und Titel auch nicht, er hat seinen eigenen, er ist „Ibra“.

          Auf seine späten Tage erlebt er aber plötzlich etwas Neues: gemocht zu werden. Ibrahimovic wird nicht mehr so sehr wie früher als das aggressive Alphatier wahrgenommen, das Mit- oder Gegenspieler drangsaliert. Oder als das Ego-Monster, das wie sonst nur Winnetou und Lothar Matthäus gern von sich in der dritten Person spricht („Zlatan ist auch nur ein Mensch. So wie ein weißer Hai auch nur ein Fisch ist.“). Immer mehr würdigen ihn die Fußballfreunde als jenen großen Solisten, der mit Aktionen im Doppelpass von Akrobatik und Irrsinn die größte individuelle Attraktion des Weltfußballs wurde.

          Spätestens seit seinem Jahrhundert-Tor vor vier Jahren beim 4:2 gegen England, diesem Fallrückzieher aus 25 Metern, ist er eine Legende. Einen so artistischen Kraftprotz wie den Zwei-Zentner-Brocken aus Schweden hat der Fußball noch nicht gesehen. Nicht der beste Spieler, aber der spektakulärste, keiner für die ganz großen Siege, aber für die ganz großen Momente. Zwei davon hat er auch bei Europameisterschaften geschaffen, 2004 gegen Italien mit einem Außenristschuss in Kopfhöhe mit Rücken zum Tor, 2012 gegen Frankreich mit einem Volley im seitlichen Tiefflug.

          © Youtube

          Ibrahimovic ist inzwischen der schillerndste Exportartikel Schwedens, so bekannt wie Abba, Ikea, Volvo. Dabei hat er die Bindung zur Heimat, die schon früh zu klein geworden war für sein Ego und sein Talent, nie gekappt, im Gegenteil. 2010 machte Nationaltrainer Erik Hamrén ihn zum Kapitän, und seitdem erlebt man, zumindest in den schwedischen Farben, einen anderen, nicht stets auf Krawall gebürsteten Ibrahimovic, sondern einen vorbildlichen Anführer. „Ich fühle mich schwedisch, auch wenn ich gerade nicht dort lebe. Ich versuche nach wie vor, Schweden zu repräsentieren“, sagte er vor einigen Wochen dem „Guardian“. „Ich stehe für das neue Schweden, die neue Generation, mit all den neuen kulturellen Hintergründen. Ich bin sehr stolz auf das, was wir geleistet haben, mit all den Immigranten, die für Stabilität in Schweden gesorgt haben.“

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