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Frauenfußball in Afghanistan 1:0 gegen die Taliban

23.12.2006 ·  Klaus Stärk lernte sein Handwerk mit Felix Magath. Während der nun Bayern München trainiert, ist Stärk Fußball-Entwicklungshelfer. Derzeit bildet er Trainerinnen in Afghanistan aus - ein gefährliches, aber interessantes Spiel.

Von Hans-Joachim Leyenberg
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In der vorletzten Woche ist der Winter mit viel Schnee nach Kabul gekommen. Inzwischen hat Tauwetter in der 1800 Meter hoch gelegenen Hauptstadt eingesetzt. Wenn man Klaus Stärk nur lange genug zuhört, gewinnt man allerdings den Eindruck, daß dort eine abermalige Eiszeit droht - unabhängig von den Jahreszeiten. Stärk ist Fußballehrer mit höchsten Weihen. Er war seinerzeit in einem Kurs mit Leuten wie Ewald Lienen, Felix Magath und Benno Möhlmann. Während die Kollegen im Lande geblieben sind, zog es Stärk (“Jahrgang 53, also 53 Jahre alt“) hinaus in die Welt. Die erste Station war ein Kurzeinsatz im Libanon, dann vermittelte ihn der Deutsche Fußball-Bund in die Mongolei, nach Südafrika. Schließlich wurde der studierte Pädagoge Klubtrainer in Kasachstan, bis es eben im Spätsommer 2004 Afghanistan wurde.

Sein erster Eindruck: „sehr bedrückend“. Erhöhter Blutdruck beim Anblick amerikanischer Scharfschützen auf dem Rollfeld. Im ersten Kabuler Quartier gab es selten Strom, fließendes Wasser nur auf Anfrage. Gleich in der zweiten Nacht sind fünf Raketen rund ums Haus eingeschlagen. „Man gewöhnt sich relativ schnell an die Zustände in der Stadt“, sagt er. „Es wird gehandelt, gearbeitet, gelebt.“ Seine Herberge, ein Hotel, ist mittlerweile komfortabler, und „durch die Arbeit vergißt man die Situation, in der man lebt“. Seine letzte Arbeit bestand darin, 32 Afghaninnen zu Trainerinnen auszubilden.

Überzeugungsarbeit bei Ehemännern und Eltern

32 Frauen im Alter von 16 bis Anfang 40, die meisten von ihnen Lehrerinnen oder mit einem gewissen Talent zum Ball am Fuß. Die Prüfung liegt hinter ihnen. „Ali hat sie alle durchgelassen“, sagt der Schwabe. Die Rede ist von Ali Askar Lali, einst Nationalspieler seines Heimatlandes, dann vor den Taliban nach Paderborn geflüchtet. Heute ist er Obmann Frauenfußball innerhalb des afghanischen Verbandes, war Übersetzer und Verbindungsmann des Lizenzkurses. Alle 32 haben durchgehalten, niemand ist abgesprungen, allein dafür zollt ihnen Stärk Respekt.

„Wenn das die Taliban sähen, wenn das die Taliban wüßten, wenn das die Taliban hörten“, haben sie untereinander schon mal gesagt. Schließlich ist Sport ein Tabubruch für die Taliban und Sport für Frauen in den Augen afghanischer Männer noch heute eine Ungeheuerlichkeit. Nirgendwo im Koran stehe, daß Leibesübungen für Frauen verboten seien. Stärk hat sich kundig gemacht. Das mußte er auch, um bei Ehemännern, Eltern und Geschwistern Überzeugungsarbeit zu leisten.

„Stell dir vor, sie spielt sogar Fußball!“

Hilfreich war es auch, auf die deutschen Fußballfrauen als leuchtende Vorbilder zu verweisen. Die seien schließlich Weltmeisterinnen geworden. Ja, dann . . . So haben sich manche breitschlagen lassen und eingewilligt. In der Nachbarschaft gab es fortan ein Tuschelthema: „Stell dir vor, sie spielt sogar Fußball!“ Das Erziehungsministerium hat darum gebeten, daß die Damen auf dem Spielfeld lange Trainingshosen und ein Kopftuch tragen. Manche sind so frei, auf das Kopftuch zu verzichten.

