30.10.2011 · Als neuer Marathon-König wollte der Kenianer Wilson Kipsang über den Roten Teppich laufen. Er gewinnt überlegen, aber am Ende fehlen ihm vier Sekunden zum ganz großen Coup.
Von Claus Dieterle, FrankfurtWar es die leichte Schlüpfigkeit auf manchen Passagen, die der Regen kurz vor dem Start hinterlassen hatte? Oder waren es die ein, zwei unrhythmischen Kurven am Ende, die der Frankfurter Marathonkurs womöglich zuviel hat? Wilson Kipsang wollte sich da nicht festlegen: „Ja, es war teilweise rutschig, und das hat sicher auch Zeit gekostet, aber ein richtiges Problem war das nicht.“ Ob er am Ende genau darum die vier Sekunden verlor, die dem 29 Jahre alten Kenianer am Sonntag beim 30. Frankfurt Marathon zum großen Coup fehlten? Schulterzucken.
Vier Sekunden nach 42,195 Kilometern, vier Sekunden zum Weltrekord (2:03:38 Stunden), der ja auch erst ein paar Wochen alt ist. Aufgestellt am 25. September von Kipsangs kenianischem Landsmann Patrick Makau in den breiten Straßen von Berlin, auf dem bekannt schnellen Weltrekordpflaster. Und nun war Kipsang mit seiner Frankfurter Zeit von 2:03:42 Stunden, mit der er vor seinen Landsleuten Levy Matebo (2:05:16) und Albert Matebor (2:05:25) gewann, seinem Vorgänger bedrohlich nahe gerückt, ja lange Zeit sogar ein paar Schritte voraus.
Es war ein an Spannung kaum zu überbietendes Fernduell zwischen den beiden Topläufern, das sich am Sonntag in der Frankfurter City abspielte. Bei Halbzeit (61:40 Minuten) sprach noch alles für Kipsang, aber nachdem zwei der vier Pacemaker ein bisschen zu früh die Führungskräfte verlassen hatten, und sich Pacemaker Peter Kirui irgendwann entschieden hatte, durchzulaufen, stockte der Vorwärtsdrang für ein paar Kilometer. Bis Kipsang das Heft selbst in die Hand nahm. „Es war ein bisschen zu langsam, da musste ich Druck machen.“
Bei Kilometer 40 - Kipsang war längst Solist - hatte er exakt die gleiche Zwischenzeit wie Makau beim Weltrekord in Berlin. Und erst auf den letzten Metern, beim Zieleinlauf auf dem roten Teppich in der Festhalle, jenem Frankfurter Markenzeichen, wurde klar, dass das Vorhaben Weltrekord hauchdünn scheitern würde. Und doch war hinterher niemand enttäuscht. Kipsang am allerwenigsten. „Wieso?“ fragte er zurück. „Ich bin absolut glücklich. Ich habe doch meine persönliche Bestzeit um 1:15 Minuten verbessert.“ Die ist exakt ein Jahr alt - aufgestellt bei seinem ersten Sieg in Frankfurt. Und so wie es aussieht, hat er seit Sonntag auch sein Olympiaticket für den Marathon in London in der Tasche. Was in keinem anderen Land der Welt so schwierig ist wie in Kenia.
Auch Jo Schindler, der Renndirektor des Frankfurt Marathon, sah das Positive im knapp verpassten Coup. „Wenn man bedenkt, dass der Weltrekord von Haile Gebrselassie bis vor fünf Wochen noch bei 2:03:59 stand, dann wäre das hier eine fabelhafte neue Bestmarke gewesen.“ Aber die vielleicht wichtigste Erkenntnis für den Renndirektor: Der Frankfurter Kurs, bislang wegen seiner nicht immer ganz einfachen Streckenführung nie mit einem Weltrekord in Verbindung gebracht, bietet tatsächlich alle Möglichkeiten. „Wir können jetzt auch in der Öffentlichkeit allen Ernstes vom Weltrekord sprechen“, sagt Schindler. Ohne gleich des Realitätsverlustes bezichtigt zu werden. Vorher hat doch bei diesem Thema fast jeder den Kopf geschüttelt.
