Er trägt eine Sonnenbrille und Glitzerohrringe, und er lächelt milde, als die Schiebetür hinter ihm zugeht. Es ist der Samstag vor dem Großen Preis von Italien in Monza, in nicht einmal einer Stunde beginnt das Qualifying, und Lewis Hamilton sucht in seinem Privatraum im verspiegelten Motorhome von McLaren noch einmal seine Ruhe.
Nur ein paar Meter weiter, auf der anderen Seite der Schiebetür, amüsieren sich die Schönen und Wichtigen, die Ehrengäste des englischen Rennstalls. Popmusik wummert aus den Lautsprechern, und über die Fernseher flimmern Hochglanzfotos, die Hamilton in der Siegerpose des modernen Helden zeigen.
Die Formel 1 ist eine riesige Showveranstaltung, und manchmal ist sie auch eine Inszenierung. Die Piloten als moderne Helden, ihre Boliden als gefährliche Geschosse, die Weltmeisterschaft als Wettlauf mit großen Emotionen. Hamilton scheint wie gemacht für diese Welt. Der Siebenundzwanzigjährige ist erfolgreich und attraktiv, und er hat eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte vom rasanten Aufstieg - und der Suche nach sich selbst.
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Die offizielle Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag. Hamilton sitzt in der ersten Reihe, er verschränkt die Arme vor dem Bauch wie ein schüchterner Schuljunge. Am Tag zuvor hatte Eddie Jordan, der ehemalige Teamchef und heutige BBC-Experte für die Formel 1, behauptet, es sei so gut wie sicher, dass der Brite im kommenden Jahr für Mercedes fahre.
Was sagen Sie zu den Gerüchten? Hamilton überlegt: „Kein Kommentar.“ Am Ende der Saison läuft sein Vertrag bei McLaren aus, seit Wochen verhandelt sein Management über einen neuen Kontrakt, und dabei geht es nicht nur um das Geld. Hamilton will seine Pokale künftig nicht mehr an seinen Arbeitgeber abgeben.
Es wäre ein Bruch mit der Tradition, denn selbst Stars wie Ayrton Senna und Alain Prost mussten ihre Trophäen in den Hallen von McLaren ausstellen. Wissen Sie schon, für welches Team Sie im kommenden Jahr fahren? Hamilton schaut gequält. „Nein.“ Wann wollen Sie sich entscheiden? „Ich habe mir keine Frist gesetzt.“ Vielleicht ist alles nur ein Bluff, vielleicht nutzen seine Berater die Spekulationen lediglich, um den Marktwert zu erhöhen.
Eine Stunde später im Motorhome von Mercedes. Auf einem Barhocker, an einem weißen Tisch, sitzt Michael Schumacher. 43 Jahre ist er inzwischen alt, aber er sieht noch immer durchtrainiert und entschlossen aus. Das Rennen in Monza könnte sein letzter Formel-1-Auftritt in Europa sein. Erst im Oktober will der Rekordweltmeister entscheiden, ob er auch im kommenden Jahr noch an den Start geht - oder sein Comeback nach drei Jahren wieder beendet.
Eine Frage, über die seit Monaten spekuliert wird und auf die es noch immer keine Antwort gibt. Hamilton und Schumacher sind derzeit die Königsfiguren auf dem Fahrermarkt. Ihre Entscheidungen könnten einen Dominoeffekt auslösen in der Branche, denn ihre Arbeitsplätze bei zwei der Top-Teams zählen zu den begehrtesten in der Branche. Dabei könnten ihre Charaktere unterschiedlicher kaum sein. Schumacher hält sein Privatleben seit jeher aus der Öffentlichkeit heraus, Hamilton geht den entgegengesetzten Weg, er ist der Hollywood-Fahrer der Formel 1.
