Alle gegen einen? So sieht das Paul Hembery. Der fröhliche Brite ist der erste Reifenmann der Formel 1, Motorsport-Chef des Herstellers Pirelli und stolz, die Szene mächtig auf Trab gebracht zu haben. Vier Sieger in vier Rennen, eine aufregende Hektik während der Grand Prix und ständige Positionswechsel führt Hembery zurecht auf seine Pneus zurück. Aber im Jubel der Protagonisten über eine Art Auferstehung der Formel 1 hat ausgerechnet der Rekordmann seine Stimme erhoben. „Das ist Fahren wie auf rohen Eiern“, sagte er dem amerikanischen Sender CNN.
Schon kurz nach dem Grand Prix in Bahrein vor drei Wochen hatte der siebenmalige Weltmeister die extreme Verlagerung des Rennfahrens vom Vollgasmodus in den Schongang kritisiert: Weil andernfalls die Reifen von den „Felgen fliegen“. Hembery konterte mit einem persönlichen Angriff: „Ich verstehe den Frust. Wir haben vier verschiedene Sieger gesehen, zwei davon Deutsche, einer war sein Teamkollege.“ Aber helfen könne er nicht: Wenn doch nur „ein Fahrer verärgert ist und 23 zufrieden sind“.
Kritik: Bei Schumacher sei die Luft raus
Schumacher scheint isoliert wie ein schlechter Verlierer: Zwei Punkte nach vier Rennen in einem Auto mit Siegerpotential schüren Kritik. Schon mehren sich Stimmen, beim 43 Jahre alten Mercedes-Mann sei die Luft raus. Dabei wurde der Rheinländer in drei der vier Grand Prix wegen technischer Defekte aus dem Rennen geworfen oder gebremst. Als ein Mechaniker beim Boxenstopp in Schanghai das rechte Vorderrad nicht fixierte, verlor der Deutsche Position zwei. Sonst wäre der angeblich Überholte auf dem Podium gelandet. So schlecht kann sein Reifengefühl nicht sein. Grundsatzkritik aber ist in der Formel 1 gefährlich. „Wer sich öffentlich äußert“, sagt ein Formel-1-Pilot, „muss damit rechnen, angefahren zu werden. Selbst wenn er Recht hat.“
Aber liegt Schumacher richtig? Die zweite Generation Pirelli-Reifen hat noch mehr Einfluss auf den Rennverlauf als die erste im vergangenen Jahr. Hembery ist von einer Formel-1-Kommission aufgefordert worden, ein Spiel mit den Pneus zu inszenieren. Es funktioniert. Denn die Walzen entfalten ihre volle Haftung nur noch unter ganz bestimmten, schwer zu ermittelnden Bedingungen. Wer den richtigen Reifendruck nur um ein Zehntelbar verpasst, sich bei der Entwicklung der Asphalttemperatur um ein Grad Celsius verschätzt, um ein Prozent von der optimalen Boliden-Trimmung abweicht, der fährt am Ziel vorbei. Dann können die Rundenzeiten schnell um eine Sekunde oder mehr steigen. Deshalb schwanken die Leistungen, das ist auch ein Grund für die bislang zahlreichen Überholmanöver (327), für kuriose Erscheinungen: In China tauchte Kimi Räikkönen einige Runden vor dem Ende in seinem Lotus als Zweiter auf. Dann brach der Reifen ein. Der Finne wurde, ziemlich ratlos, 14.
Selbst Schuld? Die Reifen sollen schließlich für alle gleich sein. „Das Management ist für die Ingenieure und die Fahrer eine große Herausforderung“, sagt Schumachers Teamkollege Nico Rosberg: „Da bist du als Fahrer gefordert.“ Auch früher fuhr kaum jemand gedankenlos mit Vollgas zum Sieg. Aber selbst bei einer größeren Reifenabnutzung drohte kein Absturz. Denn die zunehmende Auflage von abgeriebenem Gummi auf der Ideallinie glich den Haftungsverlust halbwegs auf. Bei den Pirelli-Reifen soll dieser Effekt wesentlich geringer sein.
Nur nicht die Reifen überfordern
Schumacher arbeitete sich in Bahrein von Startplatz 22 auf Platz zehn vor, vorsichtig, immer bemüht, nur ja nicht die Reifen zu überfordern. „Wenn man heute eine Runde im Rennen am Limit ist“, schilderte er, „dann landet man im Nirgendwo.“ Die Autos werden also nicht mehr am physikalischen Limit über die Pisten getrieben. Entsprechend geringer ist die physische und psychische Belastung des Piloten auf dem Weg durch die Mutkurven. So reduziert der extreme Pirelli-Effekt das Tempo der Formel 1 und stellt den selbstgefälligen Anspruch in Frage, stets „auf höchstem Niveau“ zu kreisen. Das zumindest ist die Quintessenz in manchen Fan-Foren, wo Schumacher überraschend häufig gestützt wird. Da ist die Rede von „Lotteriespielen“, von einer „würdelosen Formel 1“, von „einer künstlichen Show“: „Wenn ich Gleichmäßigkeitsfahrten sehen will“, schreibt der User „Maglion“, „dann schaue ich mir eine Oldtimerrallye an.“
Ecclestone spricht von einer „großartigen Show“
Den von Speed-Puristen beklagten Substanzverlust halten die Pragmatiker für aufgeblasen. Weil der gemeine Fan die Differenz im Kurventempo ohnehin nicht per Augenschein messen könne. Zirkusdirektor Bernie Ecclestone spricht deshalb hoch zufrieden von einer „großartigen Show“ und freut sich über das teure Rätselraten der Rennställe. Deren Experten sind nicht so begeistert: „Die Reifen“, sagt der Ingenieur eines großen Teams, „machen mich zum Deppen.“ Weil es auch Schwankungen bei den Pirelli-Sätzen geben soll, die jede Kalkulation über den Haufen werfen? Das würde erklären, warum selbst ein „Reifenflüsterer“ wie Jenson Button schon in Bedrängnis geriet. Schumacher mag als einziger vor der Entwicklung warnen. Alleine aber steht er nicht.
Zirkusdirektor Ecclestone sricht von einer "Super Show" ...
Stefan Sturm (roaring.steven)
- 12.05.2012, 11:00 Uhr
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Frank Zach (FrankZach)
- 09.05.2012, 21:04 Uhr
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Matthias Unger (ungermat)
- 09.05.2012, 19:59 Uhr