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Geschlechtergemischter Fußball : Mädchen sind keine Jungen!

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Unter sich: Spielen Mädchen besser Fußball, wenn sie nur mit Mädchen trainieren? Bild: Wonge Bergmann

Gemischte Fußballteams machen jungen Spielerinnen den Anfang oft nicht leicht. Hindert das in Deutschland verbreitete Trainings-Modell in den jungen Jahrgängen viele Mädchen daran, erfolgreich Fußball zu spielen?

          Meine Tochter ist sauer. Sie darf kein Fußball schauen. Aber in das Leben einer Sechsjährigen passen die Anstoßzeiten der WM in Kanada am späten Abend und mitten in der Nacht einfach nicht rein. Seit einem halben Jahr begeistert sich meine Tochter für Fußball. Sie spielt bei Türkiyemspor Berlin und durfte neulich an der Hand von Annike Krahn als Einlaufmädchen das Champions League Finale miterleben. Seitdem zieht sie das orange Uefa-Trikot nur noch aus, wenn man es dringend waschen muss.

          Dabei begann die Fußball-Karriere meiner Tochter ziemlich holprig. Beim ersten Probetraining ließ der Trainer 30 Jungen und fünf Mädchen direkt um Hütchen dribbeln – auch die Neulinge. Unsere Tochter pflückte nach kurzer Zeit lieber die Blumen an der Seitenlinie.

          Freiräume für Frauenfußball

          Beim nächsten Verein lief es ähnlich: Wenige Mädchen trafen auf viele Jungen, die in diesem Alter den Mädchen zwar körperlich nicht unbedingt überlegen sind, aber offenbar schon öfter im Park gekickt haben und regelmäßig die „Sportschau“ sehen. Viele kleine Jungen wissen sehr früh, in welchem Verein Manuel Neuer ist und dass man beim Fußball auf zwei Tore spielt. Meine Tochter wusste das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und beim Kurzpassspiel konnte sie nicht mithalten. Sie und die anderen Mädchen wirkten verloren im Kicker-Kosmos der Jungs. Auch das zweite Probetraining hat ihr nicht gefallen.

          Und dann kam Türkiyemspor. Meine Tochter spielt nun dort in der G-Jugend, einem Mädchenteam, trainiert von jungen Frauen mit Trainerlizenz. Die fünf- und sechsjährigen Mädchen machen viele Fang- und Hüpfspiele und treten auch zunehmend gegen Bälle. Meine Tochter hat Spaß dabei. Um es dramatisch auszudrücken: Wenn es nicht die Frauenabteilung von Türkiyemspor gäbe, wäre sie für den Fußball verlorengegangen.

          Hindert das in Deutschland verbreitete Modell der geschlechtergemischten Fußball-Trainingsgruppen in den jungen Jahrgängen vielleicht viele Mädchen daran, Fußball zu spielen? Murat Dogan vertritt diese Meinung. Er ist Leiter der Frauen- und Mädchenabteilung von Türkiyemspor, die er 2004 mitgegründet hat. Mittlerweile spielen hier 180 Frauen und Mädchen, bunt gemischt in Nationalität und Religion.

          Dogan gibt zu, dass die ursprüngliche Trennung der Mädchen von den Jungen in einem türkischen Verein natürlich einen kulturellen Hintergrund gehabt habe. „Wir wollen Freiräume für Frauenfußball schaffen“, sagt Dogan. Mittlerweile sind aber auch sportliche Zielsetzungen hinzugekommen: Türkiyemspor ist in allen Altersklassen des Berliner Frauen- und Mädchenfußballs mit einer Mannschaft vertreten; die Frauen spielen Landesliga, und das jüngste aktive Mitglied ist ein drei Jahre altes Mädchen.

          Sigmar Gabriel zu Besuch bei Türkiyemspor (2011)

          Dogan glaubt, dass viele Mädchen keinen Einstieg in den Fußball finden, wenn sie mit Jungs spielen müssen, die schon viel früher und stärker mit dem Fußball sozialisiert worden sind. „Viele Mädchen bleiben dann außen vor, können nicht mithalten“, sagt er. Er ist sogar der Auffassung, dass der Frauenfußball auf einem höheren Niveau sein könnte, wenn Mädchen von Beginn an überwiegend unter Mädchen trainieren würden. „Frauen werden im deutschen Fußball falsch gefördert“, sagt er. „Vor allem technisch könnte der Frauenfußball mittlerweile besser sein, aber viele Mädchen fangen zu spät mit dem Fußball an und verlieren so wertvolle Jahre.“

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