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Ferrari : Vettel träumt weiter vom Titel in Rot

  • -Aktualisiert am

Es gab für Ferrari in dieser Saison kein einziges Wochenende, das von Freitag bis Sonntag ohne irgendein Problem über die Bühne ging. Bild: AFP

Sebastian Vettel ist zuversichtlich, den Rückstand auf Mercedes noch aufholen zu können. Dafür spricht, dass Ferrari einen wichtigen Irrtum erkannt hat – ein Mysterium bleibt allerdings.

          Ist der Grand Prix von Kanada schon ein Schicksalsrennen für Ferrari? Sebastian Vettel hat nach sechs von 21 Rennen 46 Punkte Rückstand hinter dem WM-Spitzenreiter Nico Rosberg. Ferrari fehlen in der Konstrukteurs-WM 67 Punkte auf Mercedes. Schlimmer noch: Mit Red Bull bringt sich plötzlich ein drittes Team ins Spiel, das keiner auf der Rechnung hatte. Daniel Ricciardo liegt in der Fahrerwertung vor dem Rennen am Sonntag (20 Uhr MESZ/RTL/Sky) sechs Punkte vor Vettel, Ferraris Vorsprung auf den Verfolger ist auf neun Zähler geschrumpft. Und Red Bull hat etwas zu bieten, das Ferrari 2016 noch fehlt: einen Sieg.

          Pessimisten sehen den Herausforderer von Mercedes bald nur noch als dritte Kraft im Feld. Vettel hält das für übertrieben: „Ich glaube, wir liegen vom Speed her noch vor Red Bull.“ Unverdrossen verteilt er Komplimente: „Mit diesem Auto hätte ich 2015 die WM gewonnen.“ Und er glaubt weiter an das Unternehmen Weltmeisterschaft. „Täte ich es nicht, könnte ich zu Hause bleiben. Wir sind nicht so schlecht, wie wir gemacht werden.“ Seiner Meinung nach hat sich Ferrari bislang unter Wert verkauft. Weil es kein einziges Wochenende gab, das von Freitag bis Sonntag ohne irgendein Problem über die Bühne ging.

          „Aggressiv versucht, die Lücke zu schließen“

          „Wenn wir das abstellen können, sind wir auch wieder der erste Verfolger von Mercedes.“ Mal ging im entscheidenden Moment der Qualifikation der Speed verloren, mal lag Ferrari mit der Strategie daneben, mal kamen Kollisionen beim Start dazwischen, und mal waren es einfach nur widrige Umstände. Teamchef Maurizio Arrivabene sieht das Hauptproblem am Samstag. „Wenn wir nicht auf den Startplätzen stehen, auf denen wir stehen müssten, bezahlen wir am Sonntag einen Preis. Die Folge sind aggressive Strategien, die schiefgehen können.“

          Auch Vettel spricht dieser Tage gerne im Konjunktiv: „Wenn wir uns in Barcelona besser qualifiziert hätten, dann gewinnen wir das Rennen. Und wenn ich in Monte Carlo gleich an Massa vorbeigekommen wäre, dann fahre ich um Platz 1 und nicht um Platz 4.“ Der WM-Fünfte sieht das nicht als Ausrede: „Es gibt natürlich Gründe dafür, dass wir nicht das zeigen konnten, was wir draufhaben. Einige standen in unserer Macht, andere nicht. Wir haben aggressiv versucht, die Lücke zu Mercedes zu schließen. Dafür haben wir auch einen Preis bezahlt.“

          „Es war meine Schuld“

          Gemeint ist die Motorentwicklung. Ferrari musste erst auf neue Turbolader warten, damit die volle Leistung nicht nur für eine Runde in der Qualifikation abrufbar ist, sondern auch für den Großteil des Rennens. In Montreal kommen neue Teile zum Einsatz. Man steht nun auf der zweiten Hälfte der Geraden nicht mehr vor der Wahl, entweder volle Motorleistung abzurufen oder über die Elektromaschine im Auspufftrakt elektrische Leistung zu speichern.

