Sechs Rennen, sechs verschiedene Sieger - was denken Sie über die bisherige Formel-1-Saison?
Sie ist außergewöhnlich, und genau das macht es so frustrierend für einige Fahrer und Teams. Kaum noch etwas ist vorhersehbar, aber das macht es so spannend für die Fans. Dies ist meine 24. Saison in der Formel 1, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Die Reifen sind eine große Herausforderung, sie sind vielleicht der organischste, das am schwersten zu verstehende Teil in unserem Puzzlespiel, das wir jedes Mal aufs Neue lösen müssen - mehr noch als manch ein Fahrer. Einige haben Pirelli dafür kritisiert, das kann ich verstehen. Wenn wir jedoch Reifen hätten, die jeder sofort versteht, dann würde es nicht dieses Spektakel geben.
Geht die Show in diesem Jahr nicht zu weit?
Ja, vielleicht. Wir kennen die Formel 1 als ein Sprintrennen, bei dem Mensch und Maschine permanent ans Limit gehen oder getrieben werden. Das gibt es nicht mehr, wir müssen darauf achten, dass die Reifen nicht zu früh kaputtgehen. Es ist doch klar, dass das nicht jedem gefällt. Ich denke, es wäre nicht schlecht, wenn die Reifen weniger ausschlaggebend für das Ergebnis sind und es wieder mehr auf andere Dinge ankommt.
Was braucht man, um 2012 Weltmeister zu werden, manche sagen vor allem eines: Glück?
Ein bisschen Glück gehört immer dazu. Nur im Moment des Sieges glaubst du, dass der Erfolg allein deinem Können geschuldet ist. Aber die Formel 1 ist kein Lotteriespiel. Jeder Fahrer, der in diesem Jahr einen Grand Prix gewonnen hat, der hat dies auch verdient. Aber eines ist auch klar: Wer derzeit auf die Formel 1 wettet, der muss wissen, dass es ein Geschäft mit höchstem Risiko ist.
Auf der Strecke geht vermutlich kaum ein Fahrer mehr Risiko ein als Lewis Hamilton. Und doch scheint es, als sei er nicht mehr so wild wie noch im vergangenen Jahr. Was haben Sie mit ihm gemacht?
Lewis ist sicher reifer und erwachsener geworden, das Leben ist keine lineare Linie, es gibt immer wieder Wendepunkte, und ich glaube, dass ihn die Kritik und die Niederlagen in der vergangenen Saison haben stärker werden lassen. Die Leute sagen immer: Lewis ist ein Racer, keiner in der Formel 1 fährt spektakulärer als er, Lewis ist superschnell. Und dann behaupten sie: Er besitzt keine Kontrolle und Disziplin, er kann nicht taktisch fahren - ich glaube, dass wir das alles vergessen können. Ich erlebe Lewis derzeit so stark wie schon lange nicht mehr. Er hat Vertrauen in sich und sein Auto, er weiß genau, dass er in diesem Jahr Weltmeister werden kann.
Die Chancen sind auch deshalb so groß, weil Sebastian Vettel und Red Bull nicht mehr dominieren. Sie müssen sehr glücklich sein, wenn Sie mal andere auf dem Podium sehen.
Ehrlich gesagt bin ich nur glücklich, wenn einer von unseren Jungs einen Pokal bekommt, aber das haben wir zuletzt für unsere Verhältnisse viel zu selten erlebt. Die Dinge liefen im vergangenen Jahr perfekt für Sebastian und Red Bull, aber bisher hat noch jede Serie in der Formel 1 ein Ende gefunden. Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass Sebastian einer der besten Fahrer auf diesem Planeten ist - und trotzdem können wir ihn in diesem Jahr besiegen.
In Monaco ist ein anderer Deutscher ins Rampenlicht gerast: Michael Schumacher. Hat er Sie überrascht?
Er hat noch einmal allen und vor allem seinen Kritikern gezeigt, dass er noch lange nicht zu alt ist. Wir wissen, zu was Michael noch immer in der Lage ist, wir müssen nicht darüber diskutieren, ob er wirklich ein guter Rennfahrer ist. Das wäre absurd. Er ist einer der Besten, die es jemals gab. Jeder, der ihn noch immer unterschätzt hat, ist spätestens nach dem vergangenen Wochenende ein Narr. Ich bin fest davon überzeugt, dass Michael in diesem Jahr noch ein Rennen gewinnen wird.
Sie würden sich also freuen, wenn er seinen Vertrag bei Mercedes noch einmal verlängert?
Es wäre gut für unseren Sport, natürlich. Er ist eine Weltmarke, die Leute kennen ihn an beinahe jedem Ort auf dieser Erde. Und ich freue mich jedes Mal, wenn wir ihn besiegen. Aber das ist mehr ein persönliches Gefühl. Michael ist einer von sechs Weltmeistern im Feld, jeder von ihnen ist ein phantastischer Typ, wir sehen unglaubliche Rennen. Ich bin sehr froh, dass ich das gerade erleben darf. Vielleicht schauen wir irgendwann zurück und sagen: Erinnert ihr euch noch an diese epischen Jahre? Wie sollte es jemals noch einmal besser werden?
Trotzdem gibt es immer wieder Streit um den politischen Rahmen. Das neue Concorde Agreement ist noch immer nicht von allen Teams unterschrieben.
In der Formel 1 gibt es eine lange Tradition der Selbstzerstörung, die Protagonisten haben sich schon immer gegenseitig bekämpft - auf der Strecke und daneben. Jeder von uns arbeitet ausgesprochen hart, aber wir müssen eine Situation schaffen, in der alle konstruktiv zusammenarbeiten: der Internationale Automobil-Verein (Fia), der Rechteinhaber CVC und die Rennställe. Ich glaube fest daran, dass es einen Weg geben wird, und ich gehe sogar noch weiter. Die beiden populärsten Sportarten weltweit sind Fußball und Formel 1. Ich sehe keine Gründe, warum die Formel 1 nicht eines Tages größer sein sollte als der Fußball.
Könnten Sie es verstehen, wenn Mercedes künftig beispielsweise gegenüber Red Bull benachteiligt wird, zum Beispiel finanziell?
Meiner Meinung nach ist Mercedes eine bedeutendere Marke für die Formel 1, als es Red Bull ist. Deshalb müssen wir es schaffen, dass sich die Verantwortlichen von Mercedes vernünftig behandelt fühlen. Wir müssten verrückt sein, wenn wir sie aus der Serie aussteigen lassen würden.
Ist die Formel 1 vorbereitet auf die Zeit nach Chefvermarkter Bernie Ecclestone?
Nein, und das ist auch sehr schwer. Bernie ist ein außergewöhnlicher Bursche, er hat die Formel 1 zu dem gemacht, was sie ist. Aber seine Art, die Dinge zu gestalten, ist nicht unbedingt darauf ausgelegt, eine Basis für einen möglichen Nachfolger zu legen.
Das Gespräch führte Michael Wittershagen.