Als Oliver Neuville in seinen schwarzen Chrysler Cruiser PT stieg, war der Parkplatz vor BayArena leer gefegt. Dunkel und feucht war es, Nieselregen ging wie eine sanfte Dauerdusche nieder.
Oben, im Vip-Raum des Stadions wurde ein Fenster geöffnet und die Geräusche fröhlich feiernder Menschen drangen in die äußerste Ecke des PKW-Abstellplatzes, wo Neuville sein amerikanisches Traditionsgefährt mit dem Schweizer Kennzeichen aus dem Kanton Tessin geparkt hatte. Aus den Sprachfetzen, die aus den lauten Diskussionen der wohlhabenden Fußball-Freunde nach unten drangen, waren Wörter wie "Titel" und "Meisterschaft" zu vernehmen.
Neuville erinnert an Erlebnis vor zwei Jahren
Oliver Neuville, zwei Stunden zuvor als dreifacher Torschütze beim 4:1 (2:1) über den Hamburger SV überschwänglich bejubelter Stürmer von Bayer 04 Leverkusen, schüttelte kurz den Kopf. "Wir sollten uns gut daran erinnern", sagte der deutsche Nationalspieler leise, "was uns vor zwei Jahren widerfahren ist. Da glaubten wir Bayern München abgehängt zu haben und sind dann noch auf die Nase gefallen."
Bevor der stille Anti-Star davon fuhr, rang er sich aber noch zu einer Aussage durch, die eine Bestätigung der sich festigenden Erkenntnisse jahrelanger Beobachter der Leverkusener Mannschaft war. "Es stimmt, besseren Fußball haben wir noch nicht gespielt."
"Ich rede nicht vom Titel, ich rede von gutem Fußball"
Im Vip-Raum berauschte man sich derweil an der Statistik und den Zahlen, als Jörg Wontorra im Fernsehen bei der "ran"-Sendung verkündete, die Leverkusener Startserie von elf Siegen und drei Unentschieden sei "neuer Bundesliga-Rekord". Von der Bayern-Bestmarke von 23 Siegen vom Start weg in der Spielzeit 1988/89 sind die Leverkusener zwar noch weit entfernt, doch tatsächlich ist noch nie eine Mannschaft nach 14 Spieltagen besser gestartet als Bayer 04 im Herbst 2001.
"Ich rede nicht vom Titel, ich rede von gutem Fußball", meinte Trainer Klaus Toppmöller, bevor er zum Besuch beim ZDF-Sportstudio startete. Vier Punkte Vorsprung auf den FC Bayern lösen bei dem 50-Jährigen keine überzogenen Zielsetzungen aus. Aber seine Spieler spüren immer deutlicher, dass tatsächlich ein Wandel eingetreten ist.
"Alle wollen nur das eine"
"Bei uns passt alles zusammen. Wir sehen, dass hier etwas zusammengewachsen ist", sagte Jens Nowotny. Der Kapitän sprach aus, was Toppmöller noch nicht thematisieren will. "Alle wollen nur das eine", sagte Nowotny, blieb die konkrete Erläuterung des Begehrens aber schuldig.
Die hatte er schon eine Woche zuvor nach dem 2:1 in Köln von sich gegeben. "Ein Titel" fehle noch, um Bayer 04 zu einem echten Topteam zu machen. Der 27-Jährige, schon im siebten Jahr in Leverkusen, kann die neuen Qualitäten seiner Mannschaft besonders gut beurteilen. Auch unter Christoph Daum war das Team schon kampfstark und taktisch gut sortiert.
Fußball vom Feinsten
Aber Toppmöller hat es bislang geschafft, das vorhandene Potenzial zu verbessern. Der Auftritt gegen den HSV, der sieben Spiele nach dem Trainerwechsel von Frank Pagelsdorf zu Kurt Jara keinen Schritt nach vorne gemacht hat, bot Fußball vom Feinsten und eine perfekte Symbiose von starker Technik und konsequenter Kampfkraft.
Jörg Albertz hatte die Hanseaten zunächst in Führung (7.) gebracht und damit dem Bayer-Team den erforderlichen "Weckruf" erteilt. Bereits zum siebten Mal in dieser Bundesligaspielzeit gelang es den Rheinländern, nach einem Rückstand zu punkten. Michael Ballack (14.) und drei Toren von Neuville (27., 59., 63.) führten zum clubinternen Rekord von sieben Siegen hintereinander.
Für eine in Leverkusen selten erlebte Begeisterung auf den mit 22.500 Zuschauern voll besetzten Rängen sorgte aber der Fußball zum Genießen, den das Team präsentierte.
Ze Roberto wie Harry Potter
Die Spieler zeigten, dass sie - mittelfristig gesehen - noch nie so gut waren wie unter Toppmöller. Das Trio Ballack, Neuville und Ze Roberto wies höchsten internationalen Standard nach. Der trickreiche, pfeilschnelle Brasilianer präsentierte sich wie der Harry Potter der Bundesliga.
Toppmöllers Zauber-Schüler bediente Neuville mit drei blitzsauberen Torvorlagen. DFB-Teamchef Rudi Völler, der das Team vor einem Jahr betreut hatte, war höchst beeindruckt: "Das war toller Fußball, sehr attraktiv und erfolgreich." Mit großem Selbstbewusstsein fahren die Leverkusener nun zum Nachholspiel der Champions League am Mittwoch bei Juventus Turin.
Handlungsbedarf beim HSV
Beim HSV, der unter Jara zunächst in drei Spielen ein Remis und zwei Siege holte, ist Ernüchterung eingetreten. Denn dem kleinen Aufschwung schlossen sich drei Niederlagen und ein Unentschieden an. Während Jara sein Team gegen den Abstieg spielen sieht, meinte Klubchef Werner Hackmann: "Von Abstiegskampf zu sprechen, wäre verfrüht."
Der beginne erst fünf Spieltage vor Saisonende. Da der Trainerwechsel keinen anhaltenden Schub ausgelöst hat, sollen neue Spieler her. Hackmann: "Wir müssen uns verstärken. Es herrscht dringender Handlungsbedarf."