Home
http://www.faz.net/-gtl-75eh3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fußball als Schauspiel „Balotelli wusste, dass er sich ein Denkmal setzt“

 ·  Der Schriftsteller und Fußballstürmer Moritz Rinke vergleicht Fußball und Theater, spricht über die Würde Balotellis, das kindliches Erröten Messis und über deutsche Formen des Jubels.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)
© AFP Die Pose des Jahres: Wucht, Wut und Würde des Mario Balotelli

Herr Rinke, kurz vor Weihnachten wurde Ihr neues Theaterstück „Wir lieben und wissen nichts“ mit großem Erfolg am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt. Folgte ein besonderer Jubel?

Ja, aber das war ein etwas anderer Jubel als im Fußballstadion. Beim Theaterjubel gibt es eine klare Choreographie, die wird sogar geprobt. Die Schauspieler stehen in einer Reihe, halten sich an den Händen und verbeugen sich sehr formvollendet. Mario Gomez hat manchmal etwas von einem Theaterspieler, wenn er sich auf seine spanische Weise verbeugt. Meistens fallen wir Autoren auf der Bühne etwas heraus, weil wir es nicht so oft machen wie die Schauspieler. Aber ich habe mich in meinen zehn Jahren Theater immer formvollendeter verbeugt, das muss man trainieren. Obwohl ich manchmal gerne auf die Bühne stürmen würde, wie ich es auf dem Fußballplatz tue, wenn ich erfolgreich war.

Besteht nicht der große Unterschied zwischen Jubel im Theater und Jubel im Stadion darin, dass sich auf der Bühne eher das Ensemble freut und im Stadion jeder Torschütze für sich allein?

Ja, obwohl man beim Theaterjubel erst einmal die anderen, die Zuschauer jubeln lässt. Man wundert sich oft, wie gefasst die Schauspieler den Jubel entgegennehmen, als ob sie ihn messen würden oder noch nicht glauben können. Vielleicht sind sie auch noch im Übergang vom Spiel zur Realität des Zuschauerraums, in einem Zwischenland. Der eigene, individuelle Jubel findet dann hinter der Bühne statt. Es gibt aber eine Gemeinsamkeit zwischen Fußball- und Theaterspielern: dieses Hand-in-Hand-auf-die-Fankurve-Zuschreiten nach dem Spiel, nur dass die Fußballspieler die Hände ruckartig nach oben werfen und die Theaterspieler eher feierlich die Hände anheben, sich kurz ansehen und dann wieder verbeugen.

Aber kein Hauptdarsteller würde nach einem Premierenerfolg Anlauf nehmen und mit dem Bauch über die Bühne rutschen wie einst Jürgen Klinsmann als Torschütze bei seinem „Diver“.

Das würde ich gerne mal bei Gerd Voss oder Ulrich Matthes sehen! Nein, Schauspieler nehmen den hymnischen Beifall eher mit Demut und Würde entgegen, auch wenn sie innerlich fast durchdrehen vor Freude. Aber da im Theater alles geplant und geprobt ist, bleibt auch im Theaterjubel nichts dem Zufall überlassen, außerdem klatschen die Zuschauer ja immer. Der Jubel kann auch trügerisch sein, das wissen die Schauspieler, schon darum hält man sich mit der Ekstase zurück. Im Fußball wird zwar auch viel geprobt, trainiert, taktiert, aber ein Spiel ist dennoch unplanbar, Tore sind unplanbar, es fallen ja höchstens drei pro Spiel, außer wenn meine Mannschaft Werder Bremen spielt. (lacht) Durch das Spiel mit dem Zufall ist ein erfolgreicher Abschluss im Fußball immer auch eine emotionale Eruption und zieht andere Reaktionen nach sich als eine einstudierte Aufführung von Goethes „Faust“.

Als Stürmer der Autoren-Nationalmannschaft haben Sie in 37 Länderspielen 33 Tore geschossen - eine Quote wie früher Gerd Müller. Wie feiern Sie Ihre Treffer?

