Es sind nur noch zehn Meter bis in den Teampavillon von Red Bull im Fahrerlager von Suzuka. Trotzdem braucht Sebastian Vettel mehrere Minuten, um sich seinen Weg zu bahnen. Fragen, Fotos, Autogramme, die sonst so zurückhaltenden Japaner sind ganz verrückt nach der Formel 1. Der Fünfundzwanzigjährige lächelt während des Pflichtprogramms vor dem Grand Prix in Suzuka an diesem Sonntag (8 Uhr MEZ/ live im F.A.Z.-Liveticker). Dabei hat er im Grunde nur noch eines im Sinn: den nächsten Angriff. Sechs Rennen vor dem Ende dieser Saison macht Vettel in seinem Red Bull weiter Jagd auf den WM-Führenden Fernando Alonso (Ferrari). Noch trennen beide in der Gesamtwertung 29 Punkte.
Was macht in der Endphase im Kampf um den Titel den Unterschied aus - der Mensch oder die Maschine?
Die letzten Rennen einer Saison sind anders als alle anderen, das ist doch klar. Der Druck wächst, dein Kopf beschäftigt sich mit dem, was passieren kann, du musst mentale Stärke beweisen und darfst dich nicht von deinem Weg abbringen lassen. Diese Saison war nicht einfach für uns, wir haben Fehler gemacht, wir sind in einigen Rennen ausgefallen, das Auto war am Anfang nicht schnell genug - aber wir sind bei der Jagd auf den Titel noch immer dabei, der Gewinn der Weltmeisterschaft ist noch immer möglich, daran glauben wir. Nur das zählt im Moment. Wir müssen das Maximum aus unseren Möglichkeiten herausholen. Wir führen die WM im Moment nicht an, aber unser Ziel ist es, am Ende der Saison ganz oben zu stehen.
Einige behaupten, dass Alonso derzeit der beste Fahrer im Feld sei - sehen Sie das auch so?
Ich kann nicht beeinflussen, was andere denken. Oft ist es aber doch so: Wenn du gewinnst, bist du einer der Besten; wenn du Fünfter oder Sechster wirst, bist du schon uninteressant; und wenn du nur Zwölfter wirst, dann spielst du schon keine Rolle mehr. Für mich persönlich ist es nur wichtig, dass ich stets 100 Prozent gebe, dann bin ich mit mir selbst zufrieden.
Halten Sie sich für den besten Piloten der Welt?
Meiner Meinung nach gibt es in der Formel 1 vier oder fünf Piloten, die zu den Besten zählen, und ich sollte schon so viel Selbstbewusstsein haben und glauben, dass ich einer von ihnen bin.
Suzuka am 9. Oktober 2011: Das Rennen ist seit Stunden vorbei, als Vettel, der alte und neue Weltmeister, auf die Boxenmauer klettert und sich von den Zuschauern auf der Haupttribüne feiern lässt. Sein Rennoverall riecht nach Champagner, laute Musik dröhnt aus der Box seines Teams, Blitzlichter flackern in der Dunkelheit. Es ist eine Saison, in der er Maßstäbe gesetzt hat: 15 Pole-Positionen, elf Siege, nie zuvor hat ein so junger Fahrer in der Formel 1 schon zwei Mal den Titel gewonnen.
Haben Sie zu Hause einen Raum, in dem die Pokale stehen?
Ja, seit dem vergangenen Jahr. Ich habe es ganz nett zurechtgemacht und denke, dass es ganz schön geworden ist. Die Formel 1 ist zu meinem Job geworden, tagein, tagaus, für mich ist das oftmals eine ganz normale Sache. Aber dieser Raum und die Pokale erinnern mich daran, wie besonders alles ist. Wenn ich daran vorbeigehe, kommen die Bilder zurück in meinen Kopf, und manchmal denke ich schon: Verdammte Hölle! Das ist die Formel 1, genau davon hast du als kleiner Junge immer geträumt! Ich bin sehr stolz darauf, was wir hier erreicht haben.
Können Sie sich vorstellen, mit 25 Jahren drei Mal in Serie Weltmeister in der Formel 1 zu sein?
Ehrlich gesagt, das ist nicht mein erster Gedanke, wenn ich morgens aufstehe. Als Sportler konzentrierst du dich immer nur auf die nächste Aufgabe und nicht auf das, was einmal sein kann. Die Welt dreht sich weiter, du darfst nicht zufrieden sein. Es kommen neue Probleme auf uns zu, neue Herausforderungen - dem müssen wir uns permanent stellen. Es hilft, wenn du weißt, wie du einen Titel gewinnst. Aber nur weil du es ein Mal oder zwei Mal geschafft hast, bedeutet dies nicht, dass es auch ein drittes Mal gelingt. Du darfst nicht vergessen, auf was es ankommt, dass du auf jedes Detail achten musst.
Freitagabend im Fahrerlager: Vettel setzt sich nach dem Training mit seinen Ingenieuren zusammen, sie suchen nach der perfekten Abstimmung für den Grand Prix in Japan, nach Zehntelsekunden, während die Sonne über der Rennstrecke untergeht. Nichts soll dem Zufall überlassen bleiben, dabei steckt in der Technik, trotz aller Sicherungen, doch die Tücke. Schon mehrmals wurde Vettel in dieser Saison von einer defekten Lichtmaschine seines Red Bull gestoppt, und trotzdem schaut er immer wieder nach vorne, gibt nicht auf, stellt sich. Da ist er wie ein anderer Deutscher, wie Michael Schumacher. Beide sind so etwas wie Brüder im Geiste, weil sie die gleichen Eigenschaften verbinden: Disziplin, Durchsetzungsvermögen und Wissensdurst.
Was wird Ihnen fehlen in einer Formel 1 ohne Schumacher?
Sein Rücktritt ist für uns alle ein großer Verlust. Michael war wichtig für die Formel 1, er begeistert die Menschen auf der ganzen Welt, er ist einer der Besten, die hier jemals gefahren sind - und derzeit besitzt er von allen noch aktiven Piloten noch immer den größten Namen. Es ist schade, dass wir ihn verlieren. Ich hätte mich sehr darüber gefreut, wenn er auch im kommenden Jahr dabei gewesen wäre.
Auch, um mit ihm mal richtig um die Wette zu fahren, wenn der Mercedes schnell genug wäre?
Ja, natürlich. Wenn du Michael in ein gutes Auto setzen würdest, dann spricht doch nichts dagegen, dass er noch immer gut genug ist.
Schumacher ist eines der Vorbilder von Vettel. In den vergangenen drei Jahren wurde er sogar zu einer großen Hilfe für ihn. Der Rekordweltmeister stand nach seinem Comeback bei Mercedes sofort wieder im Rampenlicht. Egal, an welchem Ort die Formel 1 gerade Station machte, Schumacher faszinierte die Menschen, um ihn herum herrschte stets die größte Aufregung. So schaffte er ganz nebenbei einen gewissen Freiraum für Vettel. Sechs Rennen noch - dann ist diese Rollenverteilung vorbei, dann wird sich Vettel noch einmal beweisen müssen. Als Nachfolger.