Erst zwei Schritte vor, dann wieder zurück: Mercedes steht am Ausgangspunkt. Und das nach dem ersten Rennen des Jahres mit leeren Händen, also keinem Pünktchen. Dabei hatte es am Samstag verheißungsvoll begonnen. Michael Schumacher stellte seinen W03 auf Rang vier beim Qualifikationstraining, Nico Rosberg bremste nur ein Fahrfehler auf dem Weg zur Spitze. Alle Welt nickte zustimmend.
Dieser Silberpfeil versprach für einen Tag, was man über ihn erzählt hatte vor der Premiere in Australien. Nämlich eine Art Sondermodell zu sein, mit besonderer technischer Raffinesse, „pfiffigen Lösungen“ (Sportchef Norbert Haug) ausgerüstet, blitzschnell, kurz: gefährlich für Vettel und Co.
Deshalb schauten Männer mit Durchblick am Sonntag im Gewusel der Startaufstellung mal unverhohlen, mal verstohlen auf das vermeintliche Wunderwerk. Acht Mann der Schumacher-Crew schützten, nicht ohne Augenzwinkern, das Heck.
Ferrari, Williams, Sauber, Lotus - alle schneller
Eineinhalb Stunden später aber schaute kaum einer mehr bei der Suche noch besonderen Lösungen auf das Hinterteil des Boliden: Vorerst gibt das Auto, das ein Renner sei sollte, Rätsel auf. Wie am Schnürchen ist der Mercedes über den Winter gelaufen, ohne Fehl und Tadel, die Zuverlässigkeit in Maschine also. Beim Start schob sich Schumacher auf Position drei vor und kreiste hinter dem McLaren-Duo Jenson Button und Lewis Hamilton.
Bis er nicht mehr in die Gänge kam, erst den dritten suchte, dann im Leerlauf landete und nach Absprache mit dem Team auf dem Grünstreifen ausrollte, bevor ihn eine Blockade zu einem unkontrollierbaren Kreisel zwingen würde. Vom Kommandostand aus sah der Rekordweltmeister dann den Kampf des Teamkollegen Nico Rosberg mit einem erschreckenden Schwund der Hinterreifen, dessen damit verbundener Rückfall von Rang fünf auf zunächst Position acht und die Überraschung des Tages: selbst der im Sprint so langsame Ferrari ist, wenn Fernando Alonso am Lenkrad dreht, schneller im 300-Kilometer-Rennen mit vollen Tanks, der schon abgeschriebene Williams kam mit Pastor Maldonado schneller über die Runden, selbst Saubers Sergio Perez fuhr mit nur einem Boxenstopp zügiger als das Werksteam, von Lotus ganz zu schweigen.
Probleme mit den Reifen gab es schon 2011
Die Bilanz nach dem ersten Wettlauf um Punkte: Mercedes fehlte im Schnitt eine Sekunde pro Runde. „Das wird ein harter Kampf“, sagte Schumacher, „er wird sich von Strecke zu Strecke verändern. Die genaue Problematik müssen wir aber noch analysieren.“ Wie kommt es also zum Tempoverlust, wenn es, wie am Sonntag, um Zählbares geht? Die präzise Antwort darauf wird die Stimmung im Team und den Jahresverlauf bestimmen. Ist es ein kerniges Grundproblem oder nur eine Sache der feinen Justierung?
„Wir waren bei den Testfahrten in Barcelona viel besser, obwohl die Strecke auch sehr aggressiv zu den Reifen ist“, sagte Haug: „Und Michael ist hier bei den Longrun-Versuchen sehr gut unterwegs gewesen. Ich denke, wir haben das Potential des Autos nicht genutzt.“ Allerdings ist das Phänomen nicht neu für Mercedes. Schon 2011 bremste der Verschleiß der Hinterreifen die beiden Piloten.
Besserung in Malaysia?
Schumacher aber rückte auch am Sonntag nicht ab von seiner kleinen Eloge auf den Dienstwagen nach dem Qualifikationstraining. „Das Auto kommt mir entgegen, großes Lob an die Mercedes-Jungs, das ist ein richtiger Rennwagen.“ Einer, dass ist die Hoffnung auch von Rosberg, nur noch nicht die rechte Balance hat, wenn es um gute Zeiten im Dauerlauf geht. „Darum haben wir echte Schwierigkeiten (im Rennen) bekommen“, sagte Rosberg.
Er fiel in der letzten Runde noch wegen eines aufgeschlitzten Reifens nach Kollision mit dem Sauber-Mann Perez auf Rang zwölf zurück, blieb aber auf Team-Kurs: „Das Potential ist auf jeden Fall da, das hat sich gezeigt. Wir müssen das Setup jetzt optimieren, da kann man noch einiges ändern.“ Nun werden vor dem zweiten Auftritt am Sonntag in Malaysia die Datensätze peinlich studiert und dann an den kleinen Schräubchen gedreht.
Im Mercedes-Lager hofft man auch, in Melbourne Opfer der besonderen Umstände geworden zu sein. Der Kurs ist mit den Bedingungen und Anforderungen auf einer ständigen Rennstrecke nicht zu vergleichen. Schon oft hat sich das Leistungsbild nach dem Auftakt rapide geändert. „Wir wissen ja, dass Australien nicht immer ein Gradmesser ist“, sagte Schumacher. Allerdings fördert die Piste in Malaysia den Reifenabrieb noch stärker als in Melbourne. Die Hitze beschleunigt den Prozess. Auch die Wahl des Reifenherstellers ist für Mercedes nicht glücklich: Pirelli hat sich für die gleichen Pneus entschieden wie in Australien.
Dieser Nasenknick ist der Alptraum eines jeden Aerodynamikers
Roland Magiera (Roland_M)
- 19.03.2012, 09:30 Uhr