          Nun ist beides möglich. Vettel wundert sich, dass in Italien die Wellen hochschlagen. Die Begeisterung, um den Titel fahren zu können, ist der Ernüchterung gewichen: „Plötzlich wird alles nur noch schlechtgeredet.“ Deshalb stellt sich Vettel schützend vor sein Team. Bevor jemand den Ferrari-Strategen die Schuld geben konnte, warum der Deutsche in Monte Carlo nach dem ersten Boxenstopp hinter Felipe Massa fiel, nahm der viermalige Weltmeister den Zweiflern den Wind aus den Segeln: „Es war meine Schuld, dass ich nicht schnell genug an Massa vorbeigekommen bin.“

          „Die Reifen sind ein Mysterium“

          Andererseits räumt Vettel ein, dass es Defizite gibt. „Wir müssen in der Qualifikation stabiler werden. Es darf uns nicht passieren, dass von einer Minute auf die andere plötzlich Reifen-Grip verlorengeht, ohne dass wir wissen, warum. Es ist auch klar, dass ich mich über den vierten Startplatz in Monaco ärgere, wenn ich weiß, dass ich eine Auto habe, das für die erste Reihe gut ist.“

          Sebastian Vettel wundert sich, dass in Italien die Wellen hochschlagen: „Plötzlich wird alles nur noch schlechtgeredet.“
          Sebastian Vettel wundert sich, dass in Italien die Wellen hochschlagen: „Plötzlich wird alles nur noch schlechtgeredet.“ : Bild: AFP

          Chefingenieur Jock Clear weiß, dass die Reifenbehandlung die größte Baustelle im roten Lager ist. „Wir haben es nicht verstanden, das Maximum aus den Reifen herauszuholen. Und dadurch haben wir Red Bull in den letzten beiden Rennen gut aussehen lassen.“

          Das Reifenmanagement ist sehr komplex: „Es ist ein Balanceakt, alle vier Reifen zur gleichen Zeit in ihr Arbeitsfenster zu bringen. Die Reifen sind ein Mysterium. Wir haben 1000 Sensoren an Bord und kennen jedes Detail vom Auto, Motor und Getriebe. Nur vom Reifen haben wir nichts außer der Temperatur und den Druck. Da spielt sich viel mehr im Gummi ab. Es ist keine genaue Wissenschaft, sondern auch eine Gefühls- und Erfahrungssache.“

          Abtrieb statt PS

          Vettel versucht, Ruhe in die Partie zu bringen. Er weiß um die Anfälligkeit des Systems Ferrari. Niederlagen führen schneller als bei anderen Teams zu Schuldzuweisungen und noch mehr Druck. Teamchef Arrivabene wartet händeringend darauf, dass endlich die Ergebnisse kommen, die das Team entlasten und ihm Spielraum geben.

          Am Anfang dieser Entwicklung stand vermutlich ein Irrtum. Ferrari glaubte, dass der Vorsprung von Mercedes hauptsächlich mit dem Motor zusammenhinge. Deshalb wurde über den Winter in Maranello ein Großteil der Energie in die Antriebsentwicklung gesteckt. Tatsächlich lag das größere Defizit aber beim Chassis, beim Fahrwerk und beim Reifenmanagement.

          Ferrari hat begriffen, dass es wichtiger ist, Abtrieb zu finden statt PS. Dass man sich bei der Reifenvorbereitung für die Qualifikation keine Fehler mehr leisten darf. Und dass man verstehen muss, wie die Konkurrenz mit dem Reifendruck trickst. Vettel hat den Traum vom Titel in Rot noch nicht aufgegeben: „Ich vertraue diesem Team, und ich kenne unsere Probleme. Die Saison ist noch lang genug, den Rückstand aufzuholen.“

          Quelle: F.A.Z.

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