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Franz Beckenbauer Der Mann ohne Berufsbezeichnung

 ·  Franz Beckenbauer, das Glückskind, sieht über Details gern elegant hinweg. Ja gut, diesen "ganz normalen Vermarktungsvertrag" mit Kirch habe es gegeben, sagte der Präsident des FC Bayern, und da sei auch nichts weiter dran.

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Franz Beckenbauer tat nicht überrascht. Ja gut, diesen "ganz normalen Vermarktungsvertrag" habe es gegeben, sagte der Präsident des FC Bayern München, und da sei auch nichts weiter dran. Der Mann, den alle Welt "Kaiser" nennt, sprach vergangene Woche in Madrid derart beiläufig über eine First-Class-Servicevereinbarung zwischen dem deutschen Fußball-Rekordmeister und dem inzwischen insolventen Kirch-Konzern, als hätte es sich dabei um eine beliebige Bestellung bei irgendeinem Haus- und Hoflieferanten gehandelt.

Als Beckenbauer schon redete, waren die Vorstandsmitglieder der Bayern München AG noch in voller Deckung. Es dauerte zwei Tage, ehe die Abteilung Attacke des bedeutendsten deutschen Fußballvereins die passende Antwort auf den in Deutschland wachsenden Unmut über die Bayern gefunden zu haben glaubte. Als sich Manager Uli Hoeneß dann endlich zu Wort meldete, hatte Franz Beckenbauer fast schon wieder Ruh', denn alles, was den Münchnern danach und bis heute vorgeworfen wurde, richtete sich nahezu persönlich an die Adresse des streitbaren Vorstandes Hoeneß, der dann die rhetorische Keule schwingt, wenn sein Klub unter Druck und in Argumentationsnot zu geraten droht. Dann muß nicht einmal der seine Macht wuchtig herzeigende Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge mehr reden. Wenn Hoeneß in diesen Zeiten die Szene betritt, dann ist er aufgeladen wie eine Gewitterwolke. Mag er bei solchen Gelegenheiten auch sagen, "ich habe keine Lust mehr, als Chefangeklagter zu gelten", so wehrt der Vorwärtsverteidiger die Angriffe der Münchner Kritiker doch viel zu gern selbst ab, als daß er diesen Job einem anderen überließe.

Weder DFB noch DFL kannten den Deal

Diesmal ist die Verlegenheit der Bayern beinahe mit Händen zu greifen, da sich die Münchner im Dezember 1999 vorbei an den übrigen Bundesligavereinen mit der Kirch-Gruppe zu einem Handel verbanden, der sie über Nacht zu Verfechtern der zentralen Vermarktung der Bundesliga im Fernsehen machte. Das fiel dem davor genau gegensätzlich argumentierenden Branchenführer nicht allzu schwer, weil er die von Kirch erwarteten Mehreinnahmen aus einer dezentralen Vermarktung in eigener Regie von Kirch ersetzt bekam. Aus dem über mehrere Jahre laufenden Vertrag sollten die Bayern ursprünglich 190 Millionen Mark erhalten; es blieben ihnen aufgrund der Kirch-Pleite 42 Millionen Mark inklusive Auslösungsvereinbarung.

Immer noch ein Batzen Geld für einen Deal, der weder dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) noch der Deutschen Fußball Liga (DFL) gemeldet wurde und in dem es auch, und zwar "wesentlich", wie Rummenigge in der Zeitschrift "Stern" hervorhebt, um die künftige Ausstrahlung der Bundesliga-Spiele der Bayern im Pay-per-View ging. Also Extrazahlungen an die Münchner für Fußballspiele im Bezahlfernsehsender Premiere, wo inzwischen alle Bundesliga-Begegnungen direkt übertragen werden.

