Es ist die perfekte Täuschung: ein unschuldiger Blick, dazu dieses spitzbübische Lächeln und ein Gesicht, das ihn problemlos zu einem Studenten an einer beliebigen deutschen Universität machen könnte. So oder so ähnlich flimmert Sebastian Vettel im Zwei-Wochen-Rhythmus im Fernsehen in deutschen Wohnzimmern. Und kaum etwas deutet darauf hin, dass dieser junge Mann etwas besitzt, das ihn zu einem der härtesten und bedingungslosesten Fahrer macht, die die Formel 1 derzeit zu bieten hat.
Alphatierchen? Eher ein Alphatier: ein Anführer im eigenen Team bei Red Bull; ein Meinungsführer im Fahrerlager; ein Gegner, an dem die anderen Größen der Szene mehr und mehr verzweifeln. Vettel ist erst 25 Jahre alt, am Ende des Jahres wird er gerade einmal seine fünfte vollständige Saison in der Formel 1 hinter sich haben - und könnte nach dem Grand Prix in Austin an diesem Sonntag (Start: 20 Uhr MEZ/ RTL und F.A.Z.-Liveticker) doch schon zum dritten Mal Weltmeister sein. Was ist das Geheimnis dieses Mannes?
Als Vettel am Donnerstagvormittag zum ersten Mal auf den „Circuit of the Americas“ kommt, steht er sofort im Fokus der Fotografen und Kameraleute. Sie brauchen Bilder für ihre Geschichten, und deshalb werden sie am gesamten Wochenende zumeist dort sein, wo Vettel sein wird. In kaum einer anderen Sportart stehen die Athleten so sehr unter dem medialen Brennglas, während sie ihrem Job nachgehen. Analysen, Erklärungen. Strategien - am Sonntag gibt Vettel noch in der Startaufstellung Interviews, fünfzehn Minuten bevor das Rennen beginnt und er mit Höchstgeschwindigkeit über die lange Gerade schießt. Wer in jeder Situation auf der Höhe sein muss, der benötigt vor allem die richtige Schaltgeschwindigkeit im Gehirn. Und kaum ein anderer im Feld kann so schnell den inneren Modus wechseln wie Vettel - und von Spaß auf Ernst umschalten.
Die Verantwortlichen von Red Bull sind von ihm immer wieder überrascht. Selbst Chefdesigner Adrian Newey, der in seiner langen und erfolgreichen Karriere in der Formel 1 schon mit Weltmeistern wie Nigel Mansell, Ayrton Senna und Mika Häkkinen zusammengearbeitet hat, lobt den neuen Chefpiloten der Szene: „Sebastian hat ein beinahe inquisitorisches Gehirn. Er ist ein sehr wacher Junge. Was er alles an Fähigkeiten in sich vereint, kennt man sonst nur von alten Hasen.“ Die ersten WM-Punkte, die erste Pole Position, das erste Podium, der erste Sieg, der erste Titel, der zweite Titel - kein anderer Fahrer in der mehr als sechzigjährigen Geschichte der Formel 1 war jünger bei seinen ersten Erfolgen. Wie ein Komet ist Vettel eingedrungen in die Vollgas-Sphäre, und nun scheint selbst das Unvorstellbare nicht mehr ausgeschlossen: Vettel könnte irgendwann sogar Rekordweltmeister Michael Schumacher übertrumpfen.
„Wie Schumacher - nur nett“
Der Altmeister und der Junior - Vergleiche gab es in den vergangenen Jahren genug. Auch im Ausland. Schon 2009 schrieb „The Times“ in England über Vettel: „Wie Schumacher - nur nett.“ Tatsächlich sind die Parallelen der beiden verblüffend. Jeder von ihnen kommt aus einfachen Verhältnissen, sie mussten verzichten, um es nach ganz oben zu schaffen, und sie bauten ihren Erfolg unter anderem auf Misstrauen auf.
Auf dem Zweifel daran, dass das Gute nicht gut genug sein könnte, um sich dauerhaft gegen die Angriffe der Gegner zu behaupten. Um das zu verhindern, gehen sie auf der Strecke an die Grenze - und manchmal auch darüber hinaus. Im Mai 2005 kämpfte Schumacher in Monaco so hart gegen seinen Bruder Ralf, dass dieser danach sagte: „Für mich hat er sie nicht alle. Aber darüber müssen wir nicht reden. Einsehen tut er es eh nicht. Manchmal schaltet er sein Gehirn nicht ein.“ Vettel zeigte der Welt beim Rennen in Monza in diesem Sommer, mit welcher Härte er seine Position verteidigen will, und drängte Fernando Alonso (Ferrari) auf die Wiese - jenseits von Tempo 300.
