Das, was er der Welt zeigt, ist dieses Lächeln und sein Finger. Der Vettel-Finger. „Ich will damit niemanden verletzen, es ist nicht böse gemeint“, sagt der Weltmeister: „Wirklich nicht.“ Es ist die Mimik und die Gestik des Erfolgs. Doch vor allem in England wollen viele diesen Jubel am liebsten nicht mehr sehen, zu groß ist die Angst vor einem weiteren deutschen Dominator, da kann Sebastian Vettel (Red Bull) noch so sympathisch daherkommen. Sechs Siege in neun Rennen dieser Saison, drei zweite Plätze, dazu sieben Pole Positions und 204 von 225 möglichen Punkten im Gesamtklassement – das ist eine Bilanz, die Erinnerungen weckt und Vergleiche provoziert. Mit dem Rekordweltmeister der Formel 1, mit Michael Schumacher. „Was er erreicht hat, ist phänomenal“, sagt Vettel. „Es ist nicht die Frage, ob das einem Deutschen jemals noch einmal gelingt, sondern ob es überhaupt noch jemand schafft.“
Derzeit traut man es nur einem Mann zu. Viele fragen sich schon lange nicht mehr ob, sondern nur noch, wann Vettel in dieser Saison den Titel gewinnt. Sein erster Sieg beim Großen Preis von Deutschland am Nürburgring an diesem Sonntag soll auf seiner Reise nicht viel mehr als eine Durchgangsstation sein. Auch wenn das Spannungsmoment im Titelkampf aufgrund des beachtlichen Rückstands der Vettel-Jäger überschaubar scheint, so nimmt hierzulande das Interesse am schnellsten Kreisverkehr der Welt weiter zu. Durchschnittlich haben jeweils rund sechseinhalb Millionen Zuschauer vor den Fernsehern die Rennen verfolgt, mehr als 62.000 werden zum Rennen an die Strecke in der Eifel kommen. Vor zwei Jahren waren es nur rund 50.000. Vieles hängt mit Vettel zusammen. „Er ist ein würdiger Weltmeister, ein Picobello-Aushängeschild für die Formel 1“, sagt Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. Aber das ist nicht alles, der zweite Faktor für den Aufschwung sitzt im Cockpit eines Silberpfeils und ist noch immer ein Weltstar.
Mehr als ein Jahrzehnt war die Formel 1 in Deutschland das Schumacher-Land. Anfang der neunziger Jahre hat er die hiesige Motorsport-Gemeinde mit seinen Siegen begeistert, er hat die nötige Akzeptanz und den Nährboden für eine neue Generation von Rennfahrern geschaffen. Kartbahnen schossen wie Pilze aus dem Boden, Sponsoren standen Schlange, Eltern schickten ihre Sprösslinge nicht mehr nur in den Fußballverein, und aus dieser Quantität von jungen Kerlen wurde irgendwann Qualität. Vettel ist ein Kind dieses Schumacher-Booms. Heute teilen sich Wegbereiter und Thronfolger die Verantwortung. „Wir tragen eine Vorbildrolle“, sagt Schumacher. „Wir sind dafür verantwortlich, dass die Leute daran interessiert sind, in junge Talente zu investieren.“ Allerdings: Ein neuer Vettel ist in der deutschen Kart-Szene derzeit nicht zu erkennen.
Vettels Netzwerk besteht aus nur wenigen Figuren
Das Original ist seit wenigen Wochen 24 Jahre alt, man kann das leicht vergessen, weil dieser junge Typ seine Aufgaben mit einer gehörigen Selbstverständlichkeit erledigt. Schnelle Runden, schlagfertige Antworten, sympathische Auftritte – Vettel ist längst zu einem Mann für alle Fälle geworden. „Es gibt so hohe Erwartungen an ihn, aber am Ende sind seine eigenen Erwartungen noch höher. Sebastian setzt sich mehr unter Druck als jeder andere“, sagt Tommi Parmakoski. Wenige kennen Vettel besser als der Finne, seit 2009 arbeitet er als Trainer und Physiotherapeut an der Seite des Heppenheimers. Sechs Mal in der Woche, zwei Mal am Tag jeweils rund zweieinhalb Stunden bereitet er den Piloten auf dessen Vollgasfahrten vor. Mit Hanteln und Dauerläufen, aber auch mit verschiedenen Konzentrationsübungen. Allerdings ohne Kompromisse.
