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Veröffentlicht: 01.11.2012, 18:23 Uhr

Formel 1 Stillstand des Silberpfeils

Jedes Jahr im Sommer kommt der Formel-1-Bolide von Mercedes nicht mehr voran. Aber Mercedes macht in Optimismus: Noch nicht am Wochenende in Abu Dhabi, aber wenigstens im nächsten Jahr soll alles besser sein.

von Hermann Renner, Abu Dhabi
© dpa Zu langsam: Der Mercedes von Nico Rosberg

Die letzte positive Nachricht aus dem Hause Mercedes stammt vom 28. September. An diesem Tag wurde Lewis Hamilton als neuer Fahrer bekanntgegeben. Seitdem läuft der Silberpfeil nicht mehr rund. Michael Schumacher und Nico Rosberg blieben in den vergangenen drei Grand Prix ohne Punkte. Der neue Krisenmanager Niki Lauda weiß um die Verantwortung, die der Rennstall gegenüber einem erfolgsverwöhnten Fahrer wie Hamilton hat: „Ich traue mich zu sagen, dass Mercedes im nächsten Jahr die bestmögliche Fahrerpaarung hat. Diese Aufgabenstellung haben wir zu hundert Prozent gelöst. Jetzt liegt es an uns, das Gleiche mit dem Auto zu tun.“

Gemessen an den jüngsten Ergebnissen erscheint es als Titanenaufgabe, dem Weltmeister von 2008 im nächsten Jahr ein Siegerauto hin zu stellen. Je länger die Saison dauert, desto mehr wird der Mercedes nach hinten durchgereicht, erst beim Qualifikationstraining, dann im Rennen.

Platz fünf ist in Gefahr

Die Gegner der Deutschen heißen auch am Sonntag in Abu Dhabi kaum Red Bull, McLaren, Ferrari und Lotus. Man kämpfte zuletzt mit Sauber, Williams, Force India und Toro Rosso. Der (Millionen Dollar werte) fünfte Platz in der Konstrukteurs-WM könnte in Gefahr geraten. Denn 20 Punkte Vorsprung vor Sauber sind bei drei noch zu fahrenden Rennen schnell verloren. Seit der Sommerpause herrscht Punktediät. Mercedes hat in sechs Grand Prix nur 30 Punkte gesammelt, der Kunde (Motor) Force India 47.

Dabei steht bei den Indern die Fahrzeugentwicklung seit Ende August still. Mercedes hat in der Zwischenzeit den Auspuff verlegt und dabei das halbe Heck umgebaut. Es ist richtig, dass Red Bull 100 Millionen Euro pro Jahr mehr investiert als das Mercedes-Team. Aber der Rennstall hat seinerseits 58 Millionen Euro mehr in der Kriegskasse als Force India. Und 183 mehr Mitarbeiter auf der Lohnliste. Nicht nur Niki Lauda muss sich fragen, ob im englischen Ort Brackley, wo die Boliden gebaut werden, die richtigen Leute arbeiten. Oder ob sie an den richtigen Stellen sitzen. Teamchef Ross Brawn steht für Lauda nicht zur Disposition. „Er ist der bestmögliche Mann für diesen Posten. Zurzeit ist er mein Lehrer. Um eine Bestandsaufnahme zu machen, muss ich bei ihm in die Schule gehen.“

Formel 1 - GP Abu Dhabi © dpa Vergrößern Stärkebeweis steht aus: Nico Rosberg hofft auf ein schnelleres Auto