Wilson Kipsang hat allerdings nie zu den Skeptikern gehört. Er hat schon im vergangenen Jahr, als er Frankfurt mit seinen 2:04:57 Stunden eindrucksvoll auf die Weltkarte der großen Marathon-Events gesetzt hat, gesagt: „Ich traue mir auch zu, Weltrekord zu laufen“ - und zwar nicht irgendwo, sondern in Frankfurt. Das haben manche als unmittelbare Folge eines leichten Siegesrauschs interpretiert. Die Organisatoren nicht. Sie haben Kipsang beim Wort genommen, nachdem sie gespürt haben, wie ernst es der Kenianer meint. „Sonst hätten wir keine Weltrekordprämie ausgesetzt“, sagt Schindler. Die hätte Kipsang noch einmal zusätzlich 50.000 Euro beschert.
Wenn es allerdings nach seinem Management gegangen wäre, wäre Kispang wohl gar nicht in Frankfurt angetreten. Sondern dort, wo vielleicht nicht die ganz schnelle Zeit lockt, dafür aber das große Geld. Zum Beispiel in New York. Aber Kipsang wollte unbedingt am Main laufen. Und zeigen, was in ihm steckt. Darauf hat er seit April hingearbeitet. Der Plan ist fast aufgegangen, beim vierten Marathon seiner Karriere. Der Vater von drei Kindern, der aus der Nähe von Iten im kenianischen Hochland stammt, ist ohnehin ein Spätentwickler, der erst in der Oberschule sein Talent bemerkt und 2003 mit Lauftraining begonnen hat. Dass er den Sprung nach Europa überhaupt geschafft hat, verdankt er dem Ausfall eines Kollegen. Als Lückenbüßer nutzte er seine Chance bei einem 10-Meilen-Lauf - mit Streckenrekord und Jahresweltbestzeit. Das war 2007. Jetzt ist er der zweitschnellste Marathonläufer der Welt.
Und beschert Frankfurt noch einmal einen Sprung im Ranking der Weltmarathons. Jedenfalls, was die Top-Ten-Zeiten der Männer angeht: Da steht Frankfurt jetzt auf Platz fünf. Und Renndirektor Schindler findet dann doch noch den Superlativ, den Kipsang knapp verpasst hat. „Wir haben 14 Läufer unter 2:10. Das hat es weltweit noch nicht gegeben.“
Männer: 1. Wilson Kipsang (Kenia) 2:03:42 Std.; 2. Levy Matebo (Kenia) 2:05:16; 3. Albert Matebo (Kenia) 2:05:25; 4. Philip Sanga (Kenia) 2:06:07; 5. Robert Kiprono Cheruiyot (Kenia) 2:06:29; 6. Peter Kirui (Kenia) 2:06:31; 7. Chumba Dickson Kiptolo (Kenia) 2:07:23; 8. Siraj Gena (Äthiopien) 2:08:31; 9. Duncan Koech (Kenia) 2:08:38; 10. Henry Sugut (Kenia) 2:08:56; ...32. Jan Fitschen (Wattenscheid) 2:15:40; 38. Sören Kah (Esterau-Holzappel) 2:17:58; 42. Marian Blazinski (Schramberg) 2:18:49.
Frauen: 1. Mimitu Daska (Äthiopien) 2:21:59 Std.; 2. Agnes Kiprop (Kenia) 2:23:54; 3. Flomena Chepchirchir (Kenia) 2:24:21; 4. Merima Mohammed (Äthiopien) 2:24:32; 5. Rita Jeptoo Busienei (Kenia) 2:25:44; 6. Nadia Ejaffini (Italien) 2:26:15; 7. Fate Tola (Äthiopien) 2:27:18; 8. Biruktait Degefa (Äthiopien) 2:27:34; 9. Sabrina Mockenhaupt (Betzdorf/Sieg) 2:28:08; 10. Alena Samochwalowa (Russland) 2:28:08; 11. Susanne Hahn (Saarbrücken) 2:28:49; ...28. Mona Stockhecke (Zürich) 2:45:59; 30. Ingalena Heuck (München) 2:27:19.