Er ist der erste Verfolger: Vor dem Großen Preis von Ungarn an diesem Sonntag (14.00 Uhr / Live im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) trennen Mark Webber (Red Bull) 34 Punkte vom WM-Führenden Fernando Alonso (Ferrari). Mit 35 Jahren wittert der Australier noch einmal seine große Chance auf den Titel in der Formel 1.
Sie rasen mit Tempo 300 und mehr über die Rennstrecken dieser Welt, werden hofiert und verehrt für Ihren Wagemut - fühlen Sie sich manchmal wie ein moderner Held?
Ich liebe, was ich hier tue. Und wenn ich andere Menschen damit inspirieren kann, dann ist das wunderbar. Aber ich fühle mich ganz sicher nicht wie ein Held. Sportler ticken anders als normale Leute, sie setzen sich andere Ziele, erkennen manchmal dort noch gar kein Risiko, wo andere vielleicht schon Angst haben. Aber wenn du all das tust, wenn du nach dem großen Erfolg strebst, dann kannst du natürlich auch tief fallen. Es geht nicht immer nur in die eine Richtung im Leben - das habe ich schon erlebt. Trotzdem hast du nur diese eine Chance, ich habe nicht mehr als diese eine Karriere.
Was ist mit der Gefahr dort draußen?
Gefahr ist relativ, ich sehe sie nicht als solche. Ich fahre Rennen, seit ich fünfzehn Jahre alt bin, und ich habe vollstes Vertrauen in das, was ich hier tue. Natürlich, diese Autos sind schnell, genau wie die Strecken. Aber ich habe alles unter Kontrolle. Wir können die Formel 1 heute doch nicht mehr mit dem vergleichen, was sie in den sechziger oder siebziger Jahren war. Damals haben viele Fahrer ihr Leben verloren, das waren Gladiatoren, das waren Helden. Im vergangenen Jahr bin ich in Österreich mal mit dem Wagen von Jochen Rindt gefahren, es ist kein Vergleich zu den Autos, die wir heute haben. Es muss unglaublich gewesen sein damals. Die Boliden, die Strecken, die Helme - alles ist sicherer geworden. Was sich jedoch nicht verändert hat, sind die Fahrer. Wir alle denken noch immer so wie Jim Clark.
Wären Sie gern in einer anderen Zeit in der Formel 1 gefahren?
Ja, vielleicht. Schon damals war alles professionell, aber das Drumherum war nicht so extrem. Wenn heute jemand aus irgendeiner Rockband eine Affäre hat, dann ist das überall in der Presse. Aber die Beatles hatten jede Woche eine Affäre, und das war kein Problem. Es war kein Thema, es ist einfach nur passiert. Heute geht es überall darum, nach den Gründen und den Verantwortlichen zu suchen - das ist langweilig. Wenn ich die Wahl hätte, ich würde mich dafür entscheiden, wie es einmal war. Damals gab es keine Handys und keine Kameras, heute wollen die Leute überall Autogramme von dir, wirst du permanent fotografiert.
Der Stress abseits der Strecke könnte noch zunehmen, wenn Sie nach dieser Saison vielleicht Weltmeister sind. Wie groß ist die Sehnsucht danach?
Groß, sehr groß. Ich würde das gern erreichen, keine Frage. Aber du darfst nicht zu weit denken, du musst dich auf jedes Rennen konzentrieren. Ich war siebzehn Jahre alt, als ich Australien verlassen habe. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich einmal so viel erreichen kann, ich hätte entgegnet: Du bist ein Träumer, du lebst im Phantasieland. Danach haben sich meine eigenen Ziele verändert. Irgendwann bin ich in die Formel 1 gekommen, stand auf dem Podium und habe tolle Rennen gegen unglaubliche Typen gewonnen. Darauf bin ich stolz, aber natürlich willst du immer mehr. Ein Titel wäre gut, aber es würde die Welt nicht verändern. Erst mehrere Weltmeisterschaften machen aus dir eine Legende dieses Sports.
Fernando Alonso führt die WM an, ist er auch der große Favorit?
Ja, in dieser Woche. Er fährt sehr gut, sein Team macht gute Arbeit. Ich habe immer gesagt, dass man auf Fernando aufpassen muss, wenn er ein gutes Auto hat. Und der Ferrari ist schnell, er ist kein langsamer Rennwagen, wie manch einer immer noch behauptet. Wir müssen sehen, dass wir den Rückstand nach und nach verringern.
Zusammen mit Sebastian Vettel sind Sie in der Rolle des Jägers. Verändert das Ihr Verhältnis zu ihm, gibt es so etwas wie eine Spannung zwischen Ihnen?
Nein, überhaupt nicht. Wir machen beide unseren Job und versuchen, das Beste herauszuholen. Es macht keinen Unterschied, wenn einer von uns die Weltmeisterschaft anführen würde oder wenn wir Sechster oder Siebter wären. Wir sind ein Team, zusammen müssen wir uns auch um die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft kümmern. Wir wissen, dass sie wichtig ist. Aber natürlich wachen Sebastian und ich morgens nicht auf und denken an den Konstrukteurs-Titel. Jeder Fahrer hier will Weltmeister werden.
Die Pirelli-Reifen, das Energierückgewinnungssystem Kers, der verstellbare Heckflügel - wie wichtig ist der Fahrer überhaupt noch?
Es ist sehr wichtig, für einen Rennfahrer ist es da draußen viel komplexer geworden, am schwierigsten ist der Umgang mit den Reifen. Wenn du glaubst, dass eine Frau schwer zu verstehen ist, dann kann ich sagen: Die Pirelli-Reifen sind noch schwerer zu verstehen. Manchmal hast du den Eindruck, dass du weißt, wie sie sich verhalten - und dann kommt doch alles ganz anders.
Es ist nicht die einzige Veränderung, die Sie mitgemacht haben in der Formel 1. Sie haben den Vertrag bei Red Bull verlängert, fahren noch mit 36. Michael Schumacher ist 43 Jahre alt - ist er ein Vorbild?
Nein, ich glaube nicht, dass meine Meinung durch das verändert wird, was Michael macht. Die Entscheidung musst du ganz alleine treffen, und es wird den Tag geben, an dem ich sage: Leute, es ist vorbei! Aber ich kann nicht sagen, wann dieser Zeitpunkt kommen wird. 2006 habe ich gedacht, dass ich noch zwei Jahre habe in der Formel 1. Aber dann bin ich zu Red Bull gewechselt, und das hat mich wieder aufblühen lassen. Das Fahren ist kein Problem, das zehrt nicht an mir. Die meiste Energie verlierst du bei anderen Dingen, bei den langen Flügen und den Nächten im Hotel. Je besser du mit diesen Strapazen umgehst, desto länger kann deine Karriere dauern.
Eines aber haben Sie nie erlebt: Olympische Spiele. Bedauern Sie das - oft genug wurde die Formel 1 schließlich schon ins Spiel gebracht?
Olympia ist ein großartiges Ereignis. So viele unterschiedliche Nationen sind zusammen an einem Ort und feiern sich und die anderen. Aber die Formel 1 würde da nicht hineinpassen, es wäre zu technisch. Trotzdem gibt es Parallelen. Auch hier bei uns gibt es Menschen aus so vielen unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen in der Boxengasse - das ist wunderbar. Das macht Sport aus.