Wann waren Sie zuletzt auf einem Konzert oder auf einer guten Party?
Ich bin noch nie auf einem Konzert gewesen und versuche, Partys zu meiden.
Wie bitte?
Ja, mich hat es nie dahin gezogen. Ich führe ein ganz ruhiges Leben, ich verbringe meine Zeit gern mit meiner Frau, mit meinem Kind und der Familie. Ich habe keine Lust, jede Nacht auf eine andere Party zu gehen, ständig irgendwo anders zu schlafen. Aber natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass ich damit in dieser Szene ziemlich allein dastehe.
Sie sind 26 Jahre alt, wurden zweimal Weltmeister in der MotoGP-Klasse, viele sehen in Ihnen einen der besten Rennfahrer auf zwei Rädern überhaupt. Am Ende der Saison beenden Sie die Karriere - warum?
Ich habe einfach die Lust an meinem Job verloren. Als Rennfahrer bist du heute nicht mehr nur dafür zuständig, mit einem Motorrad möglichst schnell um eine Strecke zu rasen. Es gibt immer jemanden, der an dir zerrt. Du hast da einen Sponsorentermin und dort eine Autogrammstunde. Du sitzt so oft im Flugzeug, schläfst in irgendwelchen Hotels und siehst doch immer wieder die gleichen Menschen. Viele denken, dass es ein Traum sein muss, Rennfahrer zu sein. Aber in Wirklichkeit ist es ziemlich langweilig. Wenn ich auf der Maschine sitze, spüre ich noch immer diese Freude. Aber es reicht nicht, alle zwei Wochen bei einem Rennen für 45 Minuten glücklich zu sein.
Die großen Teams würden Ihnen einen Haufen Geld zahlen, wenn Sie ein paar Jahre weitermachen.
O ja, das würden sie. Aber um ehrlich zu sein, habe ich schon jetzt mehr Geld verdient, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Vermutlich hätte ich jetzt sogar noch mehr fordern können. Aber ums Geld ist es mir noch nie gegangen. Ich bin ein Racer, ich habe einmal mit diesem Sport angefangen, weil ich Motorräder liebe, und nicht, weil ich irgendwann mal ein reicher Mann sein wollte. Doch heute reicht es nicht mehr, wenn man Talent hat. Die Leute wollen Helden sehen, am liebsten würden sie aus mir einen Rockstar machen, der immer wieder eine große Show abliefert. Aber ich bin kein Schauspieler, ich bin Rennfahrer. Bei anderen ist es vielleicht umgekehrt, die haben schon längst die Lust verloren. Trotzdem machen sie weiter, weil es hier eine Menge zu verdienen gibt.
Sie klingen enttäuscht.
Ja, die Dinge hier haben sich dramatisch verändert. Ich bin seit 2007 in der MotoGP, und seitdem ist das eine komplett andere Veranstaltung geworden. Sogar Teams, die immer nur auf das Rennen fokussiert waren, sind inzwischen darum bemüht, ihre Sponsoren zufriedenzustellen. Diese Szene ist vor allem noch eines: ein Geschäft. Ich erlebe immer weniger Leidenschaft, warum soll ich also noch welche haben?
Fühlen Sie sich wie ein Außenseiter?
Ja, immer. Es gab nur wenige Fahrer, mit denen ich mich wirklich gut verstanden habe. Die meisten denken wohl, dass ich ein komischer Typ bin, weil ich nicht mit ihnen feiere und das Rampenlicht suche. Ich wollte nie berühmt sein. Aber egal, wo ich hingehe, ich ziehe immer die Aufmerksamkeit auf mich. Ich kann meine Frau nicht einfach in ein schönes Restaurant einladen und einen netten Abend verbringen. Irgendeiner bittet immer um ein Foto oder ein Autogramm. Ich wollte so nie leben.
Wann haben Sie sich erstmals mit einem Rücktritt beschäftigt?
Vor drei Jahren. Damals musste ich für einige Wochen pausieren. Während der Rennen war ich oft schon nach wenigen Runden schweißgebadet, ich musste mich mehrmals unter dem Helm übergeben. Aber die Ärzte konnten nichts feststellen, meine Blutwerte waren in Ordnung. Damals haben mir nur wenige Leute geglaubt, einige dachten, ich sei verrückt. Viele haben behauptet, dass sie meine Freunde sind, aber das waren sie nie. Ich habe die Szene damals als eine Scheinwelt erlebt: Du musst aufpassen, wem du vertraust. Später haben die Ärzte herausgefunden, dass ich unter einer Laktoseintoleranz leide.
Kaum ein anderer hat einen derart bedingungslosen Fahrstil - haben Sie manchmal Angst?
Jeder sollte ein bisschen davon haben. Ich liebe es, wenn das Adrenalin in den Körper gepumpt wird, wenn das Herz rast und man diesen Thrill spürt. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Und natürlich spielt Angst eine Rolle. Wenn wir keine Angst hätten, dann würden wir diese Motorräder noch weit über ihre Grenzen hinaus bewegen wollen. Das wäre nicht gut, denn es sind Höllenmaschinen. Wem diese Angst fehlt, der stellt eine Gefahr für andere da. Ich bin gegen ein paar Jungs gefahren, die in ihrem Leben und auf der Maschine offenbar vor gar nichts Angst hatten. Das hat keinen Spaß gemacht, denn sie waren nicht sehr freundlich und haben nur wenig Respekt gezeigt. Das ist gefährlich und kann unglaubliche Unfälle zur Folge haben.
Hat Ihre Frau manchmal Angst um Sie?
Nein, sie hat mich an der Strecke kennengelernt und wusste von Beginn an, was ich hier tue. Natürlich sorgt sie sich, wenn ich stürze. Aber sie weiß, dass es nicht gut ist, wenn sie in Panik verfällt, sobald ich an die Strecke gehe.
Sie haben schon mit 21 geheiratet, auch das ist ungewöhnlich.
Davon habe ich gehört. Nicht viele Fahrer haben damals mit mir darüber gesprochen, aber einige meinten, dass es ein Fehler sei, so früh zu heiraten. Dass ich zu jung für so etwas bin, weil ich zu viele Dinge im Leben verpasse. Aber das ist nicht meine Mentalität.
Wie wichtig wäre Ihnen ein weiterer Titel zum Abschluss?
Er bedeutet mir nicht alles, mein Glück hängt nicht mehr davon ab, ob ich noch einmal Weltmeister werde oder nicht.
Und was machen Sie nach diesem Jahr?
Es gibt etwas, auf das ich mich besonders freue. Ich werde nach Hause gehen und meine Sachen in den Schrank räumen. Abends gehe ich ins Bett und wache am Morgen wieder auf, dann frühstücke ich, vielleicht gehe ich in die Stadt und weiß, dass ich schnell wiederkommen werde. Dieses Gefühl muss großartig sein. So etwas habe ich nicht mehr erlebt, seit ich vierzehn Jahre alt war. Ich habe immer aus Koffern gelebt, ich war immer unterwegs. Das hat dann ein Ende.
Das Gespräch führte Michael Wittershagen.