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Achim Freund Gelähmt auf die Rennstrecke

 ·  Seit einem Rennunfall ist Achim Freund querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Doch er hat große Ziele: Jetzt will er wieder Motorradrennen fahren - in einem Team aus Behinderten.

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© Sebastian Eder Vergrößern „Großes leisten“: Mit diesem Gespann will Achim Freund zurück auf die Rennstrecke

Der Metallstab ist höchstens vierzig Zentimeter lang, mit einem Durchmesser von einem Zentimeter. Jahrelang, Runde für Runde, kauerte Achim Freund im Beiwagen eines Motorrads und klammerte sich an diesen Stab. Es gab keinen Airbag, keinen Gurt, das Leben von Freund hing nur an diesem Stück Metall.

„Wenn du nicht richtig zugreifst, machst du einen Abgang“, sagt Freund. Am schnellsten war er auf dem Salzburgring in Österreich unterwegs. Mit 260 Kilometern pro Stunde rast man dort über eine lange Gerade auf eine Kurve zu. „Dort habe ich mich dann rausgelehnt, damit das Gespann auf der Strecke bleibt“, sagt Freund. Rausgelehnt? Bei Tempo 260? „Da reißt es dir fast die Arme raus“, sagt er.

Achim Freund sitzt am Tisch in seinem Haus im hessischen Wächtersbach. Vor ihm stehen Kaffee und Kuchen, Regentropfen klatschen gegen die Fenster. Neben ihm ruht sein Hund auf dem Boden. „Achim fährt ihm ständig über den Schwanz“, sagt Bettina, Achim Freunds Frau. Ihr Mann sitzt seit 2010 im Rollstuhl. Das Gespann aus Motorrad und Beiwagen war im holländischen Ort Asse von der Strecke abgekommen. Dieter Eilers, der Fahrer, bekam auf dem Kiesbett noch die Kurve.

Freunds Hände wurden von der Stange gerissen, er schlitterte über das Kiesbett und krachte in die Leitplanke. „Ich versuchte, meine Füße zu bewegen. Es ging nicht“, sagt Freund. Eine Woche lag er in Holland im Krankenhaus, dann wurde er nach Frankfurt in die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik (BGU) geflogen. „Dort haben sie mich zusammengeschraubt, dann gab es Schmerzmittel, und das Training ging los.“ Zwei Wochen nach seinem Unfall saß Freund das erste Mal im Rollstuhl und kämpfte sich in sein neues Leben.

„Stundenlang hat man nur sein riesiges Kreuz gesehen“

“Wenn man ihn beobachtet hat, war man sich nicht sicher, ob das ein Mensch oder ein Roboter ist“, erzählt Jonathan Heimes und meint das anerkennend. Der 22-Jährige war damals krebskrank, an seiner Wirbelsäule versuchten die Ärzte einen Tumor wegzuoperieren, danach konnte auch er seine Beine nicht mehr bewegen. Drei Monate lag er zusammen mit Freund in einem Raum auf der Querschnittstation der BGU.

Heimes fühlt seine Beine wieder, bei einem Besuch kann er sich in Freunds Haus aufrecht in den ersten Stock kämpfen. Was ihm von seinem Bettnachbarn in Erinnerung geblieben ist? „Wenn ich morgens todmüde in den Trainingsraum gekommen bin, saß er schon an der Seilzug-Maschine. Stundenlang hat man nur sein riesiges Kreuz gesehen.“ Von neun bis 16 Uhr trainierte Freund, Tag für Tag. „Ich wollte wieder auf die Rennstrecke“, sagt er.

Nachdem Freund aus der Klinik entlassen worden war, ließ er sich zum Rennleiter ausbilden. Eigentlich wollte er aber mehr als nur am Rand stehen: „Ich habe seit dem Unfall überlegt, wie ich ein Gespann behindertengerecht umbauen kann.“ Wie das funktionieren soll? „Komm mal mit in die Garage“, sagt Freund und rollt los. Man kommt kaum hinterher, so flink ist er auf dem Rollstuhl unterwegs. „In der Klinik haben sie mich Kamikaze-Freund genannt“, sagt er lachend. Ständig sei er aus dem Rollstuhl gefallen, weil er sich mal wieder überschätzt hatte.

In Freunds Garage fallen einem zuerst Dutzende Pokale ins Auge. Zweimal ist er deutscher Meister bei der historischen Motorradmeisterschaft geworden, bei der 1999 seine Karriere im Seitenwagen begann. 2004 wechselte er in den Beiwagen von Dieter Eilers. Zusammen kämpften sie auf der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) um den Titel.

„Es gibt Momente, in denen das Wasser in die Augen steigt“

Unter den Pokalen von damals steht in der Garage heute Freunds ganzer Stolz: Für 6000 Euro hat er ein gebrauchtes Gespann gekauft. „Das wird jetzt umgebaut“, sagt er. Schaltung und Bremse sollen dann über Knöpfe am Lenkrad steuerbar sein. Eine Sondergenehmigung für die IDM-Tour hat Freund schon organisiert, und er hat ein ungewöhnliches Team zusammengestellt: „Para-Racing Team Germany“ soll es heißen und nur aus Leuten mit Behinderung bestehen.

Freund wird am Steuer sitzen, mit seiner Behinderung kann er sich nicht mehr bei voller Fahrt aus dem Beiwagen lehnen. Als Mechaniker hat er einen Blinden und einen Gehörlosen verpflichtet, auch seine Beifahrerin ist zu 40 Prozent behindert. „Wir wollen zeigen, dass auch Menschen mit Behinderung in der Lage sind, Großes zu leisten“, sagt Freund. In den vergangenen Jahren musste er lernen, dass davon nicht viele ausgehen. „Ich würde gerne noch arbeiten“, sagt er.

Freund ist Maschinenbaumeister und studierter Betriebswirt. 38 Jahre lang hat er gearbeitet, zuerst selbständig, dann war er beim Technologiekonzern ABB angestellt. „Ich könnte eine Abteilung leiten“, sagt Freund. Das Arbeitsamt sah das anders. „Ich habe keine Chance bekommen.“ Stattdessen wurde ihm mitgeteilt, er solle doch Rente beantragen. Seit einigen Wochen ist der 53-Jährige nun Rentner. „Es gibt schon Momente, in denen mir das Wasser in die Augen steigt“, sagt Freund. „Aber das sind nur Momente. Ich hatte noch keine Phase, in der ich gedacht habe, ich habe keinen Bock mehr.“

Als er noch in Frankfurt in der Unfallklinik lag, kam seine Mutter zu Besuch. „Rotz und Wasser hat sie geheult“, erzählt Freund. Er hat ihr damals gesagt, dass er sie in diesem Zustand nicht mehr im Krankenhaus sehen wolle. „Das zieht mich nur runter“, erklärte er der Mutter. Dann setzte er sich in den Rollstuhl und fuhr in den Trainingsraum.

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28.01.2013, 12:39 Uhr

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