Die Liste der Todesfälle bei der Rallye Dakar ist noch länger geworden: Am Samstag starb eine 28 Jahre alte Zuschauerin. Die Veranstalter aber gehen mit der üblichen routinierten Zerknirschung auf die nächsten Streckenabschnitte. Auch nach 57 Opfern seit der ersten Austragung des Abenteuerrennens 1978 geht das Spektakel weiter. Nur Fahrer und Beifahrer des Unfallwagens können nicht mehr: Der deutsche Pilot Mirco Schultis aus Kelsterbach und sein Schweizer Beifahrer Ulrich Leardi brachen ihren Einsatz ab.
Auf der ersten Etappe des Rennens von Colon nach Cordoba in Argentinien kam am Samstag die Zuschauerin ums Leben. Darüber hinaus gab es vier weitere Verletzte. Nach Angaben der Organisatoren waren die Piloten mit ihrem vierradgetriebenen Geländewagen Desert Warrior bereits nach 75 von 684 Kilometern mit ihrem Fahrzeug von der Strecke abgekommen und in eine Gruppe von Zuschauern gerast. Nach Angaben der Rennleitung hatten die Opfer sich an der nicht abgesperrten Strecke in einem nicht für Zuschauer zugelassenen Bereich aufgehalten. Der Veranstalter hatte sechs Zonen eingerichtet, in denen die Zuschauer die Autos aus sicherer Nähe ansehen konnten.
1600 Sicherheitskräfte waren eingesetzt, um die Strecke zu kontrollieren. Verschiedene Medien berichteten, die Verunglückten hätten sich das Rennen von ihrem eigenen Grundstück aus angesehen. Ein Polizist der Provinz Cordoba gab gegenüber der französischen Zeitung „Le Monde“ an, Beamte hätten versucht, die Personen zum Verlassen der Gefahrenzone zu bewegen. Drei Konkurrenten hätten die Kurve gleichzeitig erreicht, zitiert die Zeitung den Polizisten. Die Staubwolke habe dem Fahrer des Unfallwagens mit der Nummer 418 die Sicht genommen, so dass er viel zu weit aus der Kurve gekommen sei. Ihn treffe keine Schuld. Schultis wurde auch nicht vom Veranstalter disqualifiziert.
„Die rennen einfach vors Auto“
Der Unfall wirft ein Licht auf das größte Problem der Rallyes: Die Zuschauer wollen die Autos aus der Nähe sehen, können aber das Risiko zum Beispiel am Ausgang einer Kurve nicht einschätzen. „An der Strecke gab es sehr viele Zuschauer“, sagte VW-Werksfahrer Nasser Al-Attiyah. „Die rennen einfach vors Auto.“ Die Piloten versuchten schon, sehr genau zu fahren. „Das gelingt aber nicht immer. Es ist schwer, die Zuschauer unter Kontrolle zu halten.“
Der unter Schock stehende Schultis gab das Rennen auf. „Eine Frau von 28 Jahren ist gestorben“, erklärte Norberto Brusa, Notarzt im Krankenhaus von Cordoba. „Sie starb an ihren schweren Verletzungen am Schädel, am Becken und des Bauches.“ Auf dem Transport im Helikopter von der Unfallstelle ins Krankenhaus sei die Frau zweimal wiederbelebt worden, doch kurz nach der Ankunft gestorben. Ein 24 Jahre alter Mann erlitt eine Schienbeinfraktur. Er war ebenso ins Krankenhaus gebracht worden wie ein neunjähriger Junge, dessen Zustand stabil sei. Zwei weitere Personen erlitten leichtere Verletzungen.
„Es gibt Rennen in vielen Ländern, die ohne Probleme ablaufen“, sagte Renndirektor Etienne Lavigne. „Man kann diesen traurigen Unfall nur bedauern.“ Er erinnerte daran, dass die Strecke vom Samstag auch Teil der Argentinien-Rallye ist, die in den vergangenen Jahren ohne Zwischenfall ablief. Sieger der ersten Etappe war der Spanier Joan Roma mit einem BMW X3, der aber schon nach zwei Kilometern der nächsten Wertungsprüfung durch einen doppelten Überschlag 15 Minuten Zeit und die Führung verlor. Platz eins übernahm VW-Pilot Nasser Al-Attiyah (Katar) mit seinem Berliner Beifahrer Timo Gottschalk.