Eine brillante Runde reicht, um in der Formel 1 wieder im Rennen zu sein. Eigentlich weiß das keiner besser, als Michael Schumacher. Aber gewundert hat er sich dann doch ein bisschen oder zumindest amüsiert. Denn nach seiner schnellsten Tour beim Qualifikationstraining in Monaco vor zwei Wochen üben sich nun sogar so genannte Erzfeinde seiner ersten Karriere in Lobeshymnen.
David Coulthard und selbst Jacques Villeneuve, einst auf der Piste auch Kollisionsgegner von Schumacher, scheinen den 92. Sieg des Rekordweltmeisters herbeireden zu wollen. Der nahm die Wertschätzung vor dem Großen Preis von Kanada am (Start: 20 MESZ) nicht nur gerne an. Auch Schumacher sieht den Erfolg greifbar: „Ich war noch nie so nah an einem Sieg seit meinem Comeback.“
Nie hatte er so viele Sympathisanten in aller Welt
Wo man auch hinhört: Dem mit 43 Jahren ältesten Piloten dieser auf ewig jung getrimmten Szene fliegen die guten Wünsche in diesen Tagen nur so zu. Nie hat er über seinen angestammten, unbeirrbaren Fan-Zirkel in aller Welt hinaus so viele Sympathisanten gehabt. Schumacher, der fünfzehn Jahre lang bis zum ersten Rücktritt 2006 polarisierte, an dem sich die Geister schieden in zwei Lager, hier besinnungslose Verehrer, dort geifernde Verächter, spricht plötzlich rundherum die Herzen an.
Das Gönnertum reicht jedenfalls, wenn auch aus den unterschiedlichsten Gründen, bis tief in das Fahrerlager hinein. Der 81 Jahre alte Chefmanager Bernie Ecclestone betrachtet ihn wie einen einträglichen Sohn unter all den flinken Enkeln. Fast zwanzig Jahre älter als die Mehrzahl der Kollegen und doch noch Spitze?
Die Qualität lässt sich nach der Stadtrundfahrt in Monaco kaum ignorieren. Ausgerechnet im Fürstentum, wo das fahrerische Geschick noch mehr zählen soll als auf anderen Pisten, rauschte er der versammelten Elite samt fünf Champions davon. So ein Phänomen ist eine Attraktion. Das ahnen sie bei Mercedes schon lange.
Eine WM-Gefahr ist Schumacher nicht mehr
Spätestens seit die Marketingspezialisten verstanden haben, dass der Ruhm des einstiegen Seriensiegers nicht mal vor den zwei WM-Siegen des Heppenheimers Sebastian Vettel (Red Bull) verblasste. „Wenn jetzt noch der Michael ein Rennen gewinnen würde“, sagte ein Konzernmitglied nach dem ersten Sieg des Rennstalls seit Gründung 2010 durch Nico Rosberg vor zwei Monaten in China, „dann würde es abgehen.“
Selbst die Gegner von Red Bull, McLaren oder Ferrari, allesamt gierig auf jedes WM-Pünktchen, scheinen einen Sieg des Mercedes-Mannes verkraften zu können. Das ist nicht selbstverständlich, aber leicht zu erklären. Schumacher ist keine Gefahr für sie. Mit nur zwei WM-Punkten nach sechs Rennen zählt er nicht mehr zu den Titel-Kandidaten in dieser Saison. Schumacher rast wegen dreier Pannen bei Mercedes quasi außer Konkurrenz.
Aber nicht alle sagen, was sie denken oder gar fürchten. Unter den Helmen, in den Hirnen ist Schumachers Beschleunigung ein ernsthaftes Thema. Man sah das in Monaco kurz nach dem Qualifying im Parc fermé: Im Vordergrund der strahlende Rheinländer, im Hintergrund Teamkollege Rosberg, weil Dritter, mit sauertöpfischer Miene. 2010 und auch 2011 hatte Rosberg jeweils im Qualifikationstraining Schumacher deutlich abgehängt. In den Grand Prix konnte der 16 Jahre ältere Pilot dann aber mithalten, seine Nervenstärke und den Überblick bei den Starts ausspielen. Aber vom besseren Startplatz kam Rosberg meistens weit vor ihm ins Ziel.
„Wir verstehen uns blind“
Zu alt, zu langsam, überholt. So höhnten Experten, ehemalige Piloten und TV-Orakel. Vor gut zwei Wochen noch wurden Ersatzmänner für das Mercedes-Cockpit diskutiert. Vor dem zweiten Grand Prix in Malaysia schwörte ein langjähriger Formel-1-Journalist gar lautstark im Pressezentrum, Schumacher werde nach dem vierten Rennen ausgetauscht. Dessen Vertrag läuft zum Ende des Jahres aus. Aber es sieht danach aus, als könne allein der Steuermann entscheiden, ob er fort- oder abfahre. „Wir“, sagte Mercedes-Teamchef Ross Brawn, „würden gerne mit ihm weitermachen.“
Brawn kennt all die Details, die aus einem tief im Cockpit versunkenen, versteckten Piloten einen durchsichtigen Menschen machen. Nichts bleibt bei der Arbeit verborgen: Jeder Schaltvorgang, jeder Bremspunkt und Einlenkwinkel wird aufgezeichnet und verglichen mit der Fahrleistung des Teamkollegen. Bei Mercedes wissen sie ganz genau, was Schumacher (noch) kann. Und dass die Leistungssteigerung nicht erst mit dem Saisonstart in Melbourne begonnen hat, sondern schon zur Mitte der vergangenen Saison. „Es ist richtig, dass ich Renningenieure habe, mit denen ich mich sehr gut verstehe“, sagte Schumacher der F.A.Z. während der Testfahrten im März.
Zuvor war es nicht rund gelaufen mit Männern, die mitdenken, mithelfen, Lösungen zu finden, wenn die Abstimmung nicht passt, die ihre Piloten vorausschauend durch den Informationsdschungel führen. Für den fordernden Schumacher, der über Funk einen regen Meinungsaustausch pflegt, ist die jüngste Lösung offenbar ein Glücksfall: „Ich kriege schon Antworten, bevor ich die Frage gestellt habe. Wir verstehen uns blind.“ Eine Überraschung ist das nicht. Einer der beiden Renningenieure hinter Schumacher kennt den berühmten Fahrer schon lange. Er hat ihn 1997 wie kaum einen Zweiten studiert: Jock Clear war damals Sekundant von Villeneuve. Das WM-Duell führte zum Crash im Saisonfinale, zu einer der bittersten Niederlagen Schumachers.