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Motorradsport Meister des Verdrängens

 ·  Motorradpiloten haben das Gefühl der Unverletzbarkeit. Daran wird der tödliche Unfall von Shoya Tomizawa nichts ändern. „Die Fahrer wissen, dass sie Schach spielen mit dem Tod“, sagt der Rennarzt. Am diesem Wochenende rasen sie in Spanien.

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Ein Rennarzt ist es, der ausspricht, wie brutal es zugehen kann in der Motorrad-Weltmeisterschaft. „Die Fahrer wissen ganz genau, dass sie Schach spielen mit dem Tod“, sagt Dr. Claudio Costa. „Und genau deshalb sind sie für mich etwas Besonderes.“ Costa ist seit Jahrzehnten Teil der Szene, mit der von ihm gegründeten „Clinica Mobile“ hält er immer dort, wo der Wahnsinn gerade Station macht. Er behandelt Knochenbrüche, Sehnenrisse oder Traumata. Am vorvergangenen Sonntag war der Italiener jedoch machtlos und musste mit ansehen, wie der 19 Jahre alte Japaner Shoya Tomizawa auf der Strecke von Misano sein Leben ließ.

Das Hinterrad seiner Maschine rutschte auf den Randstreifen, Tomizawa stürzte - und wurde überrollt. Für einige Stunden kehrte Stille ein in das Fahrerlager, die Piloten zeigten sich betroffen, doch einige der Verantwortlichen reagierten beinahe schon gleichgültig: „Solche Dinge passieren manchmal. Hoffentlich nicht sehr oft, aber das ist Rennsport“, sagte Claude Danis vom Internationalen Motorrad-Verband FIM.

Seit 1949 starben insgesamt 46 Fahrer

Wegen eines Toten wird die Show nicht beendet, das hat schon die Vergangenheit gezeigt, in der seit 1949 insgesamt 46 Fahrer in der WM starben. Stürze gehören dazu, allein in dieser Saison wurden bisher 507 Abflüge in allen drei Klassen gezählt. Im Internet gibt es Videozusammenschnitte der spektakulärsten, und auch die übertragenden Fernsehsender zeigen es immer wieder in Zeitlupe, wenn einer der Piloten bei Tempo 200 und mehr von seiner Maschine rutscht, sich im Kiesbett überschlägt und Trümmerteile über den Asphalt fliegen.

Deshalb war auch der Unfall von Shoya Tomizawa zumindest im ersten Moment nicht ungewöhnlich, das Rennen in der Moto2-Klasse wurde nicht einmal unterbrochen, als die Ersthelfer auf den Asphalt liefen, um zu retten, was nicht mehr zu retten war. „Das hat mir die Augen geöffnet, wie gefährlich unser Sport wirklich ist“, sagt Stefan Bradl.

„Er hat selbst einen Fahrfehler gemacht“

So, wie dem 20 Jahre alten Deutschen erging es vielen, doch schon wenige Tage danach begannen sie damit, den Vorfall zu verarbeiten. Auf ihre Art. Als Meister des Verdrängens. „Wir müssen das jetzt ausblenden. Es wird brutal heftig, aber es geht nicht anders“, sagt Bradl. Sie bereiten sich innerlich wieder darauf vor, beim nächsten Rennen ohne Angst oder Respekt am Gashebel zu drehen. Viele Fahrer in der WM sind nicht älter als 16 Jahre, sie wurden nun vermutlich zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert.

Bradl hat sich den Unfall Tomizawas noch einmal angesehen und sagt nun: „Er hat selbst einen Fahrfehler gemacht. Aber dass man damit mit dem Leben bezahlen muss, ist schon bitter.“ Zumal sie alle davon ausgehen, ihre Maschinen auch noch im Grenzbereich zu beherrschen. Dieses Gefühl der Unverletzbarkeit gehört zu ihrem Charakter, und ohne diese Eigenschaft hätten sie es wohl erst gar nicht bis an die weltweite Spitze geschafft.

