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Veröffentlicht: 11.06.2017, 16:40 Uhr

Formel 1 in Kanada Die zweiten Männer bei Ferrari und Mercedes

Ferraris Boxenstopp-Timing beim Stadtrennen im Fürstentum hat für Verwirrung gesorgt. Ist Kimi Räikkönen jetzt schon „nur“ die Nummer zwei bei der Scuderia? Und wann ist der richtige Zeitpunkt für Stallregie im Kampf um die WM?

von Hermann Renner, Montreal
© AFP Ist Sebastian Vettel bereits die festgelegte Nummer Eins bei Ferrari? Räikkönen scheint nicht besonders begeistert.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff zog aus der Niederlage beim Rennen von Monaco vor zwei Wochen nur eine positive Erkenntnis: „Jetzt hat Ferrari die Probleme, die wir in den letzten Jahren hatten. Sie müssen ihre Siege erklären.“ Lewis Hamilton spottete sogar: „In Monte Carlo hat Ferrari gezeigt, wer ihre Nummer eins ist.“ Der Mercedes-Pilot meinte damit Sebastian Vettel. Denn der Gesichtsausdruck von Kimi Räikkönen in der Fürstenloge sprach für Beobachter Bände. Der sonst so coole Finne schien sich die Frage zu stellen: Wurde ich hier verschaukelt?

So interpretierten auch die Experten Ferraris Boxenstopp-Timing beim Stadtrennen im Fürstentum. Räikkönen startete von der Pole Position und führte das Rennen 33 Runden lang an. Dann holte ihn Ferrari ohne Not an die Box, um auf die frühen Boxenstopps von Max Verstappen (Red Bull) und Valtteri Bottas (Mercedes) zu reagieren. Wenn überhaupt, wäre Vettel mehr gefährdet gewesen, weil er zu dem Zeitpunkt noch an zweiter Stelle lag. Der Abstand der beiden Ferraris war aber so groß, dass man mindestens noch eine Runde hätte warten können, um zu sehen, ob der frühere Boxenstopp die bessere oder schlechtere Taktik war. Vettel wurde erst fünf Runden später an die Box beordert. So machte der WM-Spitzenreiter die Zeit auf den Teamkollegen gut, die ihm nach dem Boxenstopp die Führung einbrachte.

46921004 Teamkollegen: Lewis Hamilton und Valtteri Bottas. © AFP Bilderstrecke 

Es war die bestmögliche Art eine Stallregie nicht nach Stallregie aussehen zu lassen. Keine Frage, Vettel war in Monaco der schnellere Ferrari-Fahrer. Doch Räikkönen fuhr ihm vor der Nase herum, und gäbe es nicht die Regel, dass man im Rennen mindestens einmal jeden der von Pirelli vorgeschriebenen Reifensätze fahren muss, wäre es auch so geblieben. Es hätte sich wahrscheinlich auch nichts geändert, wenn Ferrari zuerst Vettel statt Räikkönen an die Box geholt hätte.

Räikkönen zeigte sich an diesem Wochenende vor dem Großen Preis von Kanada in Montreal (Start: 20 Uhr Live bei RTL und SKY und im Formel-1-Liveticker bei FAZ.NET) nicht mehr nachtragend und sagte: „Es kamen viele Dinge zur falschen Zeit zusammen. Aber man findet nach jedem Rennen Dinge, die man anders hätte machen können.“ Der 37-Jährige nahm den Fehler seines Teams betont locker und nahm den Kommandostand von Ferrari sogar noch in Schutz: „Ich musste noch einmal an den gleichen Autos vorbei, die ich schon vor dem Boxenstopp überholt habe. Aber so etwas passiert in Monaco schon mal. Das Team muss seine Entscheidungen schnell treffen. Dieses Mal waren sie nicht ideal für mich. Fehler passieren. Das ist ganz normal.“ Auf seinen sichtbaren Ärger bei der Siegerehrung angesprochen, antwortete der Weltmeister von 2007: „Soll ich mich freuen, wenn ich Zweiter werde?“

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Ferrari hat auf jeden Fall den Platztausch im Team billigend in Kauf genommen. Es war eleganter als die Stallregie beim letzten Doppelsieg der Roten, 2010 in Hockenheim. Damals gab es eindeutige Funksprüche an Felipe Massa, er solle den schnelleren Fernando Alonso vorbeilassen. Ferrari musste seinerzeit 100 000 Dollar Strafe zahlen, weil Stallregie verboten war. TV-Experte Martin Bundle sieht in Ferraris Eingriff auch kein Verbrechen. Im Gegenteil: „Es wäre fahrlässig gewesen, Vettel im WM-Kampf sieben Punkte zu stehlen.“

Die WM geht in Montreal zwar erst in ihr siebtes Rennen, doch es zeichnet sich jetzt bereits ab, dass am Ende nur noch Vettel und Hamilton um den WM-Titel kämpfen werden. Bei Mercedes ist man noch nicht so weit, auch wenn Bottas in Bahrein zweimal den Befehl bekam, Hamilton vorbeizulassen. Es ging dabei aber nicht um die Führung. Bottas war so langsam, dass er Hamiltons Aufholjagd auf Vettel gefährdete.

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Nach Ferraris mutmaßlichem Bekenntnis zu Vettel, muss sich Mercedes die Frage gefallen lassen, ob man jetzt nicht das gleiche im eigenen Rennstall praktizieren solle. Hamilton liegt schon 25 Punkte hinter Vettel und hat seinerseits 29 Zähler Vorsprung auf Bottas. Jeder Punkt zählt und könnte in der Endabrechnung über Sein oder Nichtsein entscheiden. Teamchef Wolff lehnt jede Form von Stallregie zu so einem frühen Zeitpunkt ab.

„Es gibt bei uns keine Nummer zwei. Ìch glaube auch nicht, dass Ferrari das bewusst gesteuert hat. Das können sie sich gar nicht leisten. Der Aufschrei in der Öffentlichkeit wäre viel zu groß, wenn sich ein Team so früh in der Saison auf einen Fahrer festlegt. Für mich wollte Ferrari seine Fahrer vor dem frühen Boxenstopp von Verstappen und Bottas schützen. Da holst du zuerst den Spitzenreiter an die Box. Zu diesem Zeitpunkt war noch für keinen absehbar, ob der frühe oder der späte Boxenstopp die bessere Taktik sein würde.“

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Auch Niki Lauda, der Aufsichtsratsvorsitzende des Mercedes-Rennstalls, glaubt nicht an ein abgekartetes Spiel bei Ferrari: „Vettel hat das Rennen in Monaco gewonnen, weil er schneller war. Er hat hinter Kimi Reifen geschont und das dann genutzt, als er vor sich freie Bahn hatte.“ Der Österreicher sieht deshalb auch noch keine Notwendigkeit, in das Duell Bottas gegen Hamilton einzugreifen, außer der eine Fahrer ist wie in Bahrein deutlich schneller als der andere. „Das sollen unsere Fahrer auf der Rennstrecke unter sich ausmachen. Wir greifen nicht ein. Meistens regelt es sich von selbst, wer der Schnellere ist.“, sagt er.

Hamilton will das Thema erst gar nicht ansprechen und vertagt die Frage auf einen späteren Zeitpunkt der Saison. Bottas hält den Zeitpunkt ebenfalls für verfrüht und sagt: „Ich habe in Sotschi und Monte Carlo gezeigt, welches Potential in mir steckt.“ Der Finne sagt aber auch: „Im Kampf gegen Ferrari zählt jedes Detail. Wir müssen aufhören, Ferrari durch schlechte Rennen unsererseits Punkte zu schenken.“

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