Die Gedanken kommen immer wieder, doch Stefan Bradl versucht, sie in vernünftige Bahnen zu lenken. „Natürlich ist es mein Wunschtraum, Weltmeister zu werden und einen Haufen Geld zu verdienen“, sagt er. „Dann müsste man sich um seine Zukunft wohl keine Gedanken mehr machen.“ Bradl ist 21 Jahre alt, er zählt zu einer Elite von Motorradfahrern, die rund um den Globus fliegen, um den Besten unter sich zu ermitteln.
An diesem Sonntag geht er zum Saisonauftakt in Bahrein in der Klasse Moto2 von der Pole Position vor 125-ccm-Weltmeister Marc Marquez an den Start. Doch das ist nur eine Facette seines Lebens. „Ich bin von meinen Eltern so erzogen worden, dass es nicht nur dieses Glanz- und Glorialeben als Sportler gibt“, sagt er. Im vergangenen Dezember brach sein Fuß, als er in der Hydraulik eines Gabelstaplers hängen blieb. Bradl arbeitet hin und wieder im Lager eines Helmherstellers. „Ich verdiene mir so ein paar Mark nebenher.“
Der Junior konnte eine Geschichte bieten
Das ist die Wirklichkeit des Motorradrennsports in Deutschland. Im Schatten der Formel 1 und anderer Serien ist es schwer für die Akrobaten auf zwei Rädern, in den Fokus zu geraten und damit auch potentielle Sponsoren auf sich aufmerksam zu machen. Bradl hatte Glück, sein Vater Helmut war 1991 Zweiter in der WM-Wertung (Klasse bis 250 Kubikzentimeter). Der Junior konnte also eine Geschichte bieten, ihm wurde Talent zugesprochen - und er versprach Erfolg. Und tatsächlich ist er mit drei Siegen und sieben weiteren Podestplätzen der beste deutsche Motorradrennfahrer der vergangenen Jahre, der ganz große Durchbruch aber ist ihm bisher noch nicht gelungen.
„Ich will mich nicht so sehr unter Druck setzen“, sagt Bradl. Aber natürlich weiß auch er, dass die Zeit gegen ihn läuft. Vor allem aus Spanien drängen Jahr für Jahr junge Talente in die WM. In diesem Jahr wird sich deshalb zeigen, ob ihm in der Moto2-Klasse der nächste Schritt an die Spitze des Feldes gelingt. Einige Experten immerhin sehen ihn und das Kiefer Racing Team als Kandidaten für den Titelkampf. Eines hat Bradl schon jetzt begriffen. „Als Rennfahrer weiß man ganz genau, dass seine Zeit begrenzt ist.“
„Du kannst ohnehin keinen Gewinn machen“
Sechs Jahre raste Dirk Heidolf mit im WM-Zirkus, inzwischen ist er als Teamchef beim Racing Team Germany beschäftigt. Heidolf setzt in der Klasse bis 125 Kubikzentimeter nur auf einen Piloten, den Deutschen Sandro Cortese. Vor allem, weil die finanziellen Möglichkeiten den Einsatz eines zweiten Motorrades nicht zulassen. Zwischen 750.000 und einer Million Euro soll der Etat des Teams liegen, gesichert ist er allerdings noch nicht. „Uns fehlen noch ungefähr 25 Prozent“, sagt Heidolf und klingt trotzdem nicht beunruhigt.
„Im Motorradrennsport kannst du ohnehin keinen Gewinn machen“, sagt er. „Leute, die das wollen, haben die falsche Einstellung.“ Dabei bekommt Cortese nicht einmal ein Gehalt überwiesen, er lebt vor allem von möglichen Preisgeldern und privaten Sponsoren. Doch damit nicht genug: „Sandro muss sich an der Finanzierung des Teams beteiligen“, sagt Heidolf. Einen Betrag nennt er nicht, nur so viel will er verraten: „Einige Fahrer machen das mit bis zu einer halben Million Euro pro Saison - davon sind wir allerdings weit entfernt.“
Es könnte ein gutes Geschäft werden
Unterhalb der schillernden MotoGP-Klasse mit Stars wie Valentino Rossi und Casey Stoner, die jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag für ihre Fahrkünste einstreichen, ist das eine durchaus gängige Praxis. Sie erinnert an die Formel 1, wo viele Piloten ebenfalls dafür bezahlen, dass sie ein Cockpit bekommen. „Allein schafft das niemand“, sagt Cortese. „Man braucht ein gutes Umfeld und Leute, die einem vertrauen.“
Er hat private Sponsoren gefunden, die ihm helfen. Als Gegenleistung dürfen diese mit ihren Schriftzügen auf seinem Motorrad werben. Es könnte ein gutes Geschäft werden, wie Bradl gilt auch Cortese in seiner Klasse als einer der Mitfavoriten auf den WM-Titel. „Ich bin so weit“, sagt er. „Aber natürlich wird sich jetzt zeigen, in welche Richtung es geht.“ Er meint seine Karriere, der Einundzwanzigjährige geht immerhin schon in seine siebte Saison.
„Man kann überhaupt nichts vorausplanen“
Heidolf ist gelernter Maurer. Aber als er noch selbst Rennen fuhr, konnte auch er nur dank seiner Werbepartner leben. Bis zu 300.000 Euro - das war der Preis für seinen Platz im Feld. „Da musst du schon ordentlich Gas geben, damit die Punkte und die nötigen Prämien zustande kommen“, sagt er. Oder die Karriere beenden.
Das weiß auch Cortese. „Man kann in diesem Beruf überhaupt nichts vorausplanen“, sagt er. „Es geht nur von Saison zu Saison. Und wenn du nicht gut fährst, dann nützt dir auch ein Zweijahresvertrag nichts. Dann sitzt du zu Hause und schaust die Rennen im Fernsehen.“ Seit ein paar Monaten bereitet er sich deshalb auch auf das Leben nach dem Motorsport vor. Cortese macht eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann.
Falsches Konzept......
Michael Meier (never1)
- 20.03.2011, 11:09 Uhr