Zwei Tote in nur einer Woche

Inzwischen haben die Verantwortlichen mit der Aufarbeitung des Unglücks von Shoya Tomizawa begonnen. Mitte der Woche leitete die Staatsanwaltschaft der Stadt Rimini Untersuchungen ein, sie ermittelt wegen fahrlässiger Tötung gegen Scott Redding und Alex de Angelis. Gegen jene beiden Fahrer also, die nicht mehr ausweichen konnten und mit ihren Motorrädern über den Körper des Japaners fuhren. In Italien geht man jedoch von einer Einstellung des Verfahrens aus. Redding, ein 17 Jahre alter Engländer, sprach Ende dieser Woche erstmals über den Unfall. „Ich war am Boden zerstört, als ich erfahren habe, was mit Tomi geschehen ist“, sagte er gegenüber „Autosport“. Trotzdem wolle er nun so schnell wie möglich wieder fahren. Fahren, um zu vergessen.

Der Tod von Shoya Tomizawa war der zweite innerhalb von nur einer Woche. Zuvor war der erst 13 Jahre alte Amerikaner Peter Lenz bei einem Rahmenrennen in Indianapolis ums Leben gekommen, er stürzte und wurde von einem Zwölfjährigen überfahren. Erstmals seit 2003 setzt deshalb wieder eine Sicherheitsdebatte in der Motorrad-WM ein, seinerzeit war der Japaner Daijiro Kato beim Saisonauftakt in Suzuka tödlich verunglückt. Doch die Beteiligten scheinen ratlos, sie haben keine Ahnung, was es zu verbessern gebe. „Ich glaube nicht, dass es irgendwelche Sicherheitsmängel gibt“, sagt Bradl. „Ich fühle mich sicher, wenn ich an der Rennstrecke bin.“

Das nächste Rennen steht an

Schon in den vergangenen Jahren wurden die Pisten immer moderner, die Sturzzonen immer weitläufiger, die Helme immer ausgeklügelter und die Protektoren immer verwindungssteifer. „Das ist kein Vergleich mehr zu meiner Zeit“, sagt Dirk Raudies, der 1993 Weltmeister in der Klasse bis 125 Kubikzentimeter wurde. Absolute Sicherheit aber gibt es nicht.

Im Gegensatz zur Formel 1, wo nach dem Tod von Ayrton Senna 1994 niemand mehr sein Leben lassen musste und die Verantwortlichen vermutlich zu recht behaupten, dass diese Gefahr wegen der neuesten Entwicklungen rund um das Monocoque auch nicht mehr existiere. „Aber jeder Motorradfahrer weiß, dass das, was er tut, gefährlich ist“, sagt Raudies. „Dass er sich die Knochen brechen kann, dass er Schmerzen aushalten muss, vielleicht sogar bleibende Schäden erleidet.“ Und dass er sterben kann.

„Viele in der WM sind doch noch Kinder“

Am vergangenen Sonntag wurde die Leiche von Shoya Tomizawa nach Japan überführt, am Mittwoch wurde er beigesetzt. Hunderte Familienmitglieder, Freunde und Fans gaben dem WM-Fahrer in Asahi nahe Chiba bei einer öffentlichen Trauerfeier das letzte Geleit. Bereits am Vorabend war des Sportlers bei einer Mahnwache gedacht worden.

Die Obduktion hatte ergeben, dass er an einer Quetschung des Brustkorbs starb, die Herz und Lunge zum Stillstand brachte. Ob sein Tod etwas verändern werde? Raudies glaubt nicht daran. „Viele in der WM sind doch noch Kinder“, sagt er. „Die Jugend lebt hier und heute. Von denen denkt kaum einer an die Zukunft, sondern nur an das nächste Rennen.“ Am diesem Wochenende rasen sie in Spanien.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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