Im Autorenfußball ist das Jubeln so eine Sache. Bei der Weltmeisterschaft 2007 in Malmö hatte ich zwei Minuten vor Schluss den entscheidenden Treffer zum 2:1 gegen Ungarn erzielt. Ich lief in Richtung Eckfahne und wollte eine lange Jubelarie einleiten, um das Spiel zu verzögern. Auf Knien rutschend kam ich bei der Eckfahne an - aber mir folgte niemand von den Autoren-Nationalspielern. Vielleicht waren die alle so müde, dass sie nicht mehr schafften, bis zur Eckfahne zu laufen, um mit mir möglichst zeitschindend zu jubeln. Andererseits ist der deutsche Künstler kein Jubler - das erzählt viel über unsere Kultur.

Das heißt, Deutschland ist mehr E als U, also mehr auf Ernst bedacht denn auf Unterhaltung?

Ja, dass wir mehr E als U sind, zeigt sich ganz besonders im Autorenfußball! Nur einmal haben wir alle gemeinsam gejubelt: als wir die Europameisterschaft 2010 im Stadion Rote Erde in Dortmund gewonnen haben, gegen die Türkei im Elfmeterschießen. Nachdem unser Torwart Albert Ostermaier den letzten Elfmeter pariert hatte, stürmten wir kollektiv auf ihn zu. Aber gewöhnlich bleiben die Schriftsteller eher bei sich. Man nimmt den Erfolg zur Kenntnis und verarbeitet ihn in aller Stille zu Hause, aber nicht auf dem Platz. Vielleicht hätte unser langjähriger Trainer Hans Meyer mal den Jubel trainieren lassen müssen? Mal eine Einheit „Freude“?

Wie sehr vermissen Sie die Ausgelassenheit?

Ich sehne mich geradezu nach einer Traube, in der die Spieler übereinander herfallen. Ich glaube nämlich, dass Torjubel Kräfte freisetzt. Bei meinem einhundertsten Länderspieltor werde ich vorher ankündigen, dass ordentlich gejubelt werden muss. Da will ich nicht alleine jubeln.

Also wie die Profifußballer, die zur Eckfahne oder auf den Zaun klettern, die sich das Trikot über den Kopf ziehen oder mit ihren Fingern ein Herz formen. Wie empfinden Sie diese feierlichen Selbstinszenierungen?

Es gibt diese Art des Jubelns, die etwas sehr Selbstbezogenes hat und auf das eigene Marketing gerichtet ist. Die Fußballprofis sind ja vorwiegend Einzelunternehmer in einem Wanderzirkus geworden. Es wird immer schwieriger für Vereine, ein Kollektiv zu gründen oder zu steuern. Das sieht man zum Beispiel am Applaus von Cristiano Ronaldo. Wenn einer seiner Mitspieler ein Tor erzielt, dann entzieht er sich und jubelt kaum mit den anderen. Wenn er selbst getroffen hat, jubelt er alleine. Ein Tor reicht Ronaldo nicht, er muss auch im Jubel zeigen, dass er der Größte ist. Er zeigt auf sich, oder er hält bei Auswärtsspielen den Zeigefinger auf den Mund als erzieherische Maßnahme: So, nun seid mal schön ruhig, ihr Katalanen!

Gibt es für Sie Jubelrituale, die Sie als sympathisch empfinden?

Lionel Messi sehe ich unheimlich gerne jubeln. Ich habe ich immer das Gefühl, dass er gar nicht weiß, dass die Kamera ihn im Blick hat. Es wirkt wie eine reine, fast unschuldige, dankbare Freude, gemischt mit einem kindlichen Staunen. Er wirkt wie ein Kind, das über sein Tun errötet. Man kann ja in der Freude sehr gut den Charakter eines Menschen erkennen. Auch Miroslav Kloses Salto ist ein spektakuläres Jubelritual, das bei ihm trotzdem bescheiden wirkt, der Salto hatte bei ihm oft noch etwas von einer Pflichtübung. Sehr schön fand ich auch, obwohl es kein Torjubel war, den Kuss von Laurent Blanc auf die Stirn von Fabien Barthez in der glorreichen französischen Weltmeistermannschaft von 1998.

Der berühmteste Jubel des Sportjahres 2012 war wohl eher eine Verweigerung: jene Bodybuilder-Pose Mario Balotellis nach seinem Treffer gegen die deutsche Mannschaft im Halbfinale der Fußball-EM. Wie haben Sie diese Geste empfunden?

