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Vettel in Hockenheim Ein schmaler Grat und breite Schultern

 ·  Steckt Sebastian Vettel in einer Krise? Er und sein Team sehen sich weit davon entfernt. Das wollen sie abermals beweisen - ausgerechnet in Hockenheim.

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© dpa Das wäre ihr Preis gewesen: An Hockenheim hat Sebastian Vettel nicht die besten Erinnerungen

Sie mögen diese Statusfragen nicht bei Red Bull. Nummer eins? Nummer zwei? „Bei uns sind beide Fahrer gleichberechtigt“, sagt Teamchef Christian Horner: „Sebastian und Mark haben die selben Möglichkeiten, jeder von ihnen kann in diesem Jahr Weltmeister werden.“ Noch vor wenigen Monaten hätte sich diese Frage erübrigt, seinerzeit düpierte Sebastian Vettel nicht nur seinen Teamkollegen Mark Webber, er dominierte gleich die gesamte Formel 1. Doch die Dinge haben sich verändert. 100 Punkte hat der Deutsche nach den ersten neun Grand Prix der Saison gesammelt und damit 104 weniger als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr.

Zahlen lügen nicht. Vor dem Großen Preis von Deutschland an diesem Sonntag (14 Uhr im FAZ.NET-Ticker) auf dem Hockenheimring ist aus Vettel ein Jäger geworden. Einer, der ruhig und gelassen mit seiner neuen Rolle umgeht. Hier ein Lachen, dort ein Scherz - kaum etwas deutet darauf hin, dass der Druck zugenommen hat. „Sebastian hat breite Schultern“, sagt Horner. „Er geht mit der Situation sehr erwachsen um.“ Vor wenigen Wochen ist Vettel 25 Jahre alt geworden, und doch hat er schon jetzt viele jener Rekorde gebrochen, die die Königsklasse des Motorsports überhaupt zu bieten hat.

„Weit entfernt von einer Krise“

Fünfzehn Mal startete er im vergangenen Jahr von der Pole Position, elf Mal raste er als Erster über Ziellinie, kein anderer war so jung und schon zwei Mal Weltmeister in der Formel 1. „Sebastian weiß ganz genau, dass die letzte Saison einzigartig war“, sagt Horner. „So etwas lässt sich nicht einfach wiederholen.“ Auch Vettel ahnte schon während der Testfahrten im Winter, dass es so leicht so schnell nicht mehr werden würde: „Ich glaube, es wird extrem eng“, sagte Vettel damals. Er sollte Recht behalten. Die Regeländerungen haben Spuren hinterlassen, vor allem das Verbot des angeblasenen Diffusors traf Red Bull so hart wie kein anderes Team. Die Verantwortlichen des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) haben ihr Ziel erreicht: Einen Alleingang sollte es nicht mehr geben, die Grand Prix sollten unberechenbar werden.

Drei Tage vor dem Rennen in Deutschland sitzt Horner im Motorhome von Red Bull. Blaues Jackett, die obersten Knöpfe von seinem weißen Hemd sind geöffnet, der Achtunddreißigjährige gähnt. Ob sein Rennstall in einer Krise stecke, weil Fernando Alonso im unterlegenen Ferrari die WM anführt? Horner überlegt einen Moment, dann lächelt er verkniffen und entgegnet: „Wir sind weit entfernt von einer Krise. Aber die Formel 1 ist in diesem Jahr so knifflig wie schon lange nicht mehr. Du darfst dir kaum Fehler erlauben.“ Horner mag das Wort „Krise“ nicht. Es irritiert ihn, schließlich führt Red Bull die Konstrukteurswertung an, kämpfen Webber und Vettel gemeinsam und gegeneinander um den Titel. Zehn Jahre trennen beide, doch in diesem Jahr rasen sie erstmals seit 2010 wieder auf einem Niveau.

Vettel hat einen weiteren Gegner erhalten, und dessen Bolide steht in derselben Garage wie seiner. „Als Weltmeister ist Sebastian der Maßstab für alle anderen“, sagt Horner. „Aber Mark ist in diesem Jahr mit ganz viel Energie und Begeisterung zurückgekommen, er ist gerade in Topform.“ Sein Teamchef klingt begeistert, gerade erst hat Red Bull den Vertrag mit Webber um ein weiteres Jahr verlängert. Für Vettel könnte der weitere Verlauf dieser Saison jedoch zu einer Belastungsprobe der besonderen Art werden. Wie reagiert er unter Druck? Macht er Fehler im Kampf Mann gegen Mann? Oder verliert er gar irgendwann die Nerven? Fragen, die im vergangenen Jahr selten einer Antwort bedurft haben, denn Vettel fuhr vor allem gegen sich selbst und für neue Bestmarken.

Wegweiser für den Rest der Saison

1992 saß der gebürtige Heppenheimer gemeinsam mit seinem Vater als Zuschauer zum ersten Mal auf der Tribüne in Hockenheim. Es regnete, kaum ein Fahrer war während des Trainings auf der Strecke unterwegs, und doch war dieser Tag für Vettel ein bleibendes Erlebnis. „Wir sind wegen Michael (Schumacher) gekommen“, sagt er. „Den Lärm zu hören, die Gischt hinter den Autos zu sehen - das war unglaublich.“ Nun wird Vettel eine ganze besondere Ehre zuteil. Als erster deutscher Rennfahrer überhaupt erhält er eine Wachsfigur bei Madame Tussauds in Berlin. 36 Kilogramm wiegt das Kunstwerk, rund 200.000 Euro soll es wert sein, es zeigt den Weltmeister in seiner typischen Siegerpose mit dem in die Luft gereckten Zeigefinger. Doch nach einem Heimrennen hat er sich den Zuschauern so noch nie gezeigt. „Natürlich will ich diesen Grand Prix unbedingt einmal gewinnen“, sagt er. „Wir werden es weiter versuchen.“ Ein Erfolg an diesem Wochenende kann ein Wegweiser sein für den Rest der Saison.

Vor zwei Jahren hat Ferrari in Hockenheim bewiesen, dass den Italienern alle Mittel recht sind, um den Titel zu gewinnen. Damals ließ der Kommandostand Felipe Massa per Funk wissen: „Fernando ist schneller!“ Im Klartext: Lass ihn vorbei! Red-Bull-Teamchef Horner will nicht ausschließen, dass sein Rennstall in den kommenden Monaten ähnlich handeln könnte: „Es kommt auf die Situation an“, sagt er. „Wenn einer der beiden beim letzten Rennen nicht mehr um den Titel kämpft, dann wird er dem anderen natürlich helfen. Das liegt in der Natur von einem Teamsport.“ Und dabei kommt es nicht darauf an, wer welche Nummer auf seinem Rennwagen hat.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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