Mit 23 Jahren ein Star seines Sports
Lewis Carl Davidson Hamilton wird am 7. Januar 1985 in Stevenage, Grafschaft Hertfordshire, geboren. Seine Mutter Carmen ist Engländerin, sein Vater Anthony kommt aus Trinidad und Tobago. Zwei Jahre später trennen sie sich. Als Hamilton acht Jahre alt ist, fährt sein Vater Anthony mit ihm zur Rye-House-Kartbahn, es ist der Tag, an dem beide entscheiden, dass er Rennfahrer werden soll. Der weitere Weg ist ein Kampf. Zusammen leben sie in einer Sozialwohnung, nur mit gleich mehreren Jobs kann der Vater das teure Hobby finanzieren.
Aber der Erfolg gibt ihnen recht. Der Junge siegt in allen Nachwuchsserien und steigt 2007 schließlich in die Formel 1 auf, er knallt wie ein Komet hinein in diese Szene, die voll ist mit gestandenen Männern. Nach jedem seiner ersten neun Grands Prix steht Hamilton auf dem Podium, zwei Rennen davon gewinnt er. Am Ende des Jahres verpasst er den Titel um einen Punkt, doch schon in seinem zweiten Jahr wird Hamilton Weltmeister. Mit gerade einmal 23 Jahren ist er ein Star seines Sports.
Beinahe vier Jahre sind seitdem vergangen, und manchmal erweckt Hamilton inzwischen den Eindruck, als habe er die Orientierung verloren. Wer nach den Gründen sucht, dem wird oft ein Name genannt: Simon Fuller, der Mann, der einst die Spice Girls zu einer Weltmarke und den Fußballspieler David Beckham zu einer Werbe-Illusion gemacht hat. Seit eineinhalb Jahren arbeitet er nun auch mit Hamilton zusammen. „Das war eine der besten Entscheidungen, die ich jemals getroffen habe“, hat Hamilton einmal gesagt. „Ich sehe das Problem nicht. Es gibt nicht viele Menschen, die erreicht haben, was ich erreicht habe.“
Er ist der erste dunkelhäutige Weltmeister der Formel 1, im Kinofilm „Cars 2“ gibt er einem der Autos seine Stimme, er hat Millionen verdient, seine Freundin Nicole Scherzinger ist ein Popstar, zusammen schreiten sie auf den roten Teppichen dieser Welt auf und ab, füllen gleichermaßen die Sportseiten und die Klatschblätter. Für die Formel 1 sind sie das, was die Beckhams einmal für den Fußball waren. Ein Rennfahrer ist auf dem Weg zum Popstar. So etwas hat vor ihm noch niemand in der Formel 1 so extrem verfolgt - und jeder kann ihn dabei ein bisschen begleiten.
„Das war sicherlich keine gute Idee von mir“
Seit knapp zwei Jahren ist Hamilton Teil der Twitter-Community, mehr als eine Million Menschen in vielen Teilen der Welt folgen ihm: „Das Leben ist eine Reise, und ich will meine mit euch teilen“, schreibt er. Vor einer Woche veröffentlichte er im Internet ein Bild, das die Telemetriedaten der beiden McLaren in Spa-Francorchamps zeigt. Die Experten der anderen Teams sicherten sich die Datei und werteten sie aus. Es ist nicht ausgeschlossen, dass so das eine oder andere Detail des McLaren-Codes entschlüsselt werden konnte, des derzeit schnellsten Rennwagens im Feld.
„Das war sicherlich keine gute Idee von mir, es wird nicht mehr vorkommen“, sagt Hamilton. Schon lange gilt er als impulsiv, doch seit einigen Monaten arbeitet er nicht mehr nur an seinem Körper, sondern auch an seinen Kopf. Dabei steht ihm ein Mentaltrainer zur Seite. Sein Ziel? „Ich will mehr Rekorde, mehr Siege - darum geht es. Deshalb sind wir alle hier“, sagt Hamilton.
„Ich denke, dass Lewis zu einer eigenen Marke wird“
Kaum ein anderer Rennfahrer in der Formel 1 fährt gerade so spektakulär wie er. Hamilton überholt oft selbst dort, wo andere nicht einmal an ein solches Manöver denken. Viele kritisieren ihn für diese Aggressivität, aber sie macht ihn unverwechselbar. „Ich denke, dass Lewis zu einer eigenen Marke wird“, sagt McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh. „Damit haben wir kein Problem. Das finden wir gut.“