Amigo-Affäre? „Ein Schmarrn“

"Wir hätten offener mit dem Vertrag umgehen sollen", bekannte Beckenbauer als erster Spitzenrepräsentant der Bayern, als Hoeneß noch seine aggressive Verteidigungsstrategie verfolgte, die darin gipfelte, Kritiker des moralisch - so dieser Maßstab im Profifußball gilt - angreifbaren Kontrakts als "Scheinheilige" abzuqualifizieren. Hoeneß, der selbst im vermeintlichen Erklärungsnotstand stets die Chuzpe besitzt, Widersacher zu bloßen Neidern abzuwerten, gab erst knapp eine Woche nach der Aufdeckung des "Geheimvertrages" einen "kleinen Verstoß" zu, der ihm aber wie "eine Lappalie" vorkam. Schließlich habe Partner Kirch darauf gedrungen, nichts von der Verabredung unter Münchner Freunden preiszugeben.

Verständlicherweise, aus der Sicht des inzwischen aus dem Spiel genommenen fränkischen Medien-Herrschers. Denn die Kirch-Gruppe bekam im Frühjahr 2000 für vier Jahre die Fernseh-Erstsenderechte an der Bundesliga sowohl im frei empfangbaren Fernsehen (Sat.1) als auch im Bezahlfernsehen (Premiere) übertragen. Eine Vereinbarung, die auch Kirch-Parteigänger als Mitglieder der Verhandlungskommission des DFB-Ligaausschusses wärmstens befürwortet hatten. "Ein Schmarrn", so dementierte Beckenbauer im nachhinein entschieden, daß hier Amigos einander geholfen hätten. Inzwischen ermittelt die DFL, schäumt die Konkurrenz der Bayern, vor allem die als einzige ungebrochen für die dezentrale Vermarktung votierenden Dortmunder, und keilt Hoeneß mit grimmiger Miene weiter aus.

Selbst Beckenbauer mag mulmig zumute sein

Beckenbauer aber legt seinem Naturell gemäß Wert auf Deeskalation, zumal auch noch einer seiner Spezis, der Vizepräsident des Organisationskomitees (OK) der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, Fedor Radmann, einen Beratervertrag mit Kirch abgeschlossen hat. Radmanns OK-Chef ist der "Kaiser" persönlich, und der hat, wie Vertraute sagen, "zwischen Tür und Angel" dem lobbyistischen Nebenjob seines Münchner Vertrauten und Fachmanns für Marketingfragen zugestimmt. Der flotte Radmann ist so etwas wie der klassische Gschaftlhuber, auf und vor allem hinter den großen Sportbühnen der Welt seit Jahren präsent. Einer, der glaubt, überall mitreden zu müssen. Während Radmann beteuert, ein gutes Gewissen zu haben, mag Beckenbauer dieser Tage schon mal mulmig zumute sein.

Die Nähe zu Leo Kirch ist nicht mehr so gesucht wie früher, und allzu enge Interessensverbindungen zu dessen früherer Unternehmenszentrale in Unterföhring sehen heutzutage nicht über die Maßen glänzend aus, da Kirch auch die Fernsehrechte an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 erwarb und in drei Jahren München das internationale WM-Medienzentrum beherbergen soll. Daß ausgerechnet München, nicht gerade im Herzen von Deutschland, den Zuschlag für das WM-Medienzentrum 2006 bekam, weckt inzwischen nicht nur in Düsseldorf, das seiner zentralen Lage gemäß zunächst bessere Aussichten auf die Vergabe zu haben schien, Mißtrauen.

Beckenbauers Heimat bleibt der Fußballplatz

Dem Hautgout von Spezlnwirtschaft rund um den FC Bayern und die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 glaubwürdig zu begegnen wird nicht einmal dem oft genug von der Kunst des Leichten beflügelten Beckenbauer ohne weiteres gelingen. Der hundertdreimalige Nationalspieler war schon als Libero auf dem Fußballplatz ein Zauberer und Glückskind der unbeschwerten, eleganten Art. Er vermochte es in seinen besten Momenten, den deutschen Fußball von den ihm traditionell anhaftenden schweren Kampfesspuren zu befreien.

Der inzwischen 57 Jahre alte Sohn eines Giesinger Postbeamten schien, ob als Spieler 1974 oder als Teamchef 1990, en passant Weltmeister geworden zu sein, so unbeschwert ging er zu Werke. Nur seine in unregelmäßigen Abständen zu erwartenden Wutanfälle deuteten darauf, daß auch ein Beckenbauer nicht nur und nicht immer die "Lichtgestalt" war, zu der der langjährige Kapitän der Bayern und der Nationalelf früh erhoben wurde. Doch die Ungeduld, die Wut, die gelegentliche Verachtung für vermeintliche Profis, die sich mit Halbheiten zufrieden geben, brechen sich nur da Bahn, wo Beckenbauer daheim ist: im Fußball, in Platznähe.

