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Interview mit Toto Wolff : „Wir lassen Lewis sein Leben führen“

Lewis Hamilton mit Mercedes Teamchef Toto Wolff. Bild: Picture-Alliance

Lewis Hamilton hat sich noch einmal immens gesteigert. Mercedes-Teamchef Toto Wolff spricht im Interview über die Freiheiten des neuen Formel-1-Weltmeisters, eine Inspiration aus dem Rugby – und das nächste Ziel.

          Herr Wolff, nicht nur Sie und Niki Lauda haben festgestellt, dass Lewis Hamilton sich noch einmal immens gesteigert hat. Woher kommt dieser Schub?

          Das Beeindruckende ist, dass er sich im Auto und außerhalb immer weiter entwickelt. Er analysiert sehr kritisch für sich selbst, wo er sich verbessern kann. Deswegen sieht man bei manchen Supersportlern eine beeindruckende Lernkurve. Und er hat gelernt, mit dem kapriziösen Auto besser umzugehen, die Reifen besser zu verstehen. Der dritte Faktor ist die positive Dynamik im Team.

          Sie haben sich mit Lewis Hamilton im vergangenen Dezember zur Aussprache getroffen, auf wessen Initiative kam das zustande?

          Durch uns beide. Wir hatten die Weihnachtsfeier am Vortag, er war nicht gut drauf. Da haben wir gesagt: Setzen wir uns zusammen. Es ist wie eine Ehe. Es hat nie einer hundertprozentig Recht und der andere liegt voll daneben. Wenn man es bespricht, kann man den Standpunkt des anderen besser verstehen. Nicht jeder Streit führt zu einer Scheidung, sondern klärt die Luft. Da haben wir gesagt: Wir machen es gleich morgen.

          Worum ging es?

          Er hatte den Eindruck, dass das Team am Ende Nico (Rosberg, den Teamkollegen und Weltmeister 2016, der nach der Saison zurücktrat; d. Red.) unterstützt. Dass ihn der Motorschaden in Malaysia die Meisterschaft gekostet hätte und generell die gesunde Rivalität mit Nico in eine Kontroverse und dann zur Animosität ausgeartet sei. Das hängt dann wie eine dunkle Wolke über uns, weil wir jeden Tag miteinander verbringen. Das haben wir alles geklärt. Man hat gesehen, dass es ihn richtig erleichtert hat am Ende.

          Wie lange hat das Gespräch gedauert?

          Drei Stunden. Wir haben nichts gegessen, nur einen Tee getrunken, wie man das in England so macht. Es war so, wie man sich in einer Beziehung ausspricht, danach ist alles leichter. Es war wichtig, dass wir diesen Rucksack nicht mit in die Ferien nehmen.

          Ein abgelegter Rucksack und schon steigert sich die Leistung so augenfällig?

          Das ist die Konsequenz aus der besseren Stimmung im Team, aus dem Vertrauen in das Team und die Menschen, das er gewonnen hat. Und er hatte ein Auto, das schnell, aber schwer zu fahren ist. Das macht ihm als Herausforderung Spaß.

          Hamilton hat alle Rennen seit Anfang September – mit Ausnahme des Grand Prix von Malaysia – gewonnen. Woher kam dieser zweite Schub nach dem Sommer?

          Ein Ereignis, das viele nicht wichtig genommen haben, war der Tausch mit Valtteri (Teamkollege Bottas; d. Red.) in Budapest. Lewis hat gesagt: Lasst mich versuchen, Räikkönen zu überholen. Wenn ich es nicht schaffe, gebe ich Valtteri den Platz zurück. Genau das haben wir Valtteri gesagt. Er überholt, du kriegst deinen Platz wieder, wenn es nicht gelingt. Wir haben uns daran gehalten. Das war der Moment, in dem uns klar geworden ist: Wir stehen zu unseren Worten und sind bereit, die Konsequenz zu akzeptieren. Die eigenen Werte kann man leicht vergessen, wenn es Spitz auf Knopf geht. Aber wir haben sie nicht vergessen. Es war der Beweis, dass wir in der Praxis dazustehen. Dieser Spirit in dem Team hat uns diese Meisterschaft gewinnen lassen – und wird uns noch andere Meisterschaften gewinnen lassen.

          Nach drei Weltmeisterschaften in vier Jahren wird Lewis Hamilton nun mit Mercedes identifiziert wie einst Senna mit McLaren oder Schumacher mit Ferrari. Schafft das auch neue Probleme?

          Nein. In zwanzig Jahren spricht man über die Mercedes-Zeit und wird das mit Hamilton in Verbindung bringen, wie es in den Fünfzigern mit Fangio oder Stirling Moss war oder eben Michael Schumacher und Ferrari. Das ist in Ordnung, da zahlen beide Marken auf sich ein.

          Hamilton sagt von sich: Ich bin nicht der Typ, der fünf Stunden konzentriert in einem Meeting sitzen kann. Ich mache das anders. Wie macht er das?

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