Längst nicht alle finden das tolerabel, aber sie sehen es ja nicht. Dort, wo die Frauen dem Ball hinterherrennen, sind sie den Blicken der Männer entzogen. Entweder auf Schulgeländen, in Hallen oder innerhalb militärischer Sperrbezirke. Der Präsident des afghanischen Verbandes steht im Rang eines Generals. „Wir passen auf dich auf“, hat er Stärk zur Begrüßung versichert. Einmal mußten sie den praktischen Teil des Lehrgangs unterbrechen, weil ein Hubschrauber landete.

„Der uns behindert hat, wo es nur ging“

Ein wenig theorielastig sei der Kurs schon gewesen, räumt Stärk ein. Das habe an einem Fundamentalisten im Erziehungsministerium gelegen, „der uns behindert hat, wo es nur ging“. Da wurden dann keine Sportplätze freigegeben, oder Unterrichtsräume blieben verschlossen. Spielend gehen die Frauen ein Risiko ein. Deshalb ist der Kurs geheimgehalten worden, bis er beendet war.

Vielleicht werden die Taliban mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben, daß die Lehrgangsteilnehmerinnen gegen eine Auswahl von amerikanischen GIs 2:0 gewonnen haben. Natürlich weibliche. Die Lage im Lande sei, da redet Klaus Stärk nicht lange um den heißen Brei herum, instabil. Sein Radius reichte nicht über Kabul hinaus. Die Kriminalität hat zugenommen und auch die Unsicherheit, was man sich überhaupt trauen dürfe, ohne sich und andere in große Gefahr zu bringen.

Der Friede in Afghanistan ist relativ

Ob es nichts Wichtigeres gebe, als den Frauen Fußball beizubringen und ihn zu verbreiten, wird Stärk wieder und wieder gefragt. Er antwortet mit jenen Argumenten, auf die er auch bei Hausbesuchen in Kabul verweist: Sport verbindet, Teambildung ist von erzieherischer Wirkung, und letztlich sei Selbstbestimmung ja auch die Freiheit, etwas zu tun, was Freude bereite, was guttut. Weg von der Straße, weg vom Nichtstun in einem auch von Arbeitslosigkeit gezeichneten Land. Neben dem ideellen Einsatz gibt es auch einen finanziellen Beitrag, den Auswärtiges Amt, Deutscher Fußball-Bund und Deutscher Olympischer Sportbund bei ihrer Pionierarbeit leisten. Aber wenn man ihn unter den Bedürftigen Kabuls verteilen würde, blieben gerade mal 20 Cent für jeden.

Nein, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Afghanen wie Ali Askar Lali wollen ihr Land aufbauen - wenn man sie läßt. Zur Zeit gehen viele in die Schule, aber achtzig Prozent der Bevölkerung können nicht lesen. Es werde ein, zwei Generationen dauern, bis die Wunden des Bürgerkriegs in dieser Region vernarbt seien, schätzt Stärk. Aber der Friede im Lande sei relativ. Unlängst ist eine Fernsehansagerin von ihrem Bruder erschossen worden, weil ihm ihr öffentlicher Auftritt nicht paßte.

„Sie wollen, und es kommt unheimlich viel zurück“

So gesehen, leben auch Fußball spielende Frauen gefährlich. Sie bringen es gerade mal auf 15 Mannschaften, kicken grundsätzlich auf dem Kleinfeld. Im kommenden Jahr könnten es schon 20 Teams sein. Sofern der Schneeballeffekt greift. Aber ob die Saat aufgeht, da ist sich Klaus Stärk „nicht hundertprozentig sicher“. Gerade in jenen Momenten, wenn wieder - wie kurz vor dem Abflug nach Deutschland - eine Rakete so nah einschlägt, daß die Glasfront seines Hotels scheppert.

In diesen Tagen ist der Stuttgarter auf Heimaturlaub nach sechsstündigem Flug. „Wie im Paradies“ empfinde er den vorweihnachtlichen Frieden. Und seine Mission Afghanistan, die schwierigste und zugleich reizvollste Etappe seiner Auslandsstationen? Die Frauen dort „sind stark, sie wollen, und es kommt unheimlich viel zurück“. Wenn man sie nur läßt. Wenn nicht, dann erginge es diesem Projekt so wie manchen gerade neu mit fremder Hilfe gebauten Straßen am Hindukusch. Nach dem ersten Regen lösen sie sich auf.

Quelle: F.A.Z., 23.12.2006, Nr. 299 / Seite 32
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