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Formel 1 Weltmeister-Kür mit Schrecksekunden

 ·  Sebastian Vettel fährt im Unfallwagen zum dritten Weltmeistertitel. Im letzten Rennen der Formel-1-Saison muss der Deutsche nach einem Crash zu Rennbeginn lange bangen. Den Grand Prix von Brasilien gewinnt Jenson Button vor Fernando Alonso. Vettel reicht Rang sechs.

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© dpa Vergrößern Dreimal Weltmeister: Sebastian Vettel scheint es kaum glauben zu können

Das war knapp, aufregend, spannend, brillant, verwirrend, aber erfolgreich – für Sebastian Vettel (Red Bull). Am Sonntagnachmittag hat der Formel-1-Pilot sein 101. Rennen in São Paulo als Sechster beendet und ist damit zum dritten Mal Weltmeister geworden. Sein einziger Rivale um den Titel, Fernando Alonso (Ferrari), wurde Zweiter hinter Sieger Jenson Button (McLaren) und vor Felipe Massa (Ferrari). Er holte im Vergleich zu Vettel damit zwar zehn Punkte auf. Aber der 25 Jahre alte Heppenheimer lag nach dem Saisonfinale noch drei Punkte vor dem Spanier (281:278 in der Gesamtwertung). Vettel ist damit der jüngste dreimalige Champion und erst der dritte Fahrer in der Formel-1-Geschichte nach Juan-Manuel Fangio und Michael Schumacher, der drei Titel in Serie gewonnen hat. „Das ist was ganz Besonderes“, sagte Vettel.

Ein Herzschlagfinale: Kaum hatte sich das Feld nach dem Start in Bewegung gesetzt, da stockte der Vettel-Fraktion der Atem. Während Lewis Hamilton (McLaren) im Gefolge von Button davon zog, Vettel kaum in die Gänge kam, schoben sich rechts die beiden Ferrari vorbei: Erst Massa, dann Alonso. Siebter nach der ersten Kurve.

Unfall nach einem Kilometer

Aber es kam noch schlimmer. Vor dem vierten Knick, nach einem Kilometer, schien das Rennen gelaufen. Da rollte der blaue Bolide plötzlich rückwärts in Rennrichtung. Ferrari-Fans schrien auf vor Freude: Alonso Dritter, Vettel ein Geisterfahrer! Der Brasilianer Bruno Senna (Williams) hatte dem Deutschen einen Schubs gegeben. Aber das war nicht der Stoß ins Abseits für Vettel, sondern der Push für einen großartigen Auftritt: eine Weltmeister-Kür mit Schrecksekunden.

Als 22., als Letzter begann Vettel die Aufholjagd, stürmte im einsetzenden Regen so schnell nach vorne, dass man kaum mitzählen konnte: 16., 14., 10., 8., 6. nach 15 Runden. Dabei waren nach dem Unfall Unterboden und Auspuff seines Boliden beschädigt. „Auf der Geraden ging nichts“, sagte Vettel. „Das Auto hatte keine Balance mehr“, sagte Red-Bull-Chefdesigner Adrian Newey.

Alonso allerdings war zunächst so entgegenkommend, wie lange nicht mehr. Der Spanier schoss am Ende der Zielgeraden über die Piste hinaus, musste Nico Hülkenberg (Force India) passieren lassen, hatte nur noch den Schutzmann aus dem eigenen Stall im Rücken. „Massa voraus“, rief der Renningenieur Vettel via Funk zu: „Er blockt für Alonso, sei vorsichtig.“

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© Getty Images Vergrößern Der dramatischste Moment des Rennens: Sebastian Vettel wird zum Geisterfahrer

Das war die Kunst am Sonntag. Aufpassen, bei Tempo 300, bei dem immer wieder einsetzenden Regen nicht zu viel riskieren, sich aber nicht überholen lassen, in Sekundenbruchteilen die richtige Entscheidung treffen. Auf den feuchten Stellen der Piste schlitterten die Autos, wedelten beim Anbremsen und Beschleunigen nervös mit dem Heck. Vettel behielt die Nerven, kam im Laufe der Boxenstopps an Massa vorbei und tauchte formatfüllend im Rückspiegel seines Rivalen auf: Vierter Rang, bei 13 Punkten Vorsprung die WM-Sicherung, wenn doch inzwischen Hülkenberg als Führender und die beiden McLaren ihre Positionen hielten. War es das also?