Er spielt gern Federball
Diese Kompromisslosigkeit traut Vettel nicht jeder zu, zumindest nicht auf den ersten Blick. Er liebt Musik aus der Generation seiner Eltern, hört am liebsten die Beatles auf Vinyl, weil er das leise Knacken der Platten so sehr mag; er führt kein Unterwäschemodell und kein Popsternchen durch das Fahrerlager, sondern hält seine Freundin so gut wie möglich aus der Öffentlichkeit heraus; er lebt auf einem Bauernhof in der Schweiz und spielt gern Federball. Wenn es so etwas gibt wie das klassische Bild eines Formel-1-Piloten, dann erfüllt Vettel kaum eines jener Kriterien, welche in der Öffentlichkeit darüber existieren.
Ganz anders als Alonso, sein einzig verbliebener Gegner im Kampf um den Titel in diesem Jahr. Auf seinem Rücken trägt der Spanier eine großflächige Tätowierung eines Samurai-Kämpfers, seine russische Freundin modelt, und am Donnerstag konnten Millionen Menschen auf Twitter ein Bild sehen, dass Alonso und seinen Teamkollegen Felipe Massa in einer Pose zeigt, als würden sie kurz vor einem Krieg stehen: böser Blick, angespannte Körper und in der Hand ein Paintball-Gewehr. Darunter die Botschaft: „Bereit für die letzten zwei Rennen. Hahaha.“ Massa hat es geschrieben, Alonso hat mitgemacht.
Mit derartigen Spielereien kann Vettel nichts anfangen. Kaum etwas vermeidet er so sehr wie die Ablenkung von seinen Zielen. Rückschläge? In seiner Welt gibt es vor allem Herausforderungen. Abu Dhabi vor zwei Wochen: Weil Vettel nach dem Qualifikationstraining am Samstag mit seinem Red Bull auf der Strecke stehen bleibt und die Rennkommissare später feststellen, dass im Tank nicht mehr genügend Benzin für eine Probe ist, wird der Deutsche ans Ende des Feldes versetzt. Einige Experten glauben, dass dies eine Wende im Titelkampf zugunsten von Alonso sein könnte, doch schon vor dem Start am Sonntag sagt Vettel: „Wenn du nicht fällst, dann musst du auch nicht aufstehen.“ Er glaubt daran, wenige Stunden später auf dem Podium zu stehen, überträgt diesen Glauben ins Team und wird tatsächlich Dritter. 55 Runden, rund 305 Kilometer - viele sehen in diesem Rennen so etwas wie ein Meisterstück Vettels, weil er auch seinen Kritikern beweist, dass er überholen kann und die Nerven behält im Kampf Mann gegen Mann.
Noch vor zwei Jahren nannte ihn McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh ein „Crashkid“, nun sagt auch er: „Dies war wohl die beste Saison in der Karriere von Sebastian.“ Keine Kompromisse, keine Ausreden, keine Entschuldigungen: Seit Vettel 2007 in Indianapolis die asphaltierte Bühne der Formel 1 betreten hat, geht er seinen Weg mit letzter Konsequenz. Den meisten Zwängen der Branche entzieht er sich, Vettel hat noch immer keinen Manager und auch keine persönlichen Sponsoren, die ihm irgendwelche Verpflichtungen abringen könnten. Er will vor allem eines: fahren. Und gewinnen. Sein Lächeln und das unprätentiöse Auftreten sind für ihn dabei so etwas wie eine perfekte Tarnung. Allerdings sollte sich davon niemand täuschen lassen. Es gehört zu Effizienz eines Champions.
auch wenn's nun wahrscheinlich keinen mehr interessiert...
Melvin Schneider (MelvinSchneider)
- 20.11.2012, 01:16 Uhr
Bravo Sebastian!
Helene Schmidt (scampolo)
- 18.11.2012, 13:36 Uhr
Man braucht nur seine ersten Interviews zu hören
Walther Schmidt (silitoe)
- 18.11.2012, 12:37 Uhr