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Veröffentlicht: 10.03.2017, 19:19 Uhr

Formel-1-Tests Vettels Lächeln ist zurück

Die Tests in Barcelona sind vorbei. In zwei Wochen startet die Saison in Australien. Eine erste Erkenntnis: Mit dem neuen Ferrari geht was. Vettels Scuderia kann Mercedes herausfordern.

von , Barcelona
© dpa Hatte gut Lachen: Sebastian Vettel ist mit den Testfahrten in Barcelona zufrieden.

Wer der Schnellste ist? Die Gretchenfrage der Formel 1 zwei Wochen vor dem Saisonstart in Melbourne beantworten Fahrer, Ingenieure oder Teamchefs allen Erfahrungen zum Trotz ganz gerne – wenn nur das eigene Team bei der Prognose aus dem Spiel bleibt. Zum Ende der achttägigen Testfahrten auf der Rennstrecke vor den Toren von Barcelona nahm Sebastian Vettel Mercedes ins Visier: „Sehr eindrucksvoll, immer noch das Maß der Dinge“, sagte der Ferrari-Star nach seiner letzten Vorbereitungsrunde auf dem Circuit de Catalunya am Donnerstag: „Wir haben noch ein paar Dinge zu erledigen.“

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Beim Weltmeister-Team aus Stuttgart wiederum beeilten sich Führungskräfte, die Fahreigenschaften des Ferraris mit bloßem Auge zu prüfen. Weil man als Streckenkiebitz mit geschultem Blick doch sehen kann, wie der Bolide aus Maranello in der Kurve liegt. „Wie ein Brett“, sagt Niki Lauda, der Aufsichtsratsvorsitzende des Daimler-Teams. Er hat recht. Bis tief hinein in die erste Kurve sauste Vettel nach dem Vollgassprint über die lange Zielgerade auf seiner schnellsten Runde. Durch das Kurvengeschlängel schoss der rote Renner wie auf Schienen, jedenfalls sichtbar stabiler als der Mercedes: Bestzeit am Donnerstag, mit Spielraum für eine Beschleunigung. Vettel hatte auf dem letzten Kilometer bis zur Lichtschranke das Gaspedal deutlich hörbar gelupft. Die Konkurrenz soll noch ein bisschen rechnen.

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Das hat sie getan. Und dabei die kleineren Probleme von Mercedes einkalkuliert. Manche der neuen, filigranen Aerodynamikteile des Silberpfeils erwiesen sich als zu fragil. Prompt verlor der Rennwagen hier und da erst an Fassung und damit auch an Form. Bis zum ersten Grand Prix wird die Schwäche leicht behoben sein. Was aber hat der Mercedes dann zu bieten? Wie voll war der Tank beim Rennen um die kürzeste Rundenzeit in Barcelona? Durften die Piloten schon die volle Leistung des Motors nutzen? Und lassen sich die Rundenzeiten an verschiedenen Tagen, bei unterschiedlichen Temperaturen und Fahrprogrammen auch nur annähernd vergleichen?

Ferraris Motor läuft ohne zu Murren

Wer klare Antworten auf komplexe Fragen der Formel 1 haben will, geht zu Niki Lauda: „Ich sehe Ferrari mit uns auf einem Niveau, dahinter Red Bull.“ Punkt. So einfach sei es nicht, heißt es ein paar Meter weiter im Fahrerlager. Ferrari lässt sich offiziell so vernehmen: „Wir sind schneller als Sauber.“ Wirklich?

Die Schweizer sind Kunden der Italiener, sie kreisten mit einem Ferrari-Antrieb vom vergangenen Jahr, und zwar ein paar Sekunden pro Runde hinterher. Das neue Hybrid-Modell aus Maranello hätte Sauber gerne im eigenen Heck. Denn der Ferrari läuft ohne zu Murren, Runde um Runde, auch am Freitag-Vormittag mit Kimi Räikkönen zur nächsten Bestzeit. Das ist ein großer Fortschritt zur vergangenen Saison: Vettel und sein Teamkollege fuhren konstant auf hohem Niveau. So weit war Red Bull noch nicht. Was auch an einem altbekannten Problem liegt: Der Renault-Antrieb im Heck hat zwar Leistungsspitzen zu bieten, die aus Sicht von Mercedes dem Maximum der besten Triebwerke entsprechen. Aber noch scheint das Hybrid-System diese Belastung nicht über ein ganzes Rennen aushalten zu können. Der Herausforderer muss sich vorerst, so der Eindruck von Barcelona, noch ein bisschen schonen. Deshalb hat sich im Fahrerlager diese Einschätzung verfestigt zum Finale der Testphase: Mercedes fliegt mit drei Zehntelsekunden Vorsprung vor Ferrari und Red Bull zur Premiere 2017 nach Australien. Es ist enger geworden.

45236271 In den Kurven liegt der neue Ferrari wie ein Brett, der Motor fährt ohne zu Murren. Gute Voraussetzungen für eine spannende Formel-1-Saison. Noch … © Reuters Bilderstrecke 

Wenn es um eine konkretere Leistungseinschätzung geht, wird Vettel ernst. Dann spricht er von einer nötigen Verbesserung des Autos in langsamen Kurven und überhaupt von einigen „Bereichen, wo wir uns steigern müssen“. Kaum hat er so gesprochen, ist es wieder da. Sein Lächeln. Als stiege in ihm ein nicht unterdrückbares Wohlbehagen auf, wenn er, noch im Rennoverall, über die jüngsten Fahrerlebnisse spricht. Dabei geht es nicht nur um die Entdeckung verschütteter Gefühle am Lenkrad, mit mehr Abtrieb endlich wieder viel später bremsen und viel schneller durch die Kurven fliegen zu können. Ein Traum für Rennfahrer. Wenn Vettel kurz nach der Arbeit lächelt, dann ist das seine emotionale Antwort auf die Datenanalyse: Mit dem neuen Ferrari geht was!

Auch der umgekehrte Fall spricht Bände. Mit finsterer Miene gab Fernando Alonso Auskunft über die Aussichten, mit seinem McLaren in die Gänge zu kommen. Mit gut 400 Testrunden hat der Rennstall nicht halb so viele geschafft wie Mercedes (1050). Alonsos Auto blieb auch am Freitag mehrmals stehen. Unter anderem hat Motoren-Lieferant Honda massive Probleme, das neue Triebwerk ins Laufen zu bringen. Schon kursieren Gerüchte, die Japaner würden sich eine weitere Blamage nicht mehr lange leisten können und wollen. Wenn denn wegen des anfälligen Antriebs der zweimalige Weltmeister und das renommierte, über viele Jahre so erfolgreiche Team McLaren wieder auf der Strecke blieben. Aus „logistischen Gründen“, teilte der Rennstall mit, werde Alonso am Freitag nicht mehr zu den Medien sprechen. Er hat ja auch schon alles gesagt: „Wir können hier in jeder Kurve Vollgas fahren.“ Für einen Abflug ist sein Auto zu langsam.

 
Die Formel-1-Tests in Barcelona sind vorbei - und Vettel ist glücklich. Ferrari kommt Mercedes näher.
© dpa, reuters Mercedes stellt neuen Silberpfeil vor

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