Ist das nicht herrlich? Da preisen Profisportler und ihre Manager die neuen Medien als Chance der Informations-Demokratisierung: Und schon wird via Twitter gezwitschert, was das Zeug hält. Der Formel-1-Held Lewis Hamilton (McLaren) trommelt, so scheint es zumindest, selbst im Cockpit seine Sicht der Dinge in alle Welt: Peep, schon kommt endlich mal die Wahrheit ans Tageslicht, eine ganz besondere, nämlich die Wahrheit von ihm über sich.
Das glauben Sie nicht, weil Egomanen wie einige Formel-1-Helden eine absolut distanzfreie Haltung zu sich und ihren Handlungen pflegen? Dann haben Sie (zumindest) auf den ersten Blick recht. Denn Hamilton hat am Sonntag Telemetriedaten vom Qualifikationstraining in Spa-Francorchamps getwittert. Und zwar nicht nur das Kurvendiagramm seiner Tour auf den sehr mäßigen achten Rang, sondern zum Vergleich auch die wunderbare Fahrt seines Teamkollegen Jenson Button zur Pole Position.
Nun kann der gemeine Autofahrer mit diesem Zackenprofil kaum etwas anfangen. Aber die Nachricht ist ja nicht nur bei angeblich 1.033.822 Followern einer Community gelandet, die sich schon mit Wettermeldungen zufriedengeben: Heute kein Regen in Spa! Nein, Hamilton bekam auf den später gelöschten Tweet gleich aus dem Fahrerlager Antwort: „Kannst du bitte auch die Rennstrategie und das Setup (des Autos) twittern“, schrieb ihm Alexander Wurz. Der Österreicher war mal Grand-Prix-Pilot. Er kann solche Daten lesen und weiterreichen. Wurz arbeitet für das Williams-Team.
Lässt man mal den Verfolgungswahn in der Formel-1-Belegschaft beiseite und nimmt die Rechtfertigungen für ein bisweilen groteskes Versteckspiel vor der Konkurrenz ernst, dann hat Hamilton Geheimnisverrat begangen. Bei solchen Tatbeständen sind Rennställe schon vor die Sportrichter und ordentliche Gerichte gezogen. Hamilton aber droht keine Strafe. Man glaube nicht, teilte der Technik-Direktor mit, dass großer Schaden entstanden sei. Die Ingenieure glauben aber angeblich, ihr Superhirn habe den Gedanken nicht ertragen, in der Öffentlichkeit als lahme Ente im Vergleich mit Button dazustehen. Denn wer konnte schon ahnen, dass Hamilton wegen eines anderen Heckflügels auf dem Ardennenkurs nicht in die Gänge kam, während ihm Button davonflog? Allerdings, so viel Ehrlichkeit muss sein, war der Champion von 2008 an dieser Entscheidung beteiligt. Trotzdem hat Hamilton Transparenz geschaffen. So dämlich der Tweet auch erscheint, er transportierte neben den geheimen Daten eine unangenehme Wahrheit für den Absender: Eitelkeit blockiert das Hirn.
Wurz ist immer
Erich Pohoralek (Austronom)
- 10.09.2012, 22:49 Uhr