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Formel 1 in Montreal : Hart, härter, Hamilton

  • Aktualisiert am

Alles astrein? Lewis Hamilton darf in Kanada wieder jubeln. Bild: AFP

Wie eine Rakete schießt Sebastian Vettel am Start davon – doch Ferraris Reifenstrategie beim Großen Preis von Kanada geht nicht auf. Lewis Hamilton drückt Nico Rosberg weg und rückt dem WM-Führenden näher und näher.

          Kein Sportstar, der in diesen Tagen nicht über den Größten spricht – um sich zu positionieren? Kaum hatte Lewis Hamilton am Sonntag das Ziel des Großen Preises von Kanada als Erster erreicht, da huldigte er dem vor zehn Tagen verstorbenen Boxer aller Boxer: „Flieg wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene, das ist für Muhammad Ali.“ Die Würdigung traf ein bisschen auch auf das Rennen des Briten zu, der vor Sebastian Vettel im Ferrari und dem finnischen Williams-Piloten Valtteri Bottas mit taktischem Geschick fast leichtfüßig gewann. Nur fühlte sich nicht der aufgeräumte, lächelnde Vettel gestochen, sondern Hamiltons Teamkollege Rosberg. Er war der Leidtragende einer atemraubenden Annäherung der Mercedes-Piloten in der ersten Kurve und wurde nur Fünfter. In der Fahrerwertung ist sein Vorsprung nach sieben von 21 Grand Prix nun auf neun Punkte vor Hamilton (107) geschrumpft. Auf Rang drei kletterte Vettel mit nun 78 Punkten.

          Vettel wie eine Rakete! So sah es Niki Lauda, der Aufsichtsrat-Chef von Mercedes, der Konkurrent. „Gratulation“, rief der Österreicher dem Deutschen zu und wendete sich dem Problem zu, den Vettels Coup von Startplatz drei vorbei an Rosberg und Hamilton seinen Piloten bescherte: Schon wieder eine Annäherung mit Krachpotential. Obwohl es auf der Piste nur zu einer leichten Berührung kam. Aber Hamilton, von Rosberg mal wieder eingeholt auf dem Weg zur ersten Kurve, ließ den Konkurrenten auf gleicher Höhe auf der Außenseite „hängen“.

          „Einen relativ guten Start“

          „Ich hatte einen relativ guten Start“, sagte Rosberg, „Lewis einen schlechten. Wir kennen die Situation, das ging wieder in die Hose. Er hat mich wieder touchiert, dass ich raus musste, ich war extrem sauer, aber das halt harter Rennsport. Da brauchen wir nicht weiter reden.“ Obwohl dem WM-Führenden „die Straße“ ausging. Er rumpelte über den Grünstreifen und fädelte als Zehnter wieder ein. Verärgert, und auch ernüchtert: In Monaco hatte ihn dem schnelleren Teamkollegen auf Anweisung der Rennstallleitung Platz gemacht auf dessen Weg zum Sieg und war nur Siebter geworden. Eine Art Selbstlosigkeit unter sanftem Druck der Firma, für die sich Hamilton mit Worten und Gesten im Fürstentum bedankte, aber eben nicht auf der Piste. „Wir wollen nicht, dass sie sich berühren“, sagte Teamchef Toto Wolff, „wir werden das diskutieren.“

          Am Sonntag traf den tapfer kämpfenden Rosberg dann noch ein schleichender Plattfuß. Trotzdem hätte er in der letzten Runde nach hartem Kampf auf Biegen und Brechen gegen den 18jährigen Max Verstappen im Red. Bull Vierter werden können. Aber Rosberg drehte sich nach dem Überholmanöver: Fünfter. Vettel vorne: Da jubelte die Besatzung in der Ferrari-Box. Auf den Rängen rund um den Kurs auf der „Île Notre-Dame“ ballten viele Ferrari-Fans die Faust. Aber kaum hatten sie sich an die Führung des Deutschen gewöhnt, da verschwand der Hesse wieder von der Spitzenposition – zum ersten, frühen Boxenstopp (13. Runde). Was aber führten die Startegie-Füchse in der Kommandozentrale dabei im Schilde?

          Zum Sieg gepokert: Lewis Hamilton gewinnt in Montreal
          Zum Sieg gepokert: Lewis Hamilton gewinnt in Montreal : Bild: AFP

          Sie verpassten Vettels Boliden die mittelweiche Gummi-Mischung und verrieten damit die Taktik: Zwei Boxenstopps statt nur einem, weil die Regeln auch die Nutzung der harten Variante in Montreal vorschrieb. Hamilton aber setzte nur auf einen Boxenstopp (26.). Und so verlagerte sich die Entscheidung um den Sieg zunächst von der Straße in die Gedankenwelt: Würde Vettel nach seinem zweiten Reifenwechsel auf den frischen Pneus den Silberpfeil mit dem Champion am Steuer einholen, überholen, also schlagen können? 38. Runde: Der Ferrari-Star kommt von der Führungsposition an die Box und kehrt als Zweiter hinter Hamilton wieder zurück auf die Rennstrecke, noch gut 30 Runden vor sich, gut sieben Sekunden im Rückstand. Zeit genug für einen Jäger vom Format des viermaligen Weltmeisters.

          Mehr als 45.000 Kilometer hat er in der Formel 1 abgespult und dabei manch verloren geglaubtes Rennen gewonnen. Aber Hamilton fährt in seiner zehnten Saison. Längst hat der Brite allen Skeptikern seine Flexibilität bewiesen, seine Fähigkeit, vom Vollgas-Trip mitten im Grand Prix auf den Nachdenk-Modus umschalten zu können. Schon bevor die Jagd-Konstellation Rot hinter Silber auf einen Blick zu erkennen war, hatte Hamilton seinen Fahrstil auf das zu erwartende Duell abgestimmt: mit einer reifenschonenden Fahrweise. Er wartete nicht auf Vettel, aber er bereitete sich vor. Während der Hintermann keine große Rücksicht nehmen konnte auf seine Reifen beim Sprint. Runde um Runde knabberte Vettel am Vorsprung, ungeduldig: „Was zur Hölle ist hier los“, rief er, als er auf zu überrundende Kollegen auflief. Die Klage deutete schon an, wie eng die Kalkulation war.

          Und dass Nuancen entscheiden würden: ein kleiner Fahrfehler vergrößerte den Rückstand von Vettel zwölf Runden vor Schluss wieder um eine Sekunde auf gut 5,5. Die Wiederholung ein paar Umläufe später signalisierte den Stress im Ferrari-Cockpit: Fahrer „überfährt“ das Auto, um irgendwie an Hamilton heranzukommen. Es reichte nicht. Und deshalb stellte sich zum Ende des Grand Prix die Kernfrage: Hat Ferrari den ersten, greifbaren Sieg 2016 mit einer zu riskanten Strategie verspielt? Die Prognose des Reifenherstellers kannte nicht nur Mercedes: Der Pneu, den Hamilton nach seinem einzigen Stopp in der 26. Runde fuhr, hält 50 Runden. Fünf mehr als er brauchte. „Die Reifen“, sagte Vettel seinem Interviewpartner Michael Douglas, „haben bei ihm länger gehalten, als wir erwartet haben.“

          Quelle: F.A.Z.

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