Balotelli ist ja geradezu zu einer Marmorstatue erstarrt. Er hat sich das Nationaltrikot vom Leibe gerissen und ist fast zu einer neoklassizistischen Figur geworden oder wie eine dieser kraftvollen Big Nudes von Helmut Newton. Er wusste, dass ihm dieses Tor ein Denkmal setzt und hat es gleich selbst eingenommen. Das zeugt von sehr großem Selbstbewusstsein, aber diese Pose hat auch seine Rolle als schwarzer, in Italien angefeindeter Spieler mitgedacht. In dem Sinne: Jetzt müsst ihr mich bejubeln, aber kommt mir nicht zu nahe. Vielleicht hat er die Archaik dieser Pose ein bisschen karikiert und gleichzeitig genossen. Ich bin bei dem Tor zusammengebrochen, aber meine Freundin ist Tänzerin, und sie fand es ein sehr kraftvolles Zeichen. Sie sagt, das habe Stärke, Trotz, Wut und Würde ausgedrückt.

Im Moment ist es ja Mode, mit den Zeigefingern und Daumen ein Herz zu formen und ins Publikum zu zeigen. Ist das kreativ?

Es gibt bestimmte Rituale, die aktuell werden und sich durch Bilder weitertransportieren. Früher gab es eine Zeitlang das Hüpfen: Der Torschütze nimmt Anlauf, springt hoch, als ob er mit der Hand einen Apfel aus der Luft pflücken wollte. Calle del Haye, Günter Netzer, Klaus Fischer, Gerd Müller, das waren solche Jubler - wunderbar! Das sieht man heute leider kaum noch. Die Jubelgesten zeigen ja, wie man sich als Spieler sieht und wie man wirken möchte, es gibt bestimmt auch schon eine Managementberatung für den Torjubel. Nietzsche würde sagen: Wir jubeln heute apollinisch, nicht dionysisch. Also klar durchdacht, strukturiert, sehr bewusst, nicht im dionysischen, rauschhaften Formverlust. Die Überprüfung der eigenen Körper-Choreographie ist im Fußball sehr wichtig.

Das heißt, zum Jubel gehört auch die Kontrolle über das eigene Handeln in einem Ausnahmezustand?

Jeder Spieler muss eine Mischung aus Ekstase und Kontrolle oder Form für die Kamera finden, nur wenige Spieler vergessen die Kamera. Ich glaube, viele Spieler verschieben diese Explosion von Freude und bedienen erst einmal die Form für die Kamera, sozusagen die gerade gängige Mode des Torjubels.

Wenn ein Spieler die immer gleichen Rituale pflegt, wird dann die Bedeutung der Tore nicht äußerlich nivelliert? Dann wird doch der entscheidende Treffer im WM-Finale genauso gefeiert wie das Tor zum 11:0 in der ersten DFB-Pokalrunde gegen einen Amateurklub.

Vielleicht sind die Unterschiede im Ligabetrieb oder im Pokal nicht mehr so ablesbar. Aber ein Tor im Halbfinale oder gar im Finale einer WM, das ist gefühlt ein anderes Glücksmoment. Vor allem für Spieler, die sonst nie ein Tor erzielen. Wie zum Beispiel für Arne Friedrich, der ausgerechnet im WM-Viertelfinale 2010 gegen Argentinien getroffen hat! Für mich ist es so: Wenn ich in Freundschaftsspielen treffe, dann jubele ich anders, als wenn ich im WM-Endspiel ein Tor erziele. Mein schönster Torjubler war aber bei meinem allerersten Spiel im Herrenbereich, als ich von der B-Jugend ausgeliehen wurde und mit dem FC Worpswede in der Verbandsliga gegen den VSK Osterholz spielte. Ich wurde zehn Minuten vor Schluss eingewechselt, dann kam eine halbhohe Flanke und ich habe ihn als Flugkopfball zum 4:2 in die Maschen geköpft. Ich glaube, danach bin ich dreimal über den Platz gerannt.

Das Gespräch führte Thomas Klemm.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahre des Versagens

Von Paul Ingendaay

Die Zeit von José Mourinho bei Real Madrid ist abgelaufen. Der unbequeme Trainer ist aber nicht der einzige Grund für die Misere des Klubs. Präsident Pérez regiert mit beispielloser Ahnungslosigkeit. Mehr 1 4

Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Ergebnisse, Tabellen und Statistik