Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Veranstalter einer sportlichen Großveranstaltung zunächst mal den Zuschauern dankt, die zuhause geblieben sind. Andererseits ist der Große Preis von Großbritannien schon an einem sonnigen Wochenende kein gewöhnliches Formel-1-Rennen. Dieses Jahr war das Wetter ein wenig anders. „Wir sind allen sehr dankbar, die gestern daheim geblieben sind“, sagte Richard Phillips, der Geschäftsführer der Rennstrecke von Silverstone, am Sonntagmorgen, dem Tag, an dem alle Besucher wieder willkommen waren - was sich bestens fügte, denn am Nachmittag wurde ja der Grand Prix ausgetragen. Und, welch Wunder, er regnete nicht.
Heftiger Landregen setzte das Gelände unter Wasser
Die Schlechtwetterperiode, die nach Angaben des englischen Formel-1-Piloten und Hobbymeteorologen Jenson Button „vor etwa 300 Jahren“ begann, mindestens aber schon seit Ende Mai anhält, den nassesten Juni in den Aufzeichnungen produzierte und en passant das Diamantene Kronjubiläum der zweiten Elisabeth verregnete, steuerte vor dem Grand-Prix-Wochenende auf einen neuen Höhepunkt zu. Heftiger Landregen setzte die Wiesen endgültig unter Wasser, die eigentlich als Parkplätze gedacht waren.
Die Autos stauten sich auf den kleinen Landstraßen, und auch wenn der Brite gemeinhin für seine Geduld bekannt ist, ließ mancher nach fünf Stunden Warten den Wagen an Ort und Stelle zurück und machte sich per pedes zur Rennstrecke. Der neue Verkehrswegeplan, eine Investition von einer Million Pfund (circa 1,26 Millionen Euro), war kaum mehr den Ordner wert, in dem er abgeheftet war. Was also tun?, fragten sich die Veranstalter am Freitagabend, als die BBC ankündigte, der Dauerregen würde von kürzeren, dafür sintflutartigen Güssen abgelöst, die mancherorts die durchschnittliche Regenmenge für einen ganzen Juli bereits erreichen würden.
„Ich könnte heulen“
Der rettende Gedanke hieß tatsächlich: Eine Reisewarnung an alle, die am Samstag vorhatten, mit vorab gekauften Parkkarten (Stückpreis zwischen 20 und 50 Pfund) die vermeintlich reservierten Parkplätze auf den Wiesen anzusteuern. Es sollten circa 30.000 Besucher sein. „Tut mir leid“, sagte Phillips, „wir müssen die Leute dringend bitten, daheim zu bleiben. Ich könnte heulen.“
Das Tremolo in der Stimme hatte historischen Hintergrund: Im Jahr 2000, als der britische Grand Prix bereits einmal wegzuschwimmen drohte, hatte Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone essigsaure Kommentare für die Silverstone-Verantwortlichen übrig. Er sprach von einer „Landkirmes, die sich als Weltklasseveranstaltung verkleide“ und dachte anschließend laut darüber nach, ob seine Landsleute im Allgemeinen und Silverstone im Besonderen dem Besuch seines Rennzirkus überhaupt würdig wären.
Musste Phillips also befürchten, die fürs kommende Jahr versprochene Revision des Verkehrswegeplans würde hinfällig? Mitnichten. „Es regnet“, sagte Ecclestone am Samstag. „Dafür kann doch der Veranstalter nichts.“ Im Nachhinein wirkt es fast, als habe die großväterliche Nachsicht des 81 Jahre alten Ecclestone für die Aufheiterung gesorgt, die Silverstone ab Samstagnachmittag erfasste. Es regnete weiterhin, dass Qualifying musste gar für 92 Minuten unterbrochen werden, weil zu viel Wasser auf der Strecke stand.
Die Fans waren trotzdem in bester Stimmung
Aber die zahlreichen Fans, die trotz allem die Tribünen besetzten, waren mit ihren „wellies and brollies“, also in Gummistiefeln und unter Regenschirmen, bester Stimmung. Wie viele es waren? Keiner weiß es. Hatte mancher, der den Wagen am Freitag im Stau zurückgelassen hatte, auf der Rennstrecke übernachtet? Egal. „Ich danke allen, die geblieben sind“, sagte Michael Schumacher, „die Fans sind phantastisch.“
Auch Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komittees und am Sonntag Ecclestones Gast, hatte mit dem Wetter keinen Kummer: „Was soll ich sagen? Ich wohne in Belgien. Wir verwerten die Reste des englischen Wetters.“ Und so war bei Geschäftsführer Phillips am Sonntag von Heulen und Zähneklappern nichts mehr zu hören.
125.000 Zuschauer wurden zum Rennen erwartet, so viele wie nie. Die Tribünen waren angesichts des neuen Verkehrswegeplans aufgestockt worden. Und: Sie würden ihre Autos auf den Wiesen wenigstens abstellen können. „Wir werden sehen, ob alle auch wieder herunterkommen. Packen wir’s an. Ich fühle den Geist von Dünkirchen.“ Dünkirchen, das heißt für jeden Briten: Geht nicht, gibt’s nicht. Schließlich wurde die Truppe im Juni 1940 auch aus Nordfrankreich evakuiert, bevor die Wehrmacht die Stadt einnahm. Das Wetter damals war auch schlecht.