„Seb hasst es zu verlieren“, sagt Parmakoski. „Es ist egal, ob es ein Formel-1-Rennen ist, wir Badminton oder Karten spielen – er hasst es in jeder Beziehung!“ Parmakoski ist Teil des Vettel-Netzwerks, das aus wenigen Bezugspersonen besteht und dem Piloten inmitten der hektischen wie mitunter hinterlistigen Glamourwelt im Fahrerlager so etwas wie einen kleinen Mikrokosmos bietet. Vettel schirmt seine Familie rigoros ab von der Öffentlichkeit, er hat noch immer dieselben Freunde wie zu Schulzeiten. Auch dieses Vorgehen hat die Formel 1 schon einmal erlebt, Schumacher hat es eingeführt. Eigentlich trägt das Prinzip seinen Namen, es ist das Schumacher-System, Vettel hat es übernommen. „Sebastian will immer nur das Beste“, sagt Parmakoski. „Und wenn er nicht Erster ist, dann will er wissen, warum das so ist. Er verlangt immer mehr. Sebastian will um jeden Preis die Nummer eins in der Welt sein.“
Bei Red Bull ist es längst Realität. Spätestens nachdem Mark Webber im vergangenen Jahr auf der Zielgeraden der WM noch Ruhm und Ehre an den jungen Herausforderer verlor, bleibt ihm nicht mehr als die Nebenrolle. Immer wieder lässt der Australier durchblicken, dass er die Leistung Vettels bewundere, sein Problem ist nur: Der Mann fährt gegen ihn im gleichen Auto. Mit Macht wehrt sich Webber gegen die Rolle des Adjutanten. Ein Beifahrer wollten die Kollegen von Schumacher auch nicht sein, aber sie mussten sich fügen. Egal, ob sie nun, Piquet, Brundle, Verstappen, Herbert, Irvine, Barrichello oder Massa hießen. Und egal, ob sie wollten oder nicht. Erst nach seinem Comeback änderte sich die Situation, Nico Rosberg begegnet Schumacher – rein sportlich – mindestens auf Augenhöhe.
„Ich glaube fest daran, dass er noch weiter wachsen kann“
Vettel hat schon jetzt einen ähnlich großen Einfluss auf die Entscheidungen bei Red Bull wie einst Schumacher bei Ferrari. Beinahe zwanzig Jahre trennen beide, und trotzdem verbinden sie die gleichen Eigenschaften: Disziplin. Durchsetzungsvermögen, technisches Verständnis und Wissensdurst. Brüder im Geiste? „Ich bin nicht sein Bruder“, sagt Vettel. Er will seine eigene Geschichte schreiben. „Sebastian hat sich den Erfolg mit Red Bull erarbeitet“, sagt Schumacher, und seine Stimme klingt nach Respekt. „Vor vier oder fünf Jahren war das Team nicht unbedingt dafür prädestiniert, um die WM zu kämpfen.“ Vettel, der Aufbauhelfer – noch so eine Parallele. Schumacher führte Ferrari in eine goldene Ära, nun soll er dabei helfen, Mercedes wieder in die Spur zu bringen. Einen Dreijahresplan hatten die Verantwortlichen zu Beginn der Zusammenarbeit ausgeheckt, spätestens dann wollte man bereit sein für den Titelkampf. Die Strategie wurde längst korrigiert, und Schumacher schließt nicht aus, dass er auch 2013 noch am Steuer dreht.
Farben sind in der Formel 1 ein Spiegel der Leidenschaft. Auf den Campingplätzen rund um den Nürburgring leuchtet noch immer das Rot von Ferrari, hinzu gekommen ist das Silber von Mercedes. Und das Blau, eines der Markenzeichen von Red Bull. Vettel half dabei, ein Team aus Österreich zum Maßstab der Formel 1 zu machen. Bis 2014 läuft sein Vertrag bei Red Bull, er kann per Option verlängert werden, der Deutsche dürfte allerdings auch aussteigen, wenn der Erfolg ausbleibt. Dass er irgendwann den nächsten Schritt machen will, daraus hat er nie ein Geheimnis gemacht: Ferrari. Hat es alles schon einmal gegeben aus deutscher Sicht, nur der Hauptdarsteller war ein anderer.
Als sich Vettel 2008 in Monza in einem unterlegenen Toro Rosso seine erste Pole Position und den ersten Grand-Prix-Erfolg sicherte, staunten die Experten noch über diesen Kerl. Mit Hochgeschwindigkeit ist er danach an die Spitze der Branche gerast, wurde der jüngste Weltmeister in der Geschichte der Formel 1 und könnte am Ende des Jahres der jüngste Doppel-Weltmeister sein. „Im letzten Jahr hatte er manchmal noch diese Angst vor dem Scheitern“, sagt Parmakoski. „Nun hat er den nächsten Level erreicht, er glaubt noch mehr an sich. Und ich glaube fest daran, dass er noch weiter wachsen kann.“ Noch eine dieser Schumacher-Eigenschaften. Sollen doch die anderen zweifeln. Oder an ihm verzweifeln.