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Formel 1 Ungläubiger Schumacher im schockierenden Ferrari

 ·  Michael Schumacher dominierte das Training am Freitag in Melbourne. Die Frage bleibt: Hält der Trend? Die Buchmacher haben den Formel-1-Weltmeister jedenfalls schon zum Favoriten erklärt.

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Wer von den Trainingsergebnissen des Freitags den Ausgang eines Formel-1-Rennens ableitet, muß sich auf Irrtümer gefaßt machen. Die Zeiten sind nur schwer zu vergleichen. Niemand hat den Überblick, welcher Fahrer zu welchem Zeitpunkt mit welcher Benzinmenge unterwegs ist. Kaum jemand weiß, in welchem Zustand sich welcher Reifentyp befunden hat. Wenn aber ein Rennstall die beiden jeweils einstündigen Testläufe so beherrscht, wie Ferrari es zum Auftakt der WM-Saison in Melbourne getan hat, dann ist das mehr als ein kleines Indiz für die Kräfteverhältnisse. Die Ferrari-Techniker konnten nach den ersten hundert Kilometern der neuen Saison jedenfalls schon sicher sein, daß ihnen beim roten Renner Jahrgang 2004 keine Fehlkonstruktion unterlaufen ist.

Die angestammte interne Ferrari-Rangfolge blieb erst einmal erhalten. Am Vormittag war Weltmeister Michael Schumacher gut zwei Zehntelsekunden schneller unterwegs als seine Nummer zwei Rubens Barrichello, am Nachmittag eine Zehntel. Auch der Abstand zur Konkurrenz verringerte sich von der ersten zur zweiten Trainingssitzung: Von 1,9 Sekunden auf eine Sekunde. Aber auch dieser knappere Vorsprung ist immens - im Fußball etwa einem 4:0 gleichzusetzen. Es war jeweils Jarno Trulli im Renault, der den Rest des Feldes anführte. Die weiteren Konkurrenten folgten dann dicht auf. So dicht, daß es aus den oben genannten Gründen nicht lohnt, eine weitere Rangfolge zu nennen.

Konkurrenz geschockt

Die Kommentare zur Ferrari-Demonstration fielen unterschiedlich aus. "Ich bin geschockt", sagte Peter Sauber. Der Schweizer Rennstall-Besitzer hatte nicht erwartet, daß seine mit Ferrari-Motoren, Ferrari-Getriebe und -Hinterachse ausgestatteten Rennwagen zwei Sekunden länger pro Runde brauchen würden. Ralf Schumacher, im Williams-BMW Sechstschnellster, bemaß dem Zeitunterschied einige Bedeutung zu: "Der Rückstand ist anscheinend sehr groß." McLaren-Teamchef Ron Dennis dagegen hielt die Zeiten für "wenig signifikant". Michael Schumacher ging besonders vorsichtig mit der frohen Nachricht von der Zeitmeßanlage um: "Ich möchte momentan nicht glauben, was wir sehen." Der Kerpener will nicht ausschließen, daß die Konkurrenz in Melbourne "Dinge zurückgehalten hat, wie wir im Winter". Aber ist diese Annahme realistisch? Minardi-Teamchef Paul Stoddart, ein Mann der sich leisten kann, die Wahrheit zu sagen, erklärt: "Freitags machen doch alle Teams dasselbe: Sie testen Reifen und sie suchen die Rennabstimmung für den Grand Prix. Es ergäbe keinen Sinn, wenn Ferrari mit einem besonders leichten Auto auf Bestzeitjagd gegangen wäre."

Ganz im Gegensatz zum Qualifikationstraining, das bei Redaktionsschluß dieser Ausgabe noch nicht begonnen hatte. Das Einzelzeitfahren am Samstag entscheidet über die Startreihenfolge. Um das Rennen von weit vorne aus aufzunehmen, schicken manche Teamchefs ihre Fahrer mit möglichst wenig Benzin in die entscheidende Trainingsrunde. Das hat zwar den Nachteil, daß der Fahrer im Grand Prix dann recht früh zum Tanken an die Box muß. Aber diese Taktik kann sich lohnen, weil sich dem Piloten bis zum ersten Boxenservice freie Fahrt an der Spitze böte.

Hält der Trend?

Wer also auf den Rennausgang setzen möchte, sollte die Ergebnisse vom Freitag durchaus in seine Überlegungen einbeziehen. Die australischen Buchmacher hatten schon am Donnerstag die Favoritenrolle an Michael Schumacher verliehen. Für einen Sieg des Weltmeisters in Melbourne gaben sie lediglich eine Quote von 3:1. Juan Pablo Montoya erhoben die Wettbüros in den Stand des ersten Herausforderers. Gewänne der Kolumbianer, zahlten sie für einen australischen Dollar Einsatz drei aus.

Michael Schumacher konnte keine Erklärung für die Überlegenheit von Ferrari finden. Vielleicht sind es die Reifen. Die Pneus von Bridgestone sind für ihre hervorragende Bodenhaftung bei schmutziger und rutschiger Piste bekannt. Und der Asphalt von Melbourne ist der schlechteste von allen Grand-Prix-Strecken. Der Weg führt nämlich auf sonst öffentlichen Straßen durch den Albert-Park. Es dauert länger als auf permanenten Rennstrecken, bis der Abrieb der Reifen eine besser haftende Gummischicht auf dem Belag hinterläßt. Schon im Laufe des Freitags verringerte sich die Überlegenheit der Ferraris. Hält der Trend an? Wer weiß. Das schönste vor dem ersten Saisonrennen ist doch, daß keiner etwas genaues weiß. Spannung ist noch garantiert. Die Ferrari-Dominanz wird sich schon noch früh genug herauskristallisieren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03. 2004, Nr. 56, Seite 36
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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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