Der Rest ist reine Nervensache. Der FC Bayern München ist nach seinem schmucklosen 1:0 beim VfL Wolfsburg einen Spieltag vor Saisonende plötzlich wieder dort, wo niemand ihn noch vor wenigen Wochen vermutet hatte: der Titelverteidigung greifbar nahe.
Zwar haben es die Münchner nicht mehr selbst in der Hand, die vierte Meisterschaft in Serie zu gewinnen, doch allein die bedrohliche Nähe Oliver Kahns und seiner Kollegen dürfte den plötzlich wieder einholbaren Konkurrenten aus Dortmund und Leverkusen immenses Unbehagen bereiten.
„Überzeugt, dass wir noch Meister werden“
Zwei Punkte Rückstand auf den BVB, nur noch einen - es waren einmal neun - auf Leverkusen: Angesichts der letzten Spiele des Führungstrios und der dramatischen Titelgewinne des Rekordmeisters in der Vergangenheit, vor allem in den letzten beiden Jahren, konnten sich die Münchner Vereinsleiter weder eine gewisse Süffisanz noch eine Art Gewissheit nicht verkneifen, womöglich kaum fassbare Fußballgeschichte zu wiederholen.
Noch sei alles möglich, orakelte Karl-Heinz Rummenigge, dessen betontes “Mitleid“ mit den nun doch wieder abfangbaren Leverkusenern nach höflich formuliertem Hohn klang, zumindest aber nach den üblichen Psychospielchen. Die hat beim FC Bayern jeder im Repertoire. Mal mehr, mal weniger verdeckt.
“Ich bin überzeugt, dass wir noch Meister werden“, erklärte Trainer Ottmar Hitzfeld, nachdem seiner Mannschaft in wenig meisterlicher Manier durch eine unfreiwillige Dreier-Produktion des flankenden Willy Sagnol, des abfälschenden Marino Biliskov und des irritierten Claus Reitmaier in der 33. Minute das glückliche Siegtor gelungen war. Der Rest des Spiels interessierte hernach so gut wie niemanden mehr.
Bundesligarekord für Kahn
Auch nicht, dass die Bayern erneut auf den scheidenden Stefan Effenberg verzichteten, dafür aber die angeschlagenen Oliver Kahn und Mehmet Scholl aufbieten konnten. Was zählte, war einzig und allein, dass man die Bayern wieder einmal zu voreilig abgeschrieben hatte. Die Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation, die noch vor einem Monat äußerst gefährdet schien, ist nunmehr unter Dach und Fach.
Aber das Erreichen des Minimalziels war im Münchner Lager kein Thema, sondern Selbstverständlichkei - selbst wenn Franz Beckenbauer erfolglos versuchte, einen anderen Eindruck zu vermitteln. “Illusorisch“ wären alle Titelträume, meinte er und errötete beinahe bei so viel gestellter Bescheidenheit. Vielleicht wollte er aber sogar beim Flunkern ertappt werden.
Auch dass Uli Hoeneß die Titelchancen bei 4,7 Prozent, Rummenigge kaum höher bei fünf Prozent ansiedelte, musste einem wie pure Taktik vorkommen. Mannschaft und Trainer indes drehten nach dem Spiel erst richtig auf. Torhüter Kahn, der zum 19. Mal in dieser Saison zu Null spielte und damit einen Bundesligarekord aufstellte, gab bekannt, es reiche eben nicht, nur den schönsten Fußball zu spielen, wenn man diese Kunst nicht mit Effektivität und mentaler Stärke verbinden könne, während Kollege Hasan Salihamidzic später noch einmal hervorhob: “Wir haben gute Nerven.“
DerRest ist reine Nervensache
Gerichtet sei diese Botschaft durchaus auch an den BVB. Ob die Münchner ihre Wettbewerber mit solchen Aussagen nur ent-, oder aber sich selbst vielmehr ermutigen wollen, ist unklar, vor allem aber spielt es keine Rolle. Der Wirkung ihrer Mitteilungen sind sie sich offenkundig bewusst. Aus eigener Kraft ist es nicht mehr zu schaffen, sicher. Aber was bedeutete das schon in der Vergangenheit?
Ein Sieg über Rostock bei gleichzeitigen Punktverlusten der Dortmunder gegen Bremen und Leverkusens gegen Hertha BSC Berlin - und man hätte am Ende doch noch das schier Unmögliche wahr gemacht. Dass einen Großteil der Fußballfans hierzulande der Gedanke an dieses Szenario geradezu quält, scheint dem unvergleichlich polarisierenden FC Bayern große Freude zu bereiten.
“Die Anderen stehen jetzt enorm unter Druck und sind möglicherweise doch noch nicht so gefestigt. Sie haben ja zuletzt einige Rückschläge hinnehmen müssen“, dozierte Hitzfeld. “Wir dagegen haben unsere Krisen überstanden und nichts mehr zu verlieren.“ In seinem zuletzt meist enorm angespannten Gesicht war dabei ein Grinsen zu erkennen. Ein vielsagendes Grinsen. Der Rest ist nun reine Nervensache.