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Fußball als Schauspiel „Balotelli wusste, dass er sich ein Denkmal setzt“

 ·  Der Schriftsteller und Fußballstürmer Moritz Rinke vergleicht Fußball und Theater, spricht über die Würde Balotellis, das kindliches Erröten Messis und über deutsche Formen des Jubels.

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© AFP Vergrößern Die Pose des Jahres: Wucht, Wut und Würde des Mario Balotelli

Herr Rinke, kurz vor Weihnachten wurde Ihr neues Theaterstück „Wir lieben und wissen nichts“ mit großem Erfolg am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt. Folgte ein besonderer Jubel?

Ja, aber das war ein etwas anderer Jubel als im Fußballstadion. Beim Theaterjubel gibt es eine klare Choreographie, die wird sogar geprobt. Die Schauspieler stehen in einer Reihe, halten sich an den Händen und verbeugen sich sehr formvollendet. Mario Gomez hat manchmal etwas von einem Theaterspieler, wenn er sich auf seine spanische Weise verbeugt. Meistens fallen wir Autoren auf der Bühne etwas heraus, weil wir es nicht so oft machen wie die Schauspieler. Aber ich habe mich in meinen zehn Jahren Theater immer formvollendeter verbeugt, das muss man trainieren. Obwohl ich manchmal gerne auf die Bühne stürmen würde, wie ich es auf dem Fußballplatz tue, wenn ich erfolgreich war.

Besteht nicht der große Unterschied zwischen Jubel im Theater und Jubel im Stadion darin, dass sich auf der Bühne eher das Ensemble freut und im Stadion jeder Torschütze für sich allein?

Ja, obwohl man beim Theaterjubel erst einmal die anderen, die Zuschauer jubeln lässt. Man wundert sich oft, wie gefasst die Schauspieler den Jubel entgegennehmen, als ob sie ihn messen würden oder noch nicht glauben können. Vielleicht sind sie auch noch im Übergang vom Spiel zur Realität des Zuschauerraums, in einem Zwischenland. Der eigene, individuelle Jubel findet dann hinter der Bühne statt. Es gibt aber eine Gemeinsamkeit zwischen Fußball- und Theaterspielern: dieses Hand-in-Hand-auf-die-Fankurve-Zuschreiten nach dem Spiel, nur dass die Fußballspieler die Hände ruckartig nach oben werfen und die Theaterspieler eher feierlich die Hände anheben, sich kurz ansehen und dann wieder verbeugen.

Aber kein Hauptdarsteller würde nach einem Premierenerfolg Anlauf nehmen und mit dem Bauch über die Bühne rutschen wie einst Jürgen Klinsmann als Torschütze bei seinem „Diver“.

Das würde ich gerne mal bei Gerd Voss oder Ulrich Matthes sehen! Nein, Schauspieler nehmen den hymnischen Beifall eher mit Demut und Würde entgegen, auch wenn sie innerlich fast durchdrehen vor Freude. Aber da im Theater alles geplant und geprobt ist, bleibt auch im Theaterjubel nichts dem Zufall überlassen, außerdem klatschen die Zuschauer ja immer. Der Jubel kann auch trügerisch sein, das wissen die Schauspieler, schon darum hält man sich mit der Ekstase zurück. Im Fußball wird zwar auch viel geprobt, trainiert, taktiert, aber ein Spiel ist dennoch unplanbar, Tore sind unplanbar, es fallen ja höchstens drei pro Spiel, außer wenn meine Mannschaft Werder Bremen spielt. (lacht) Durch das Spiel mit dem Zufall ist ein erfolgreicher Abschluss im Fußball immer auch eine emotionale Eruption und zieht andere Reaktionen nach sich als eine einstudierte Aufführung von Goethes „Faust“.

Als Stürmer der Autoren-Nationalmannschaft haben Sie in 37 Länderspielen 33 Tore geschossen - eine Quote wie früher Gerd Müller. Wie feiern Sie Ihre Treffer?

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Das Gespräch führte Thomas Klemm.

Quelle: F.A.S.
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01.01.2013, 22:18 Uhr

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