Der Bestechungsfall um den Organisator der Formel 1, Bernie Ecclestone, macht den geplanten Börsengang der Rennserie in Singapur zunehmend unwahrscheinlich.
Singapur wird von einer Reihe großer Betrugs- und Korruptionsfälle erschüttert, die bislang in dem Stadtstaat undenkbar erschienen. Sie treffen den Staat mit der höchsten Millionärsdichte der Erde schwer, da er in der Wirtschaftswelt von seinem jahrelang erarbeiteten Image lebt, als Insel in einem Meer korrupter Nachbarländer ein sauberer und unbestechlicher Standort zu sein.
Dieses Bild könnte Kratzer bekommen, warnt nun etwa der angesehene einheimische Ökonom Mak Yuen Teen, wenn Formel-1-Aktien über die Singapurer Börse verkauft würden.
Anfang des Monats war die für diese Tage geplante Erstnotiz der Aktie auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Als Begründung dafür galt die Finanzkrise. Für den Finanzplatz Singapur war schon das ein Schlag, denn seit sieben Jahren haben sich nicht mehr so wenige Unternehmen an die Börse gewagt wie in der ersten Hälfte dieses Jahres.
Der gesamte Marktwert der Erstnotizen belief sich nur noch auf 4,6 Millionen Dollar - ein Rückgang um gut 74 Prozent im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres. Auch der Fußballklub Manchester United zog den erhofften Börsengang in Singapur zugunsten eines Aktienverkaufs in Amerika zurück. Das Scheitern der prestigeträchtigen Erstnotiz der Formel 1 im geschätzten Wert von mehr als 2,5 Milliarden Dollar wäre deshalb ein Tiefpunkt für den Börsenplatz.
Genau danach sieht es nun aus. Nach der am Mittwoch in München erfolgten Verurteilung des früheren Bayern-LB-Managers Gerhard Gribkowsky, der sich von Ecclestone mit rund 44 Millionen Euro hat bestechen lassen, werden die Zweifel am Börsengang lauter. Ecclestones Verhalten widerspreche den Zulassungsbestimmungen der Singapurer Börse, kritisiert Mak Yuen Teen, Professor für Finanzwesen und Buchführung an der staatlichen Nationaluniversität Singapur, in der staatlichen Zeitung „The Straits Times“.
Erstnotiz auch Charakterfrage
Er verweist auf Regel 210 für Erstnotizen, in der steht, dass „der Charakter und die Integrität der Direktoren, des Managements und der kontrollierenden Aktionäre der Gesellschaft, die an die Börse will, einen relevanter Faktor der Beurteilung“ bildeten. Derzeit aber prüft die Münchner Staatsanwaltschaft eine Anklage gegen Ecclestone.
„Es bleibt abzuwarten, ob Herr Ecclestone angeklagt werden wird. Aber der Fakt, dass er zugegeben hat, bestochen zu haben, sollte die SGX dazu führen, ihre Zulassung für den Börsengang zu überprüfen“, fordert Mak. „Handeln wiegt schwerer als Bekenntnisse“, schließt er. „Die ständigen Behauptungen der SGX, die Standards hochzuhalten, klängen ziemlich hohl, wenn sie einen Börsengang unter solch extrem fraglichen Bedingungen zuließe.“
Ecclestone selbst hat zwar die Zahlung des Geldes zugeben, bestreitet aber ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten.
Dennoch hat die prominent abgedruckte Kritik Teens Gewicht - und kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem Singapur unter einer Fülle von Betrugs- und Korruptionsfällen ächzt. So soll der telegene Pfarrer der 33 000 Gläubige zählenden Kirchengemeinschaft City Harvest Church Mitgliedergelder von umgerechnet rund 31 Millionen Euro umgeleitet haben, um die Karriere seiner Ehefrau als Popsängerin in Hongkong zu fördern.
Prominente Präzedenzfälle
Kurz zuvor geriet der frühere Chef des Katastrophenschutzes ins Visier der Fahnder, der als Gegenleistung für Aufträge zum Einkauf von Ausrüstungsgegenständen in großem Stil sexuelle Dienstleistungen der Managerinnen der Hersteller eingefordert haben soll. Die Damen waren angesehene Mitarbeiterinnen großer Unternehmen und wurden noch vor einer Verurteilung des Behördenchefs mit Namen und Bild in den Medien an den Pranger gestellt.
In einem vergleichbaren Fall ist schon der frühere Chef der Singapurer Behörde gegen Drogenmissbrauch - im Stadtstaat steht die Todesstrafe schon auf den Besitz geringer Mengen - verurteilt worden. Banker und Anwälte, unter anderen ein früherer Spitzenmanager der Schweizer UBS, stehen zurzeit vor Gericht, weil sie die Dienstleistungen einer minderjährigen Prostituierten gekauft haben sollen. Und der langjährige Protokollchef des Außenministeriums soll Geld zum eigenen Vorteil hinterzogen haben.
Den Angeklagten drohen langjährige Haftstrafen. „Das rigorose Vorgehen der Ermittlungsbehörden und das zu erwartende sehr hohe Strafmaß zeigen, dass Singapur die Korruptionsbekämpfung sehr ernst nimmt“, sagt der in Singapur ansässige Rechtsanwalt Rüdiger Ackermann von der Kanzlei GSK Stockmann. Sie berät Unternehmen in Deutschland und Asien unter anderem in Fragen der Regelbefolgung (Compliance). „Kein Land ist korruptionsfrei. Was den Verfolgungsdruck angeht, kann Singapur aber selbst Deutschland als Vorbild dienen.“