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Veröffentlicht: 04.02.2016, 06:50 Uhr

Renaults Formel-1-Rückkehr Mit Geld, Leidenschaft und Ecclestone

Renault will die Formel-1-Rückkehr seines Werksteams in eine Erfolgsgeschichte verwandeln. Im dritten Anlauf muss es klappen. Dem schwarzen Anstrich wird deshalb noch die Hausfarbe beigefügt: Gelb.

von Hermann Renner, Paris
© AP Die große Enthüllung: Renault zeigt sein neues Formel-1-Auto

Manche kommen nie von der Nadel los. Renault hatte in seiner fast 40-jährigen Formel-1-Zugehörigkeit viele gute Gründe auszusteigen. Und kam trotzdem immer wieder zurück. Auch diesmal. Der französische Automobilhersteller präsentierte in seinem Technologiezentrum Guyancourt bei Paris am Mittwoch mit Glanz und Gloria seinen neuen Nationalrennstall. Präsident Carlos Ghosn, Markenbotschafter Alain Prost, die neuen Chefs Jérôme Stoll, Cyril Abiteboul, Bob Bell, Frédéric Vasseur und die Fahrer Kevin Magnussen und Jolyon Palmer redeten nur von der Zukunft. Die Saison 2015 war wenig ruhmreich. Kein Sieg, dafür viele Motorschäden und Ohrfeigen von Chassispartner Red Bull. Erst Scheidung, dann doch eine Versöhnung auf Zeit. Red Bull ist 2016 nicht mehr das verkappte Werksteam, sondern nur noch Kunde.

Renault nimmt sein Schicksal selbst in die Hand, wie ein Hochspringer, der die Latte zwei Mal gerissen hat und sie im letzten Versuch höher legen lässt. Es ist bereits der dritte Anlauf. Auch von 1977 bis 1985 und 2002 bis 2009 war Renault mit Auto, Motor und Team dabei. Zwischendrin versorgte der Konzern fast ein ganzes Feld an Teams mit Triebwerken.

38381699 © AFP Vergrößern Die Fahrer Kevin Magnussen (r.) und Jolyon Palmer selbst legen Hand an

Michael Schumacher und Sebastian Vettel wurden mit Renault-Power Weltmeister. Darauf nahm Ghosn in seiner Eröffnungsrede Bezug. „Renault hat zwölf WM-Titel gewonnen. Wir haben bewiesen, dass wir es können. Ich sehe keinen Grund, warum es nicht wieder so sein sollte. Wir haben das Geld, die Leute, die Erfahrung, die Leidenschaft und die Technologie im Haus, um das zu leisten.“

Der Brasilianer mit libanesischen Wurzeln ist ein kühler Geschäftsmann und seit zwei Monaten auch ein bisschen Formel-1-Fan. Weil die Formel-1-Fraktion den Präsidenten von der Notwendigkeit des Projekts überzeugt hat. Ghosn macht folgende Rechnung auf: „Wenn du gewinnst, ist es das Auto. Wenn du verlierst, der Motor. Deshalb machen wir jetzt alles selbst. So stellen wir sicher, dass das eingesetzte Geld auch gut investiert ist.“

38381717 © AFP Vergrößern Für Carlos Ghosn, den ersten Mann im Konzern, zählen drei Dinge: Bekanntheitsgrad, Image, Technologietransfer

Für den ersten Mann im Konzern zählen drei Dinge: Bekanntheitsgrad, Image, Technologietransfer. Alles drei soll ihm die Formel 1 liefern, vor allem auf den Märkten, in denen Renault in Zukunft mehr Autos verkaufen will: China, Indien, Südostasien, Afrika. Ghosn ist Realist genug, um zu wissen, dass er sich mit Erfolgen gedulden muss. Dazu wurde das jüngste Formel-1-Team in der Historie von Renault zu sehr mit heißer Nadel gestrickt. „Ich erwarte in den nächsten drei Jahren Podiumsplätze“, sagte Ghosn.

Damals Benetton, diesmal Lotus

1977 hatte sich der Konzern mit einem Turbo-Motor in ein Abenteuer gestürzt, dessen Ausgang völlig ungewiss war. Jetzt macht es Renault so wie 2002. Das Unternehmen kaufte sich ein Team. Damals Benetton, diesmal Lotus. Der Rennstall ist der Nachfolger von Benetton und dem zweiten Renault-Werksteam, das Ende 2009 an eine Luxemburger Finanzgruppe abgetreten wurde. Sie hält immer noch eine Minderheitsbeteiligung von zehn Prozent. Der Kaufpreis soll im hohen zweistelligen Millionenbereich liegen. Die Finanzierung wurde durch eine Sonderzahlung von Bernie Ecclestone erleichtert.

38381702 © AFP Vergrößern Markenbotschafter am Tisch: Alain Prost (rechts) im Gespräch mit Journalisten

Carlos Ghosn wollte die Formel-1-Story seines Konzerns nur fortschreiben, wenn sie die Firma möglichst wenig kostet, aber größtmögliche Aufmerksamkeit garantiert. Auch Ferrari, McLaren, Williams, Mercedes und Red Bull hatten bei Ecclestone die Hand aufgehalten. Jetzt war nach Meinung von Ghosn endlich mal Renault an der Reihe, für sein Engagement in der Vergangenheit belohnt zu werden. Ecclestone konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Es ist schon ein bisschen komisch, dass ein so großes Unternehmen wie Renault diese Hilfe brauchte. Jetzt hoffe ich, dass sie auch ehrlich darangehen, Rennen und Weltmeisterschaften zu gewinnen.“

Markenbotschafter Alain Prost sieht einen entscheidenden Unterschied zu den früheren Kapiteln von Renault in der Formel 1: „Erstmals steht der Vorstand in Paris voll hinter dem Projekt. Das ist die Voraussetzung, dass es gut wird.“ Der viermalige Weltmeister bittet um Geduld. 2016 wird ein Übergangsjahr. Wegen des späten Startschusses für das Projekt lassen sich vorerst keine Bäume ausreißen. Das Auto wurde ab Mai 2015 für einen Mercedes-Motor konzipiert. Ende September aber musste das Designteam in Enstone die Pläne revidieren, damit 2016 eine Renault-Antriebseinheit ins Heck passt.

38381701 © AFP Vergrößern Der Wagen steht im Mittelpunkt - auch wenn er nur zu 90 Prozent fertig ist

Bei der Komplexität der Hybridtechnologie ist das mehr als nur ein simpler Motortausch. Die Architektur des Renault-Motors, sein Kühlkonzept und der Anschluss an das Getriebe unterscheiden sich stark vom Mercedes V6. Der neue Renault R.S.16 wird trotz der späten Entscheidung der Konzernleitung pünktlich zum ersten Test in Barcelona fertig sein.

Das Auto, das in Paris gezeigt wurde, war noch ein Präsentationsmodell. „Es ist zu 90 Prozent das Auto, das ab dem 22. Februar in Barcelona getestet wird“, sagen die Techniker. Bis zum Saisonstart in Melbourne am 20. März soll der Renault dann noch eine größere Wandlung erfahren. Auch bei der Farbgebung. Bis jetzt dominiert der schwarze Anstrich. Die Hausfarbe Gelb wird aber noch an Gewicht gewinnen.

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