Nicht doch. Weil Nico Rosberg (Mercedes) nach einem Vollkontakt Trümmerteile auf der Piste verteilte, rückte das Sicherheitsfahrzeug aus. Alle Mann eingerückt in Reihe, mit wenigem Metern Abstand, begann die Tour von Neuem mit einem fliegenden Start. Wieder verlor Vettel den Kontakt, musste sich von Kamui Kobayashi (Sauber) ausbremsen lassen und kurz darauf sogar Massa weichen: wieder Siebter. Da keimte Hoffnung auf bei Alonso, nur acht Sekunden hinter dem Überraschungsgast an der Spitze: Hülkenberg!

Das war verwunderlich, aber nicht überraschend. Spitzenleistungen hat er schon mal vollbracht in São Paulo. Vor zwei Jahren als Mann der schnellsten Runde im Qualifikationstraining – auf feuchter Piste. 30 Runden hielt er die McLaren-Crew in Schach, überstand die schwierige Boxenstopp-Arie, den Wechsel der Bedingungen, die Safety-Car-Phase. Das kostet Kraft, Energie, Konzentration und die Führung. Wegen eines leichten Fahrfehlers fiel er zurück. Hamilton übernahm.

Hamilton fällt aus

Vettel hatte für den packenden Kampf an der Spitze keine Muße. Er hing in dieser Phase am Heck des Sauber von Kobayashi, drückte und drängte. Das war ein Risiko, aber unvermeidbar. Was, wenn die Vorderleute ausfielen, verunglückten, wenn Alonso im letzten Moment siegte, weil der Regen doch wieder kam. Gedacht, passiert. 55. Runde: Hülkenberg greift Hamilton an. Beim Anbremsen bricht das Heck des Force India aus, schlägt gegen den McLaren, bricht das linke Vorderrad ab.

Geknickt schleicht Hamilton nach seinem letzten Rennen für McLaren, nach 14 Jahren bei seinem Team, in die Box. Niemand schaut hin. Denn das Drama setzt sich fort: Button führt zwar vor Hülkenberg und Massa, aber der Deutsche wird zur Rechenschaft gezogen: Durchfahrtstrafe, abbiegen, Platz machen für Alonso. Der rückt erst auf drei vor, dann auf zwei, weil Massa artig vom Gas geht (62.).

Verpokert beim Reifenwechsel

Und Vettel? Immer noch Siebter hinter seinem Freund Michael Schumacher (Mercedes). Eines haben die beiden an diesem Nachmittag gemein: Vier Boxenstopps. Red Bull hatte im Eifer des Gefechts falsch entschieden, beim nächsten Regenguss vor dem Hamilton-Crash erst profillose Reifen aufziehen lassen, weil der Funk nicht mehr funktionierte und Vettel zwar nach Intermediates schrie, ihn aber niemand hörte. Die Reifen für nassen Asphalt gab es erst mit Verspätung.

Die Folge: 25 Sekunden Rückstand auf Alonso. Da blieb nur noch eines: Langsam vortasten im immer stärker werdenden Regen, am eher defensiven Schumacher vorbei fahren auf Rang sechs hinter Hülkenberg und die Runden runter zählen. Ein Unfall brachte Vettel dann doch noch etwas Ruhe. Weil Paul di Resta (Force India) in der 70 Runde in den Leitplanken landete, führte das Sicherheitsfahrzeug das Feld mit dem alten und neuen Weltmeister in der letzten Runde im Schleichgang ins Ziel. Vettels neuer Triumph begann doch noch vor dem offiziellen Finale.

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