„Für die PDS ein Direktmandat in Bayern“

Wo es um Ein- und Verkauf seiner Handelsware Fußball geht, wo also kein Vergleich mit der eigenen Vita möglich ist, wird Beckenbauer ungleich duldsamer. So vehement und bravourös erfolgreich er darum gekämpft hat, daß die Fußball-Weltmeisterschaft nach 32 Jahren wieder einmal nach Deutschland kam, so großzügig, man könnte auch sagen lax, ist der Chef des Organisationskomitees im Umgang mit manchem wichtigen Detail danach. Sonst hätte Radmann vielleicht Pech gehabt und seine Nebentätigkeit für Leo Kirch nicht genehmigt bekommen; sonst hätte der Präsident des FC Bayern 1999 vielleicht noch einmal über den Vertrag seines Klubs mit der Kirch-Gruppe nachgedacht. Immerhin war er zu jenem Zeitpunkt auch schon Vizepräsident des DFB, dessen Ligaausschuß unter dem Vorsitz des jetzigen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder den Fernsehvertrag mit Kirch auszuhandeln hatte.

Beckenbauer, von dem der Kabarettist Ottfried Fischer einmal behauptet hat, er brächte es dank seines Charismas sogar fertig, "für die PDS in Bayern ein Direktmandat zu gewinnen", ist seit Jahren daran gewöhnt, als hochbezahlter Diener vieler Herren mal für diesen zu werben, mal für jenen zu kommentieren. Adidas, die Deutsche Post, das Energieunternehmen EnBw, der Mobilfunkanbieter O2, der Axel-Springer-Verlag und - auch Beckenbauer ist dort im Wort - die jetzt unter dem Zeichen der Insolvenz verwaltete Kirch-Gruppe gehören zu seinen persönlichen Auftraggebern. Gleichwohl hat es stets den Anschein, als wäre nicht Beckenbauer seinen Partnern zu Diensten, sondern eher umgekehrt.

Blatter-Nachfolger 2006?

Mit dem Kosmopoliten, der von sich sagt, "ich bin ein Mann ohne feste Berufsbezeichnung", schmückt sich jeder der kann, so gut es geht. Zumal es kaum eine andere Sportgröße gibt, die ähnlich ungezwungen derart viel Charme und Freundlichkeit verbreitet wie Beckenbauer. Die erste Instanz des deutschen Fußballs mag zwar im Umgang mit dem Sportbusiness und seinen eigenen Geschäftsbeziehungen ein bißchen sehr lässig bis nachlässig sein, doch wiegt er seinen widersprüchlichen Hang, heute dieses zu sagen und morgen jenes zu behaupten, durch eine fröhliche Naivität auf. Einen Plauderer wie "den Franz" hört alle Welt gern, doch ob das gesprochene Wort gilt, wer weiß das schon?

Weil er mit einem Lächeln oder einem Achselzucken auch die gegensätzlichsten Positionen binnen weniger Minuten vertreten kann, weil er mit Humor, Sarkasmus und im Zweifel entspannt seine Tage genießt und weil er überall gern gesehen wird, traut ihm so mancher zu, nach 2006 den umstrittenen, aber unbestritten wiedergewählten FIFA-Präsidenten Joseph Blatter an der Spitze des Weltfußballs zu beerben. Beckenbauer selbst weist jedes Interesse an weiteren Ehrenämtern weit von sich, doch wenn auch dieses große Los auf ihn fallen sollte, könnte er geneigt sein, noch einmal "ja" zu sagen.

Franz Beckenbauer ist zumindest mit sich selbst im reinen. All seine mit Millionen dotierten persönlichen Verträge sind bekannt - wer würde auch mit ihm, der öffentlichen Person des Sports schlechthin, per Geheimvertrag werben wollen?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.02.2003, Nr. 49 / Seite 3
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