Rennfahrer, kommst du nach Spa, dann lacht Dein Herz. Sebastian Vettel konnte es kaum erwarten, seinen Boliden auszufahren im hohen Venn nach fünf Wochen Sommerpause; über Berg und Tal den Motor auszudrehen, mit dem Fuß durchgedrückt auf dem Gaspedal bis zum Anschlag all die Fliehkräfte zu fühlen.
Er fühlt sich wohl, wenn sein Red Bull im siebenten Gang die Gerade zur berühmten Kurve Eau Rouge hinunter rast, wenn er bei Tempo 300 die Kompression von Leib und Seele in der Talsohle spürt und mit einem leichten Rechtsschwung die 18-Prozent-Steigung hinauf schießt. Dann tauchen im Blick des Cockpit-Manns - wie am Samstag - für einen Moment die Wolken und das schöne Blau dazwischen auf. Formel-1-Fahren mit Himmelfahrtsperspektive: „Da sieht man“, sagte Vettel voller Erwartung, „was so ein Formel-1-Auto kann“.
„Wir müssen angreifen“
Am Samstag ist er gelandet. Ziemlich hart, schwer ernüchtert nach dem Qualifikationstraining zum Großen Preis von Belgien an diesem Sonntag (14 Uhr im FAZ.NET-Liveticker): Elfter! Vettel war mal der Meister der Sprintrunde. 15 Pole Positionen gelangen ihm 2011, in dieser Saison bislang nur drei. Den zwölften Grand Prix von zwanzig beginnt er nur deshalb von Rang zehn, weil sein Teamkollege Mark Webber (7.) wegen eines Getriebewechsels fünf Startplätze verliert. Vettel hatte viel mehr erwartet, gefordert, vom Team und von sich mit Blick auf das große Rennen, den dritten WM-Titel in Serie. Vor Jahresfrist führte der Heppenheimer die Pilotenriege souverän an. Diesmal liegt der Fünfundzwanzigjährige Jungstar 42 Punkte hinter dem Führenden Fernando Alonso (164) und sogar, wenn auch nur knapp, hinter Webber (124).
Da schrillt der Alarm. „Wir müssen“, verlangte Vettel am Donnerstag, „angreifen.“ Red Bull im Hintertreffen? So sieht es laut Statistik gar nicht aus: Als Erster in der Konstrukteurswertung (246 Punkte) mit einem satten Vorsprung vor McLaren-Mercedes (193) genießt das Team weiterhin die Wertschätzung der Branche: Der Bolide gilt noch immer als ein Renner. Aber die souveräne Laufleistung auf allen Kursen ist dahin nach dem Verbot des „angeblasenen Diffusors“, der angeordneten Versteifung des 2011 enorm flexiblen Frontflügels und der Einschränkung beim diffizilen Motormanagement. Chef-Designer Adrian Newey stößt mit der vierten Generation eines Supermodells an (diktierte) Grenzen.
Die anderen sind „Abbey“, wie Vettel seine vierrädrige Gefährtin nennt, so nah gekommen vor den Sommerferien, dass schon unterschiedliche Streckentypen oder die Launen des Wetters die Seriensieger zurückwarfen. Und so haben die Ingenieure aller Rennställe nach der fünfwöchigen Pause am Samstag neugierig die Konkurrenz auf der Suche nach dem letzten technischen Schrei inspiziert. Das Ergebnis: Ferrari hat massiv an seinem mangelhaften Speed auf den Geraden gearbeitet, Lotus ist sicher auf dem Sprung und McLaren dem Ruf als exzellentes Entwicklungsteam gerecht geworden.
Das sind die drei, die ihre Auto-Entwicklung schon aus finanziellen Gründen bis zum letzten Rennen unermüdlich vorantreiben werden. Sie trennen nur vier Punkte in der Konstrukteurswertung. Jeder Aufstieg, und sei es nur um einen Platz, verspricht einen Millionen-Zuschuss in Euro aus der Vermarktungskasse. Angesichts der schwindenden Einnahmen kann es sich niemand leisten, auf den Bonus zu verzichten. „Wir rechnen mit einem ganz harten Kampf“, sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner: „Bis zur letzten Runde.“
Die Spannung kann kaum größer sein
Die Führungsposition von Red Bull in der Boliden-Wertung täuscht über den wahren Stand der Technik hinweg. Denn kein Rennstall der Top-Klasse besitzt eine so ausgeglichene Steuermann-Crew. Webber, 2011 vom überragenden Vettel im gleichen Auto zum Beifahrer degradiert, fährt wieder auf Vettel-Niveau, hat zwei Grand Prix und mit der Führung vor dem Deutschen im teaminternen Vergleich neue Selbstsicherheit gewonnen. Zum Dank wurde der Vertrag des 36 Jahre alten Australiers um ein Jahr (2013) verlängert.
Gleichzeitig drehte der junge Star aus Deutschland ein paar Kapriolen, als es nicht rund lief, versuchte sich mit eigenwilligen Abstimmungsvarianten auf die Überholspur zu katapultieren. „Ich weiß, dass ich am Anfang der Saison nicht das Optimum herausgeholt habe“, sagte Vettel in Spa, „aber das ist schwierig einzuordnen. Ich weiß, dass ich mich noch steigern muss und mich noch steigern kann. Das ist ein Antrieb von innen heraus und das möchte ich allen voran mir selbst beweisen.“ Vettelförderer Helmut Marko, ein bärbeißiger Teamberater, hätte in der „Bild“-Zeitung die leichte Software-Schwäche also gar nicht kritisieren müssen: „Sebastian muss im Qualifying schneller werden.“ Das hat man am Samstag gesehen.
Druck von innen, Druck von außen. Größer kann die Spannung kaum sein. Zumal die Konstellation in den anderen Rennställen Vettels Gegnern ein leichteres Spiel zu bescheren scheint. Die WM-Kandidaten Alonso, Hamilton (McLaren) bis hin zu Kimi Räikkönen (Lotus) könnten aufgrund ihres Vorsprungs im jeweiligen Team schon bald in den Genuss einer Teamorder kommen. Der Weltmeister müsste also erst Webber abhängen, um das freie Spiel der Kräfte bei Red Bull zu einem unterstützten Solo zu entwickeln. Und zwar so schnell wie möglich.
Neigt der deutsche Überflieger zu Abstürzen?
Gleichzeitig würde jeder Ausfall seine Chancen angesichts der großen und breiten Leistungsdichte zunichte machen. Darauf spekulieren Männer wie Whitmarsh. „Crash-Kid“ hatte der McLaren-Teamchef den jungen Deutschen getauft, als der, 2010 in Spa, dessen Piloten Jenson Button bei einem verunglückten Überholmanöver vor der Schikane aus dem Rennen warf. Selbst das Kunststück, Alonso in Monza 2011 bei 300 auf dem imaginären Tacho mit zwei Rädern im Gras überholt zu haben, reichte nicht für einen durchgängigen Stimmungswandel. Noch immer ist die Ansicht verbreitet, der deutsche Überflieger neige zu Abstürzen, wenn er das Feld von hinten aufrollen müsse. Vettel trägt selbst dazu bei: „Geduld ist nicht gerade meine Stärke.“
Ungeduld muss aber mitunter keine Schwäche sein. „Die besten Rennfahrer“, sagt der frühere Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger, „entscheiden im richtigen Moment, wann sie das Hirn aus- und wieder einschalten.“ Vettel steht also vor einer komplizierten Steuerprüfung. Aber er liebt ja schwierige Kurven.