Lauda nimmt seine Sache ernst. Er war bereits dreimal in der Fabrik, er nahm in Indien erstmals an einer technischen Besprechung teil, und er reiste mit Ross Brawn am 22. Oktober nach Paris, um sich bei Jean Todt, dem Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes, die Rahmenbedingungen des neuen Formel-1-Vertrages erklären zu lassen. Brawns früherer Chef Todt (bei Ferrari) konnte sich bei der Sitzung eine kleine Spitze mit Blick auf Lauda nicht verkneifen: „Schön, dass Mercedes seine Nummer eins geschickt hat.“ Lauda reagierte unwirsch: „Ich bin nicht die Nummer eins. Das ist Ross. Ich kann nur den Weg begleiten. Dazu muss ich die Zusammenhänge der Abläufe verstehen, um dann mit meinem logischen, direkten Zugang an einer Lösung mitzuwirken.“

Es ist nicht alles schlecht

Ob Lauda aber die Wende herbeiführen kann oder noch mehr Unruhe in ein Team bringt, das mehr Häuptlinge als Soldaten zu haben scheint? Die schonungslose Art des dreimaligen Weltmeisters birgt Risiken. Führende Mitarbeiter in der Fabrik könnten aus Angst um ihren Job in blinden Aktionismus verfallen, andere aus Furcht vor Fehlern in Deckung gehen.

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Es ist nicht alles schlecht bei Mercedes. Rosberg gewann nicht durch Zufall den Grand Prix von China. Schumacher fuhr nicht mit Glück die schnellste Runde beim Qualifikationstraining in Monte Carlo. Die Ingenieure haben 2012 ein durchaus gutes Auto gebaut. Aber es ließ sich nicht weiterentwickeln - schon wieder. Seit 2010 laufen Entwicklungen ab der Saisonhälfte ins Leere. Das ist auch ein Grund, der Schumacher den Abschied erleichterte.

Rückblickend sind die Erfolgserlebnisse von Schanghai und Monte Carlo so zu erklären: Die Bedingungen passten perfekt. Konstant kühl, eine Strecke, die mehr die Vorder- als die Hinterreifen beansprucht, ein planmäßiger Trainingsverlauf ohne Irrwege bei der Fahrzeugabstimmung. Auf allen anderen Strecken regierte die Angst.

Rundenzeit verschenkt

Um die Hinterreifen zu schonen, wurden die Autos in Richtung Untersteuern (das Auto schiebt in Kurven über die Vorderräder) getrimmt. So verschenkte man Rundenzeit. Hin und wieder kamen die Ingenieure drauf, dass sie zu vorsichtig agiert hatten, mit dem Ergebnis, dass die Reifen zu stark auskühlten statt zu überhitzen. „Aus dieser Zwangsjacke müssen wir raus. Wir dürfen nicht zu viel Rundenzeit opfern, nur um die Reifen zu schonen“, sagt Mercedes’ Sportchef Norbert Haug. Reifen, immer wieder die Reifen. Man mag den Worten von Ross Brawn nicht mehr glauben, das Verhalten der Pneus sei nun verstanden und das Team für 2013 gut gerüstet. Das hätte sich längst auf der Strecke gezeigt. Doch am Sonntag in Indien, wo man sich stark fühlte, begann das alte Lied von neuem. Sobald Rosberg attackierte, wurden die Hinterreifen zu heiß. „Es kann“, sagte Schumacher, „nur besser werden“.

So bleibt den Herren der Silberpfeile nichts übrig, als weiter Optimismus zu verbreiten. Laut Brawn ist nun alles an seinem Platz. Der neue Aerodynamikchef Mike Elliott hat sich eingelebt. Die Abläufe im Konstruktionsbüro sind nach einem Jahr Regentschaft von Bob Bell, Aldo Costa und Geoff Willis zur Routine geworden. Das Budget soll um einen beträchtlichen zweistelligen Millionenbetrag aufgestockt werden. Der Windkanal kann mit 60-Prozent-Modellen betrieben werden. Das Reifenrätsel ist angeblich entschlüsselt. Die Fehler des aktuellen Autos sind bekannt. Mit Lewis Hamilton hat man den schnellsten, wenn auch nicht komplettesten Fahrer im Cockpit. Jetzt bleibt kein Platz mehr für Ausreden.

Quelle: F.A.Z.

 

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