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Rallye Dakar Im Risiko-Rausch

In Deutschland gilt die Veranstaltung längst als fragwürdig, in Südamerika wird die Rallye Dakar populär wie nie. Die Veranstalter sind in neue Dimensionen vorgestoßen - Fluch und Segen zugleich. Rallye-Legende Carlos Sainz steuerte seinen VW am schnellsten durch Wüste und Pampa.

© AFP Vergrößern Die Wüste täuscht: Carlos Sainz war keineswegs so einsam unterwegs, wie das Bild suggeriert

Der Junge strahlt. Breitbeinig hat er sich oben auf dem Kamm der Sanddüne aufgebaut, die Arme herausfordernd in die Seiten gestemmt, den kühnen Erobererblick fest in die Digitalkamera gerichtet. So thront er über der einsamen Düne in der chilenischen Atacama-Wüste, ringsum nichts als Sand und Himmel und sanft geschwungene Dünenwellen, die sich weit in die Ferne ziehen. Doch die berauschende Wüstenlandschaft ist in Wahrheit nichts als Kulisse. In Wahrheit geht es dem Jungen in der Macho-Pose nur um eins: ganz nah dran zu sein, wenn gleich die Rallyeautos die steile Düne hochjagen und dabei, so Gott will, möglichst dicht hinter seinem Rücken vorbeipreschen. Dicht genug jedenfalls, dass sie schön groß mit aufs Foto kommen.

Verrückte Fans sind bei der Rallye Dakar nichts Ungewöhnliches. In den Augen mancher freilich trägt die ganze Veranstaltung verrückte Züge – oder zumindest höchst fragwürdige. Da machte die Ausgabe 2010 keine Ausnahme. Auch in diesem Jahr kam es zu schweren Zwischenfällen: Auf der sechsten Etappe verunglückte der italienische Motorradfahrer Luca Manca, er zog sich lebensgefährliche Kopfverletzungen zu, lag tagelang im künstlichen Koma. Auf der ersten Etappe hatte das Auto eines deutschen Privatfahrers eine Zuschauergruppe erfasst, eine Frau kam bei dem Unfall ums Leben.

Mit dem Umzug von Afrika nach Südamerika, wo die Dakar zum zweiten Mal ausgetragen wurde, sind die Veranstalter in Sachen Zuschauerinteresse in neue Dimensionen vorgestoßen – was Fluch und Segen zugleich bedeutet. Einerseits kennt der Überschwang der rallyeverrückten Fans in Argentinien und Chile oft buchstäblich keinerlei Grenzen, schon gar nicht in abgelegenen Offroad-Passagen wie in der Atacama-Wüste.

Die Wüste ist weit, die Gefahr groß: Sainz, Cruz und drei Zuschauer in Argentinien © AP Vergrößern Die Wüste ist weit, die Gefahr groß: Sainz, Cruz und drei Zuschauer in Argentinien

Andererseits bringt gerade diese Begeisterung die Dakar-Teilnehmer immer wieder ins Schwärmen – wenn Fans erschöpfte Fahrer mit kühlen Getränken versorgen, ihnen mit Werkzeug aushelfen oder gar ganze Autos wieder flottmachen, wie das dem Hummer-Piloten Ronn Bailey widerfuhr, der sein Monstergefährt in ein tiefes Loch gesetzt hatte und nur durch die Zugkraft der Fans zurück auf die Strecke kam.

Mit einer Pferdestärke ins Biwak

Ein Erlebnis ganz eigener Art widerfuhr der Hamburger Motorrad-Pilotin Tina Meier. Sie bat einmal Zuschauer am Streckenrand um Wasser, weil sie ihre Vorräte in der Hitze verbraucht hatte. Als sie wieder losfahren wollte, sprang ihre Yamaha nicht mehr an. Kurzerhand bot ihr ein Mann, der zwei Pferde dabei hatte, an, mit ihr ins Biwak zu reiten. Tina Meier nahm an und stieg aufs Pferd, in voller Motorrad-Montur. Dann kehrte sie mit einem Mechaniker zu ihrem Bike zurück und fuhr, wieder regelgerecht motorisiert, ins Ziel der Etappe.

Solche Erlebnisse machen für die Teilnehmer genauso den Reiz der Dakar aus wie die vielgescholtenen Risiken und die oft beschworenen Gefahren, die die Wüstenrallye birgt. Ganz zu schweigen von ihrem sportlichen Reiz. In diesem Jahr bot die Dakar gerade in der Autowertung Spannung bis zum letzten der rund 9000 Kilometer. Nachdem BMW-X-Raid-Pilot Stephane Peterhansel wegen einer gebrochenen Kardanwelle schon früh rund zwei Stunden verloren hatte, dominierten zwar drei Race Touareg des VW-Werksteams den Wettbewerb unangefochten. An der Spitze aber lieferten sich die Sieger Carlos Sainz/Lucas Cruz tagelang mit ihren Verfolgern Nasser Al-Attiyah/Timo Gottschalk einen heißen Tanz um jede Sekunde. Nach der letzten Etappe am Samstag betrug der Vorsprung der spanischen Rallye-Legende Sainz auf den munter angreifenden Al-Attiyah, im vergangenen Jahr noch für Rivale BMW X-Raid am Steuer, gerade mal 2:12 Minuten.

Freies Rennen für die VW-Piloten

VW-Motorsportdirektor Kris Nissen gab den beiden hauseigenen Konkurrenten freie Fahrt, ohne bremsende Stallorder, und so entwickelte sich ein nervenaufreibendes Duell: Einmal büßte Sainz durch zwei schleichende Plattfüße viel Zeit ein, tags darauf rauschte ihm der von hinten drängelnde amerikanische Hummer-Pilot Robby Gordon ins Auto, und der Spanier musste die Etappe mit offener Heckklappe zu Ende fahren.

Auf dem vorletzten Teilstück am Freitag berührte Al-Attiyah Sainz gar bei einem Überholmanöver – was „El Matador“ dann freilich gar nicht mehr so lustig fand. Kein Wunder: Schon im Vorjahr hatte Sainz bei der Dakar sechs Etappen gewonnen und das Klassement acht Tage lang angeführt – und war dann nach einem allerdings selbstverschuldeten Unfall kurz vor dem Ziel noch ausgeschieden.

Quelle: F.A.Z.

 
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