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Sebastian Vettel Unter Druck

 ·  Im vergangenen Jahr fuhr Sebastian Vettel in seiner eigenen Welt. Die am Wochenende beginnende neue Formel-1-Saison wird keine One-Man-Show. McLaren und sein Teamkollege Webber setzen dem Weltmeister zu.

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© dapd

Wer das nächste Kapitel seiner Geschichte verstehen möchte, der muss kurz zurückspulen. Suzuka, 9. Oktober 2011: Sebastian Vettel wird Dritter beim Großen Preis von Japan und gewinnt damit zum zweiten Mal den Titel in der Formel 1. Tausende Fans jubeln auf den Tribünen, an der Boxenmauer umarmen sich die Verantwortlichen von Red Bull, seine Mechaniker schreien vor Glück. Doch dem Weltmeister gehen zunächst andere Gedanken durch den Kopf: „Ich bin über die Ziellinie gefahren und wusste, dass ich verloren hatte. Ich habe mich gefragt: Was ist heute falsch gelaufen?“

Es ist schon dunkel, als er nach Antworten sucht. Zusammen mit Teamchef Christian Horner und Chefdesigner Adrian Newey zieht sich Vettel in den schmucklosen Team-Pavillon an der Strecke zurück, sie trinken Wasser und analysieren, was passiert ist.

Zwei Stunden sitzen sie zusammen, und erst als Vettel die Gründe kennt, fährt er als einer der Letzten zu seiner eigenen Party in den Irish Pub von Yokaichi und versucht sich als Karaoke-Sänger. So lange, bis seine Stimme nicht mehr mitmacht. Vor allem einen Klassiker von Frank Sinatra schmettert er immer wieder: „I did it my way.“ Wie der Vettel-Weg aussieht? Erfolg um jeden Preis.

Erste Kampfansagen

Disziplin, Durchsetzungsvermögen und Leidenschaft - seit jeher bestimmen diese Komponenten sein Denken. Vor dem Auftakt der neuen Saison in Melbourne am kommenden Sonntag beschäftigt sich Vettel nun vor allem mit der Frage, wie er seine Position als Ranghöchster möglichst lange verteidigen kann. Zweimal nacheinander wurde er Weltmeister, mit gerade einmal 24 Jahren ist er aufgestiegen zu einem internationalen Star - und gerät damit ins Visier einer ganzen Branche.

Seine Gegner formulieren schon die ersten Kampfansagen: „Wir haben Red Bull in den vergangenen beiden Jahren zu wenig gefordert“, sagt Jenson Button (McLaren). „Das wird in diesem Jahr anders sein - und ich will sie mal sehen, wenn sie richtig unter Druck stehen.“

Der Blick? Nur nach vorne

Diesem Gefühl war Vettel lange nicht mehr ausgesetzt, zuletzt fuhr er in seiner eigenen Welt, und dabei ging es nur noch um neue Rekorde. Fünfzehnmal startete er 2011 von der Pole Position, bei elf Rennen raste er als Sieger über die Ziellinie, weitere sechsmal stand er auf dem Podium. Selten zuvor hat ein Mann die Formel 1 derart dominiert, lange wurden Traditionsrennställe wie McLaren und Ferrari nicht mehr so sehr gedemütigt.

„Eigentlich bedeuten diese Statistiken gar nichts“, sagt Vettel. Kaum ein anderer Fahrer interessiert sich so sehr für die Historie seines Sports, aber derzeit richtet er den Blick nur nach vorne. Er weiß ganz genau, dass seine Jäger ihre nächsten Attacken längst vorbereitet haben.

Kein anderes Team entwickelt so schnell wie McLaren

Doch der Weltmeister kämpft um seine Position. Anfang Januar, vier Wochen vor den ersten Testfahrten des Jahres, trifft sich Vettel mit den Ingenieuren und Technikern von Red Bull in der Zentrale in Milton Keynes und stellt eine Liste mit Fehlern der vergangenen Saison zusammen. „Die Liste ist sehr lang“, sagt Vettel. „Es gibt einige Dinge, an denen wir arbeiten müssen.“ Perfektion ist ein unerreichbarer Zustand in der Formel 1.

Dabei zeigten er und das Auto im vergangenen Jahr kaum noch Schwächen, der RB7 war so zuverlässig und schnell wie kein anderer Rennwagen aus dieser Baureihe, und trotzdem beherrschte Vettel seine Gegner am Ende nicht mehr nach Belieben. McLaren verkürzte den Rückstand, Jenson Button und Lewis Hamilton gewannen immerhin sechs Grands Prix. Kein anderes Team hat seinen Boliden im Laufe der Saison derart schnell weiterentwickelt wie die Engländer.

Button weiß wie man gegen Vettel gewinnt - und gegen Hamilton

Das ist auch den Verantwortlichen von Red Bull nicht entgangen, sie machen deshalb vor allem einen Mann aus als den großen Herausforderer von Vettel in der neuen Saison: Jenson Button. „Wir werden das Beste von ihm erst noch sehen“, sagt Red-Bull-Teamchef Horner. „Er wird sich weiter entwickeln und noch stärker werden.“

Schon vor drei Jahren wurde die WM zu einem Zweikampf zwischen den beiden. Vettel verlor die Auseinandersetzung damals, und der Engländer wurde mit Brawn GP überraschend Weltmeister. Der Einunddreißigjährige weiß also, wie er Titel gewinnt.

