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Im Gespräch: Nabil Radschab „Dieses Rennen ist eine Schande“

Menschenrechts-Aktivist Nabil Radschab spricht im F.A.Z.-Interview über Folter und Formel 1 in Bahrein. Dem Sohn des Königs, der Bahrein bei den Olympischen Spielen in London repräsentieren wird, wirft er vor, Oppositionelle gefoltert zu haben.

© REUTERS Vergrößern Nabil Radschab (Foto: am 11. Februar 2012): „Die Formel 1 steht für einen Sport, der Diktatoren und repressive Regime unterstützt“

Wie beurteilen Sie die Entscheidung der Formel 1, in jedem Fall nächste Woche das Rennen in Bahrein abhalten zu wollen?

Das ist keine weise Entscheidung. Die Formel 1 steht damit für einen Sport, der Diktatoren und repressive Regime unterstützt. Bei uns kämpfen die Menschen auf der Straße für Demokratie, Frieden und Freiheit und werden dafür umgebracht. Tausende sind festgenommen worden, kommen nicht mehr zurück in ein normales Leben. Dieses Rennen ist eine Schande. Es verhilft unserem despotischen Herrscher-Clan aus der Isolation. Staatsgäste kommen aus dem Ausland, aber auch Mitglieder aus anderen Königshäusern oder wichtige Vertreter der Wirtschaft - schön für unseren König. Dabei müssten er und seine Familie vor Gericht stehen und sich für ihre kriminellen Taten verantworten. Die Botschaft, die von der Formel 1 ausgeht, ist sehr negativ.

Von den Bossen der Formel 1 war zu hören, dass dieses Rennen Hoffnung ausstrahlen und ein Symbol des Friedens sein könnte.

Völliger Unsinn. Diese Veranstaltung dient nur dem Amüsement der Herrscherfamilie und seinen Gästen. Sonst nichts. Ich weiß von fast 40 Leuten, die für das Formel-1-Rennen gearbeitet haben und aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Demokratiebewegung festgenommen wurden. Uns ist bekannt, dass in den Gebäuden an der Rennstrecke Menschen gefoltert wurden. Ich gehe nachher zur Beerdigung eines jungen Mannes, der ebenfalls mithalf bei der Rennorganisation und vor einigen Tagen bei Protesten von der Polizei erschossen wurde. Das soll ein Symbol des Friedens sein?

Protest nach der Beerdigung von Achmad Ismail Hussein: In Isa am 13. April Protest nach der Beerdigung von Achmad Ismail Hussein: In Isa am 13. April © AFP Bilderstrecke 

Es gab Spekulationen in englischen Medien, Formel-1-Chef Ecclestone wolle während der Rennwoche Mitglieder der Opposition zu einem gemeinsamen Auftritt vor der Weltpresse einladen. Können Sie sich das vorstellen?

Das ist mir neu. Ich glaube nicht, dass unsere Regierung das erlauben würde. Eher nähmen sie mich vorher fest. Wir reden hier über ein Land, dass sich nicht scheut, Söldner aus Ländern wie Pakistan, Syrien, Jordanien oder Jemen zu engagieren, um die eigene Bevölkerung zu terrorisieren, Menschen zu ermorden, Häuser abzubrennen und Geschäfte zu zerstören. Repressive Regime sind wie Gangsterbanden - sie klauen, bedrohen, entführen, töten. Diese Leute werden nie zulassen, dass unsereins bei einer solchen Pressekonferenz auftritt. Wir haben nichts gegen die Formel 1 - aber vielleicht weiß Herr Ecclestone nicht, was in unserem Land los ist.

Wie ist die aktuelle Situation im Land - auf was muss sich der Formel-1-Tross gefasst machen?

Es gibt jetzt wieder viele Festnahmen, das ganze Land ist in Spannung, es herrscht spürbar ein Ausnahmezustand. Dörfer und Stadtteile werden von Soldaten umstellt. Statt Frieden bringt die Formel 1 wieder Gewalt.

Was würden Sie an die Adresse eines Weltkonzerns wie Mercedes-Benz sagen, der ja auch am Formel-1-Spektakel in Bahrein teilnehmen wird?

Ich respektiere diese Firma, aber dieses Rennen wird auch ihrem Image sicher nicht gut tun. Vielmehr sollte dieses bedeutende Unternehmen die Werte und demokratischen Prinzipien sowie die Menschenrechte, die in seiner Heimat Deutschland Bestand haben, dem Profitstreben voranstellen. Dieselbe Botschaft gilt für die Fahrer in der Formel 1. Stellvertretend für die bisher 80 Toten des Protests, die Tausenden Inhaftierten und Hunderten Folteropfer kann ich nur sagen: Bitte stellen Sie das Geld diesmal hintenan und fahren Sie nicht!

Wie steht es aus Ihrer Sicht um die Sicherheit für die anreisenden Formel-1-Leute? Könnte es gefährliche Situationen geben?

Wir Bahreiner wollen niemandem schaden, der zu uns kommt. Wir sind friedlich. Die Menschen werden hier zwar verletzt oder sogar umgebracht, wenn sie für ihre Rechte einstehen. Aber sie reagieren nicht gewalttätig. Es wird Demonstrationen geben, aber die Protestbewegung wird nicht gezielt Leute angehen, die hier zur Formel 1 sind. Da wird nichts passieren.

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Im vergangenen Jahr saßen mehr als 200 Athleten, Trainer und Sportfunktionäre in Haft, weil sie sich an Protesten gegen die Herrscherfamilie beteiligt hatten. Was ist mit diesen Menschen passiert?

Viele sind ins Ausland geflohen, wenn sie freigelassen wurden. Andere sind weiterhin in den Gefängnissen.

Sie kritisierten im vergangenen Jahr die nicht vorhandene Unterstützung für diese Sportler durch große Organisationen wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) oder den Internationalen Fußball-Verband. Was hat sich seither verändert?

Nichts. Von denen kommt keine Hilfe. Die hohen Herren des Sports wollen sich offenbar nicht stören lassen von solchen unappetitlichen Vorfällen in Bahrein. Es ist doch beschämend, dass der Präsident unseres Nationalen Olympischen Komitees, der Sohn des Königs, im Sommer vom IOC zu den Spielen eingeladen und unsere Mannschaft anführen wird, obwohl er zu Hause mit eigenen Händen Oppositionelle gefoltert hat.

Woher wissen Sie das?

Das haben die Ergebnisse unserer eigenen Untersuchungen ergeben. Es steht in unserem Report: Der Sohn des Königs ist ein Folterer. Das IOC sollte ihn rausschmeißen. Er dürfte gar nicht erst in Großbritannien einreisen.

Wenn das Rennen wirklich stattfindet, was glauben Sie, ist das für das Königshaus ein Erfolg?

Unsere Herrscher und deren PR-Helfer werden denken, dass sie einen guten Job gemacht haben, weil sie für ein Wochenende aus ihrer Isolation herausgekommen sind. Aber das sind sie nicht. Unser Kampf geht weiter. Wir werden alles daran setzen, der Welt die wahre Geschichte Bahreins zu erzählen.

Haben eigentlich jemals Vertreter der Formel 1 oder des Motorsport-Weltverbandes Kontakt zu Ihnen aufgenommen?

Nein, nie.

Das Gespräch führte Michael Ashelm.

Quelle: F.A.S.

 
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