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Mercedes Formel-1-Team Theoretisch ein gelungenes Modell

 ·  Nico Rosberg fällt aus, Lewis Hamilton wird Fünfter: Auch im ersten Rennen der neuen Formel-1-Saison fährt Mercedes den eigenen Ansprüchen hinterher.

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© AFP Vergrößern Bleiben vorerst in der zweiten Reihe: die Mercedes-Piloten Hamilton (rechts) und Rosberg

Es war schon dunkel über dem Albert Park, als die Türen des Team-Pavillons von Mercedes geschlossen wurden. Deshalb bot sich allen, die draußen bleiben mussten, ein Stummfilm: Teamchef Ross Brawn kam aus seinem Büro, die beiden Fahrer Lewis Hamilton und Nico Rosberg stellten sich neben ihn. Schulter an Schulter standen die Ingenieure und Mechaniker im Raum und hörten zu. Knapp zwei Stunden nach dem Rennen in Melbourne sollte noch einmal Aufbauarbeit geleistet werden. „Wir haben mit dem Auto einen guten Schritt nach vorne gemacht und heute viel gelernt“, sagte Brawn später. „Wenn wir die Puzzleteile zusammensetzen können, haben wir alle Zutaten für ein gutes Rennen.“ Die Botschaft war eindeutig: Theoretisch ist der neue Silberpfeil mit der Typennummer W04 ein gelungenes Modell.

„Uns fehlte die Geschwindigkeit“

Entsprechend hoch waren die Erwartungen der Verantwortlichen nach dem Qualifikationstraining am Vormittag. Auf der nassen Piste gab Rosberg das Tempo vor, wurde allerdings nur Sechster; als der Asphalt trocknete, beschleunigte Hamilton und war damit als Dritter in der Startaufstellung der beste Mann, der nicht in einem Red Bull saß. Sollte der zweite Neustart der Silberpfeile seit 1953 schon zum Auftakt glänzen? „Irgendwie schraubt man die Ansprüche hoch, auch wenn es falsch ist“, sagte der neue Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Anspruch und Wirklichkeit passten nicht zueinander: Hamilton wurde im Rennen mit rund 45 Sekunden auf Sieger Kimi Räikkönen (Lotus) Fünfter.

„Uns fehlte die Geschwindigkeit, die Kimi und die Ferrari an den Tag legten“, sagte der Engländer nach dem ersten Rennen im neuen Team. „Ich verstehe noch nicht, warum sie schneller waren als wir. Vielleicht müssen wir die Balance des Autos verändern.“ Rosbergs Dienstwagen hatte noch gravierende Mängel: Er musste seinen Renner nach 27 Runden wegen Elektronikproblemen abstellen. „Es ist kein Desaster, es ist ein solides Ergebnis“, sagte Wolf. „Aber ein technischer Ausfall ist nicht akzeptabel.“

Solide Ergebnisse hat das Formel-1-Projekt von Mercedes viele abgeliefert, seit die Stuttgarter 2010 als Werksteam in die Königsklasse des Motorsports zurückgekehrt sind. Doch der Anspruch ist ein anderer, der Stern soll endlich am Auto des Weltmeisters strahlen. Rekord-Champion Michael Schumacher hatte daran den Glauben verloren und im vergangenen Jahr seine Karriere beendet; der bisherige Motorsport-Chef Norbert Haug ging nicht freiwillig, ihm wurde die Erfolglosigkeit zum Verhängnis. Niki Lauda wurde Aufsichtsrat des Formel-1-Teams, Wolff ersetzte Haug, Hamilton übernahm Schumachers Cockpit. Ein Konstrukt, das neue Möglichkeiten schaffen soll - und Risiken birgt.

Lauda kritisiert die Team-Verantwortlichen

An den Rennwochenenden tritt Lauda auch als Experte des Fernsehsenders RTL auf. Er war so der einzige Medienvertreter, der den Worten von Brawn hinter verschlossenen Türen lauschen durfte und danach im kleinen Kreis eine eigene Analyse über die Stärken der Konkurrenz betrieb. Die Team-Verantwortlichen von Mercedes hatte er zuvor öffentlich für ihre Zwei-Stopp-Strategie kritisiert, die womöglich einen besseren Platz gekostet habe. Der ehrgeizige Plan funktionierte nur bis Mitte des Rennens. „Das war zu aggressiv für das Auto“, sagte Wolff: „Im Nachhinein ist man immer schlauer.“ Wolff (30 Prozent) und Lauda (10 Prozent) machen als Anteilseigner des Teams gemeinsame Sache, nach dem Rennen trafen sie sich zum Abendessen im Hotel.

Der neue Rennwagen ist der erste aus der Feder von Chefdesigner Aldo Costa, Fortschritte sind zu erkennen. „Wir haben eine sehr gute Basis“, sagte Rosberg. „Schneller, solider, nicht nur bei den Daten - auch auf der Stecke“, so formuliert Wolff die Entwicklung von 2012 zu 2013. Viel schlechter allerdings konnte es auch nicht mehr werden. Nur mit Mühe und Not verteidigte Mercedes zuletzt den fünften Platz in der Konstrukteurswertung gegen Sauber. Nun sollen die Größen der Branche gejagt werden. Längst ist es ein offenes Geheimnis, dass nur Erfolge Brawn über die Saison hinaus im Amt lassen werden. Mit Paddy Lowe, dem ehemaligen Technischen Direktor von McLaren, steht ein Nachfolger bereit.

Neben all den Personalrochaden aber gibt es Veränderungen, die auf einer anderen Ebene wirken sollen. Wolff hat im Gegensatz zu Vorgänger Haug ein Büro in der Rennwagen-Fabrik in Brackley. Als er das erste Mal auf dem Parkplatz fuhr, stellte er fest, dass dort kaum Mercedes-Modelle standen. „Die Leute haben gehofft, dass mal einer kommt und ihnen sagt, wer sie sind.“ Und wer sind sie? „Mercedes“, sagt Wolff, „ist mit dem Anspruch in die Formel 1 gekommen, um Meisterschaften mitzufahren und Meisterschaften zu gewinnen.“

 

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