Und Button hat in den vergangenen zwei Jahren bei McLaren gelernt, wie er sich gegen ein Alphatier der Branche wie seinen Landsmann Lewis Hamilton durchsetzt. Button fährt unspektakulärer als die meisten anderen im Feld, und doch beweist er immer wieder Cleverness und ein besonderes Gespür für die Situation. Im Fahrerlager nennen sie ihn deshalb einen „Gentleman Driver“. Doch das gute Benehmen hat spätestens dann ein Ende, wenn es um die größten Pokale geht.

Mann gegen Mann, Auto gegen Auto - diese Auseinandersetzungen will das Publikum sehen, und das ist es auch, wonach sich Bernie Ecclestone sehnt. „Wir wollen nicht mehr, dass so etwas wie vergangenes Jahr noch einmal passiert“, sagt der Chefvermarkter der Formel 1.

Die Dominanz eines Einzelnen ist schlecht für das Geschäft, und deshalb haben die Verantwortlichen vom Internationalen Automobil-Verband die Regeln zur Saison verändert. Zum Beispiel wurde das sogenannte Anblasen des Diffusors verboten - eine der großen Stärken von Red Bull. Kein anderes Team konnte mit dieser Technik so viel Anpressdruck generieren. „Ich finde die Jagd auf uns nicht so uninteressant, sondern ganz im Gegenteil wird das Ganze sehr spannend sein“, sagt Dietrich Mateschitz, der Red-Bull-Gründer und Teambesitzer gegenüber dieser Zeitung. „Gegen Versuche, uns einzubremsen, werden wir uns zu wehren wissen.“

Kritiker behaupten, dass Chefdesigner Newey bei der Entwicklung des neuen RB8 deshalb bis an die Grenzen des Erlaubten und vielleicht sogar darüber hinaus gegangen ist. Weckte im vergangenen Jahr noch der biegsame Frontflügel das Interesse der Beobachter, so richten sie ihre Blicke dieses Mal auf den Austritt der Abgase aus der Verkleidung. „Nach den bisherigen Erfahrungen wäre ich enttäuscht, wenn es keine Proteste gibt“, sagt Teamchef Horner dem britischen Fernsehsender BBC.

Beinahe 50.000 Kilometer haben die zwölf Teams bei den Testfahrten in Jerez und Barcelona zurückgelegt. Vertraut man den Eindrücken und Daten, die in dieser Zeit gewonnen worden sind, dann sind die Spitzenteams - mit Ausnahme von Ferrari - enger zusammengerückt. Die neue Saison wird keine One-Man-Show.

„Ich glaube, es wird extrem eng“, sagt Vettel. Bis spät am Abend ist er deshalb bei den Tests oft an der Strecke geblieben und hat gemeinsam mit seinen Ingenieuren die Stärken und Schwächen des eigenen Autos analysiert und die Gegner beobachtet.

Belastungsprobe der besonderen Art

Bis zum Start in Melbourne werden die Großen der Branche die Aerodynamik-Pakete an ihren Boliden nochmals modifizieren - das Zwischenfazit von Vettel klingt schon jetzt zurückhaltender als zuletzt: „Zu sagen, alles ist perfekt, wäre gelogen, denn es sind einige Probleme zu lösen.“ Red Bull hatte in Vorbereitung mit Getriebeproblemen zu kämpfen, auch das letzte technische Update hatte nicht den gewünschten Effekt.

Die neue Saison wird für Vettel zu einer Belastungsprobe der besonderen Art. Jenson Button, Lewis Hamilton, Michael Schumacher, Fernando Alonso, Kimi Räikkönen und eben Vettel - erstmals überhaupt in der Geschichte der Formel 1 gehen gleich sechs Weltmeister an den Start. Gefährlich sind aber auch jene Fahrer, die erst noch einen Titel gewinnen wollen.

„Aller guten Dinge sind drei“

Zum Beispiel Teamkollege Mark Webber. Der Fünfunddreißigjährige besitzt bei Red Bull noch einen Vertrag über zwanzig Rennen, er steht vor seiner letzten Chance auf den ganz großen Coup, und er hat oft genug bewiesen, dass er sich mit den Erfolgen seines jungen Kollegen nicht identifizieren kann. Auf der Weltmeister-Party in Japan fehlte Webber im vergangenen Jahr, und nun kündigt Teamchef Horner an: „Mark will es noch mal wissen.“ Webber hat nichts mehr zu verlieren.

In den Geschichtsbüchern der Formel 1 aber kann sich allen voran Vettel ein weiteres Mal verewigen. Nur zwei anderen Fahrern ist es gelungen, dreimal nacheinander Weltmeister in der Königsklasse des Motorsports zu werden: Juan Manuel Fangio und Michael Schumacher. „Aller guten Dinge sind drei“, sagt Vettel und zeigt dabei wieder das bekannte Siegerlächeln. Bleibt am Ende doch alles so wie immer?

Einer, der die Karriere des Deutschen seit langem begleitet, hat bisher keine Veränderungen bei der Nummer eins der Branche festgestellt: „Sebastian steht da wie immer: stark, zuversichtlich, selbstbewusst, etwas mehr Mann, aber immer noch mit seiner jugendlichen Ausstrahlung“, sagt Teambesitzer Mateschitz. Eingekreist von den Gegnern, alle gegen einen, Vettel mag diese Situationen. Fast forward - genau so macht er weiter.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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