Manchmal gibt es Vorschriften, die für einen jungen Mann nur schwer zu verstehen sind. Da stand Stefan Bradl nach seinem dritten Platz von Qatar vor ein paar Wochen in der Boxengasse, seine Augen leuchteten, und die Mechaniker jubelten – aber am Abend bei der Feier im Hotel mit Cocktails und leckerem Essen durfte der Achtzehnjährige nicht dabei sein.
Die Scheichs im Wüstenstaat hatten etwas dagegen und erklärten Bradl, dass so junge Kerle wie er nichts zu suchen haben in Räumen, in denen Alkohol ausgeschenkt wird. Da könne man noch so schnell und erfolgreich auf dem Motorrad unterwegs sein. Nach den ersten beiden Rennen der Saison liegt Bradl auf dem zweiten Platz der WM-Wertung in der Achtelliterklasse. Für viele ist dieser Erfolg durchaus überraschend, für ihn selbst aber offenbar nicht. „Ich habe immer an mich geglaubt“, sagt Bradl. „Ich wusste, dass ich in die Weltspitze gehöre.“
„Stefan hat alle Erwartungen übertroffen“
Seit Anfang der Saison ist Bradl für das deutsche Team Kiefer BOS Sotin Racing auf einer Werks-Aprilla unterwegs. Rund 57 PS hat die Maschine, in Qatar wurde der kleine Mann aus Zahling in Bayern mit einer Höchstgeschwindigkeit von 245 Kilometern pro Stunde gemessen. Bradl sagt: „Ich bremse immer am Limit, das Hinterrad steigt dann auf, die Maschine wackelt und scheppert.“ Ihm gefällt das.
Aber das Motorrad ist offenbar nicht nur schnell, sondern auch zuverlässig. Nach dem Podiumsplatz in Qatar wurde Bradl in Jerez Vierter. Hingegen hat Weltmeister Gábor Talmácsi aus Ungarn erst vier WM-Punkte gesammelt, weil sein Motorrad zweimal an Leistung verlor. „Sicher haben wir eine gute Abstimmung gefunden“, sagt Teamchef Stefan Kiefer. „Aber vor allem hat Stefan alle Erwartungen übertroffen.“
Der letzte deutsche Weltmeister traut Bradl einiges zu
Einer, der den sportlichen Werdegang von Stefan Bradl aufmerksam verfolgt hat, ist Dirk Raudies. Der heute Dreiundvierzigjährige wurde 1993 als bislang letzter Deutscher Weltmeister in der Achtelliterklasse. Raudies hat in den vergangenen Wochen während der Rennen, bei denen er als Co-Kommentator für Eurosport arbeitet, immer wieder Menschen gehört, die den Erfolg von Bradl vor allem mit einem sehr schnellen Motorrad erklären.
„Das ist Blödsinn“, sagt Raudies. „Seine Maschine ist schnell, aber sicher nicht schneller als die der Konkurrenz.“ Entscheidend für den Erfolg sei vor allem die Fähigkeit von Bradl, den Mechanikern genaue Informationen darüber zu geben, wie sie das Fahrwerk und den Motor auf die jeweilige Strecke abstimmen sollen. In dieser Beziehung sei er anderen Fahrern im Feld überlegen. Raudies traut Bradl auch deshalb einiges zu: „Man kann in einem Positivstrudel geraten. Vielleicht ist Stefan jetzt schon mittendrin – und dann wird er zumindest mal ein Rennen gewinnen.“
Trotz des Vaters in der Box: „Ich bin kein Weichei“
An Donnerstag flog Bradl zum nächsten Rennen nach Estoril, wo ihn und die anderen am Wochenende anspruchsvolle Bedingungen erwarten. Eine holprige Piste, zumeist Gegenwind auf der langen Zielgeraden, möglicherweise Regen. Und doch gibt es inzwischen etwas, dass Bradl von einigen Konkurrenten unterscheidet. Durch die guten Ergebnisse zu Beginn der Saison ist er bei den Verantwortlichen von Aprilla in der Wertschätzung gestiegen. Schon zum ersten Rennen in Qatar hat er eine neue Vorderradgabel bekommen, beim zweiten Rennen in Spanien ging er mit verbessertem Vergaser und Federbein an den Start. In Estoril belegte er beim beim ersten Qualifying indes nur Rang 23 - eine herbe Enttäuschung.
Das wird auch Vater Helmut Bradl gefallen, der 1991 Zweiter der Weltmeisterschaft in der Viertelliterkategorie wurde. Er ist immer dabei, steht in der Boxengasse, schaut dem Sohn bei seinen Rennen zu und spricht ihm danach Mut zu. Stefan Bradl sagt, dass es ihm Sicherheit gebe. Aber er weiß auch, was andere darüber denken: „Ich bin kein Weichei.“ Das will er klarstellen. „Lewis Hamilton hat seinen Vater auch immer dabei. Und was ist aus ihm geworden?“ Beinahe ein Weltmeister.