Zurück zu den Anfängen: Heinz-Harald Frentzen will in der kommenden Saison für Opel in der Deutschen Tourenwagen Masters (DTM) starten. Die Vereinbarung zwischen dem zuletzt in der Formel 1 engagierten Rennfahrer und dem Automobilkonzern soll noch in dieser Woche unterzeichnet und möglicherweise am Freitag verkündet werden. "Es ist noch nichts unterschrieben. Es gibt noch Fragezeichen", sagte Opels Sportchef Volker Strycek am Mittwoch auf Anfrage. "Es ist wohl so, daß beide Seiten wollen."
Frentzen steht bereits seit Sommer mit Opel in Kontakt, zögerte eine Entscheidung aber lange hinaus. Mit seiner Hinwendung zum Tourenwagensport endet nun seine zehnjährige Formel-1-Karriere. Der 36jährige Rheinländer reagierte damit auf die mangelnden und mangelhaften Angebote. Sein Vertrag bei Sauber war trotz guter Leistungen nicht verlängert worden. Eine Offerte von Jordan lehnte er ab.
DTM reibt sich die Hände
Während einige Kollegen und Ingenieure den abzusehenden Abschied des "angenehmen" Deutschen bedauern, reiben sich die DTM-Organisatoren und die Veranstalter der Rennen bereits die Hände. Mit Frentzen gewänne der Wettbewerb nach der Verpflichtung des Altmeisters Jean Alesi durch Mercedes bereits den zweiten Hochgeschwindigkeitsexperten der Formel 1. Zu Opel würde ein verlorener Sohn zurückkehren: 1988 gewann Frentzen die erste Lotus-Meisterschaft des Unternehmens.
"Frentzen", rief sein früherer Teamchef Frank Williams ihm im Sommer nach, "ist einer der talentiertesten Fahrer, die ich je hatte." Trotzdem hat es nicht zum Champion gereicht. Frentzen gewann drei seiner 157 Grand Prix, einen mit Williams (1997), zwei mit Jordan (1999), er wurde WM-Zweiter, aber nie Weltmeister. Das Mißverhältnis zwischen Begabung und zählbarem Erfolg weiß sich auch Williams nicht zu erklären: "Vielleicht war er nicht so besessen von dem Gedanken wie Michael Schumacher. Der denkt schon vor dem Rasieren über die Formel 1 nach."
Vorwurf: Zu Zögerlich
Frentzen wirkt abseits der Strecke zurückhaltend, zögerlich. Seine Kritiker werfen ihm vor, in entscheidenden Situationen falsch gehandelt zu haben: Als er nach dem Tod von Ayrton Senna am 1. Mai 1994 das Angebot von Williams bekommt, noch während der Saison nachzurücken, lehnt er ab. Williams ist ein Topteam in dieser von Tragödien und Skandalen beherrschten Saison, auf einer Ebene mit Schumachers Rennstall Benetton. Aber Frentzen fühlt sich gebunden. Er, als Debütant mit 26 Jahren ein Spätberufener, war von Peter Sauber in Gnaden wiederaufgenommen worden, nachdem er dessen Sportwagenteam vorzeitig verlassen hatte, um schneller in die Formel 1 kommen zu können. Sauber hatte ihm eine zweite Chance gegeben, ihn vom Testfahrerdasein in Japan befreit. "Außerdem hatte Karl Wendlinger zwei Wochen nach Sennas Tod seinen schweren Unfall. Wenn ich gegangen wäre", sagt Frentzen, "hätte Sauber keinen Fahrer mehr gehabt. Ich war ihm dankbar."
Braver Frentzen. Kaum einmal übte er Kritik an Kollegen oder Teamchefs, selbst wenn sich haarsträubende Dinge ereigneten. Als er dann 1997 doch noch bei Williams unterkam, fuhr er gleich beim ersten Qualifikationstraining gegen den späteren Weltmeister Jacques Villeneuve um mehr als eine Sekunde langsamer. Später stellte sich heraus, daß die Dämpfer und Federn falsch numeriert worden waren. Ob Zufall oder Teil eines üblen Spiels - Frentzen vermochte sich gegen die Hausmacht des Kanadiers nicht durchzusetzen: zweiter Sieger, erster Verlierer. Erst bei Jordan lebte er 1999 wieder auf, umgarnt vom schlauen Boß Eddie Jordan, der sich aber zwei Jahre später nicht scheute, seinen "Champion" vor dem Großen Preis von Deutschland in Hockenheim achtkantig hinauszuwerfen. Anlaß war ein Streit zwischen dem Chefingenieur Jordans und dem verhinderten Konstrukteur Frentzen, Ursache aber eher die Finanzlage des Rennstalls.
Bis heute unterließ es Frentzen, seine Sicht der Dinge zu formulieren. Er hielt sogar dem nächsten Arbeitgeber Alain Prost wenigstens nominell die Treue, als dessen Unternehmen längst unter die Räder gekommen war. Selbst der Chef von Arrows, Tom Walkinshaw, brauchte den öffentlichen Zorn von Frentzen nicht zu fürchten, obwohl er den Rheinländer um ein ansehnliches Salär prellte. Mit dem vorzeitigen Ausstieg bei Arrows 2002 schloß sich der Kreis. Wieder war es Sauber, der Frentzen zurück ins Rennen brachte. Und wieder fühlte sich der Deutsche verpflichtet. Mitten in die Verhandlungen mit Toyota platzte das Angebot des Schweizers für die Saison 2003. Frentzen wurde aufgefordert, innerhalb von zwei Tagen zuzusagen. Toyota, der ehrgeizige Weltkonzern mit schier unerschöpflichen Ressourcen, oder Sauber, das mittelständische Unternehmen mit strengem Kostenplan? Frentzen entsagte der verlockenden Aussicht und vertraute seinem Herzen: "Ich hatte bestimmte Gefühle für Sauber." Obwohl ihm vom ersten Testtag an klar war, daß der Renner nicht wie erhofft in die Gänge kommen würde, biß er sich auf die Zunge. Frentzens Loyalität reichte so weit, daß er noch Aussagen über die unterschiedliche Qualität der Reifen von Bridgestone und Michelin verweigerte, während die Leistungsdifferenz offen diskutiert wurde: "Wir können doch nicht einen Vertragspartner kritisieren, das dürfen wir nicht. Wem haut man dann vor den Koffer?"
„Vielleicht hätte ich egoistischer sein müssen“
Rücksicht und Ausweichmanöver prägen das Bild von Frentzen in einer Dekade. "Vielleicht hätte ich egoistischer sein müssen. Aber das weiß man erst im nachhinein", sagte er vor dem letzten Rennen in Suzuka, zwei Wochen nach dem großen Auftritt als Dritter im Regenrennen von Indianapolis. Selbst wenn er noch eine Chance bekommen hätte - Frentzen würde sich um des Sieges willen keinen U-Turn erlauben. Dazu ist er nicht der Typ.