Home
http://www.faz.net/-gu4-71mnx
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kimi Räikkönen Schweigsam und schnell

 ·  Er ist ein unverwechselbarer Typ, einer der wenigen in der Formel 1. Der kauzige Individualist Kimi Räikkönen ist im Rekordtempo zum Fixpunkt von Lotus geworden - nach zwei Jahren Abwesenheit.

Artikel Bilder (3) Bildergalerie Lesermeinungen (0)
© dpa „Keine Ahnung“: Dass Kimi Räikkönen nicht gerne spricht, ist fast noch eine Untertreibung

Da sitzt er und flüstert und nuschelt. Kimi Räikkönen hat sich die Sponsorenkappe tief ins Gesicht gezogen und die Ärmel seines Shirts nach oben geschoben, so dass die große Tätowierung auf seinem rechten Handgelenk zu sehen ist. Verschlungene Linien, die sich zu einem abstrakten Bild zusammenfügen. Was das bedeute, wurde er einmal gefragt und sagte nur zwei Worte: „Keine Ahnung.“ Er ist ein unverwechselbarer Typ, einer der wenigen in der Formel 1.

Mit 32 Jahren wirkt der Finne noch breiter und muskulöser als vor seinem Comeback, doch eines ist geblieben: Pressekonferenzen wie diese vor dem Grand Prix in Budapest, der an diesem Freitag mit dem freien Training beginnt, sind für den Mann eine Qual, und er versucht gar nicht erst, dies zu verheimlichen. Ein Lächeln? Nicht von ihm. Stattdessen: mürrische Miene, steife Körpersprache und ein typischer Satz: „Dazu gibt es nichts zu sagen.“ Das hier oben auf dem Podium ist nicht seine Welt. Räikkönen ist einer, der die Rad-an-Rad-Duelle auf der Strecke liebt.

Zwei Jahre war er weg, verschwunden auf den Irrwegen der Rallye-Weltmeisterschaft, wo er vor allem als Crashpilot auffällig geworden ist. Doch Räikkönen hat nicht lange gebraucht, um danach an die Spitze der Formel 1 zurück zu kehren. Nur Ferrari-Star Fernando Alonso stand in dieser Saison bisher öfter auf dem Podium (sechs Mal) als Räikkönen (vier Mal), hinter dem Spanier und den beiden Red-Bull-Piloten Sebastian Vettel und Mark Webber liegt er auf Platz vier in der Gesamtwertung. Genug hat der Mann aus Espoo damit noch lange nicht. „Ich liebe es, zu gewinnen. Ich will nicht erklären müssen, warum ich es nicht getan habe.“

Denn am liebsten möchte er überhaupt nicht so viel reden. Einsilbig, ausdruckslos und launisch - lange war Räikkönen so etwas wie das Schreckgespenst für jede Marketing-Abteilung. All die Zwänge im schnellsten Zirkus der Welt haben ihn schon immer genervt. Räikkönen wollte seine Ruhe, und er dachte überhaupt nicht daran, das Privatleben dem Beruf unterzuordnen. Mal feierte er eine wilde Party auf seiner Yacht und stürzte dabei vom Oberdeck auf das Unterdeck, mal entblößte er seinen Hintern und streckte ihn den Fotografen entgegen.

Für Lotus allerdings ist dieser Mann ein Glücksfall. „Kimi war Weltmeister, und er ist noch immer einer der schnellsten hier“, sagt Teamchef Eric Boullier. „Er hat seine Geschwindigkeit schnell wieder gefunden, und ich wäre nicht überrascht, wenn er bald wieder siegt.“ Vielleicht schon an diesem Sonntag in Budapest. Die Meteorologen sagen Temperaturen jenseits von dreißig Grad Celsius voraus, der Asphalt wird sich mächtig aufheizen und die Reifen fordern wie schon lange nicht mehr in den vergangenen Wochen. Es werden Bedingungen sein, unter denen der Lotus E20 in diesem Jahr stets funktioniert hat.

„Es ist ein sehr heißes Rennen, das viel von uns abverlangt“, sagt Räikkönen. „Und nur wenn du gewinnst, leidest du nicht. Hoffentlich leide ich dieses Mal nicht.“ Im Rekordtempo ist er zum Fixpunkt von Lotus geworden. Um ihn herum will der Rennstall an alte Erfolge anknüpfen. 2005 und 2006 wurde das Team - damals noch als Renault-Werksteam mit Alonso am Steuer - zum bisher letzten Mal Weltmeister.

Danach folgten die Tiefpunkte: die so genannte Crashgate-Affäre im September 2008 in Singapur, als Nelson Piquet Junior seinen Boliden absichtlich in die Mauer lenkte, dadurch eine Safety-Car-Phase provozierte und Alonso das Rennen gewann. Ein Jahr später verließ Teamchef Flavio Briatore Renault und wurde gesperrt. Boullier übernahm die Verantwortung am Kommandostand und baute das Team um. Doch der erste Angriffsversuch scheiterte, weil Robert Kubica nach seinem Rallye-Unfall bisher nicht in die Formel 1 zurückgekehrt ist. Nun ruhen die Hoffnungen vor allem auf Räikkönen.

Sein neues Team lässt ihm jene Freiheiten, die er in der Vergangenheit oft vermisst hat. Als Räikkönen noch für McLaren fuhr, versuchte der damalige Teamchef Ron Dennis ihn zu zähmen - und scheiterte. Die Verantwortlichen von Lotus hingegen akzeptieren den schnellen Schweiger mit all seinen Eigenheiten. Räikkönen macht, was er will.

FAZ.NET-Pressestimmen: Vettels Heimfluch geht weiter“

Alles andere vermeidet er. Sein Teamkollege Romain Grosjean muss deshalb offenbar den größten Teil der Abstimmungsarbeit leisten. Räikkönen sagt, dass er Rennfahrer sei. Angeblich hat er deshalb keine Lust auf die stundenlange Raserei im Simulator. In der Formel 1 sind Typen wie er selten geworden, und genau deshalb tut er den Branche so gut.

Sein Lieblingssport? Badminton. Sein Lieblingsgegner? Vettel. Beide sind Freunde, und beinahe wären sie sogar Teamkollegen geworden. Red Bull soll im vergangenen Jahr an einer Verpflichtung von Räikkönen interessiert gewesen sein. Es wäre eine merkwürdige Kombination gewesen: dort der kauzige Individualist, da die riesige Marketing-Maschine. Räikkönen geht lieber seiner eigenen Wege, allzu viele Worte verliert er darüber jedoch nicht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1981, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Malocher unter dem Korb

Von Anno Hecker

Die Provinz hat der Metropole den Rang abgelaufen: Harte Arbeit hat den Basketball in Deutschland vorangebracht - nicht nur bei Meister Bamberg. Doch gerade Nachwuchsspieler werden manchmal zu schnell hochgejubelt. Mehr 2