Sieben Titel! Was will der Mann noch? Große Taten der Vergangenheit haben Michael Schumacher selten sonderlich interessiert, nicht mal die eigenen: "Das wißt ihr doch. Ich schaue nach vorne." Auf das nächste Rennen, den nächsten Sieg, den nächsten Titel. Es geht nicht um eine Weltmeisterschaft mehr oder weniger. Es geht um alles, wenn sich die Formel 1 an diesem Sonntag in Suzuka zum vorletzten Mal in dieser Saison im Kreis dreht.
Es geht um das Rennen zwischen alt und jung, um die Frage, ob der Superstar zum Abschluß seiner Karriere ein letztes Mal den Verdrängungskampf übersteht. Pünktlich zum Finale sind mit Schumacher und Fernando Alonso die besten von 24 Piloten übriggeblieben. Zwei, die allen anderen weit voraus sind, zwei Weltmeister mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Noch teilen sie sich die Führung nach Punkten (je 116). Aber beide setzen alle Hebel in Bewegung. "Michael und ich", sagte Rivale Alonso am Freitag, "werden 110 Prozent geben." Das wäre etwas mehr als menschenmöglich. Sicher aber wählen sie unterschiedliche Wege: Der Deutsche zieht sich zurück, der Spanier greift an.
Scharfer Blick fürs Wesentliche
Wer Schumacher in diesen Tagen den Puls fühlen will, hat kein leichtes Spiel. Der Mann ist kaum zu greifen. Er bleibt einfach nicht stehen. Seine Gesten sind knapp, seine öffentlichen Auskünfte eher karg. Er will nach fünfzehn Jahren voller Fragen nicht mehr reden über Vor- oder Nachteile, übers Wetter, die Reifen, den Hauskrach beim Gegner: "Wir beschäftigen uns mit unseren Dingen."
So introvertiert hat man den Rheinländer lange nicht mehr gesehen. Als habe er die Scheuklappen so zugezogen, daß nur noch ein Ziel im Blickfeld steht: Ein glänzender Schlußpunkt "auf dem höchsten Niveau". Seine seltenen Auftritte im Fahrerlager spiegeln die forcierte Konzentration. Schnelle, feste Schritte, ein fokussierter, nicht unfreundlicher, aber scharfer Blick fürs Wesentliche. Exklusivinterviews für Funk und Fernsehen sind gestrichen. Sponsortermine werden schon mal hin und hergeschoben, wenn es ums Auto geht.
Alonso fühlt sich mißverstanden
Als Schumacher am Donnerstag ins Fahrerlager kam, stellte er seine Tasche ab und marschierte schnurstracks zu seinen Ingenieuren. Das war gegen 14 Uhr und weit vor dem Ferrari-Plan. Erst drei Stunden später begann das offizielle Briefing rund um die Technik des Boliden. Natürlich mußten auch die Reifenexperten von Bridgestone am Freitag Bericht erstatten. Allein um die Schwäche von Schanghai im Regen vor Wochenfrist zu erklären und mögliche Korrekturen zu erläutern. Als am Freitag gegen 20 Uhr das Fahrerlager wie ausgestorben wirkte, diskutierte einer im Fahrerlager mit den Technikern die ersten Trainingszeiten mit Blick auf den Grand Prix: Schumacher. Wohl kaum zuvor hat sich der siebenmalige Champion so abgeschottet, so intensiv eingehüllt in einen Kokon aus Zahlen und Daten.
Während sich Schumacher rar machte, trat Alonso gesprächig wie empört an die Öffentlichkeit. Man hat ihn mißverstanden am Donnerstag: "Alles verdreht, wie immer", warf er den Journalisten zu, ohne grimmig zu wirken. Verärgerte Champions sehen anders aus. Alonso lächelte. Was wohl auch mit einer Halbwahrheit zusammenhing. Sicher hatte sich seine Attacke vom Donnerstag trotz der unüberhörbaren Schelte nicht primär gegen den Teamkollegen Giancarlo Fisichella gerichtet. Es drehte sich vielmehr um die strategischen Entscheidungen bei Renault, um die Frage, ob man ihm, dem Weltmeister, nicht immer auch die kleinsten Steine aus dem Weg räumen muß. "Das war meine persönliche Meinung."
Altersunterschied spielt eine große Rolle
Die hatte Alonso nach den ersten Klagen am vergangenen Sonntag nun in Suzuka nicht nur wiederholt, sondern nach den "überraschend heftigen Reaktionen" auch noch erläutert. "Ich habe den ganzen Tag geredet." Zwar nicht nur mit seinen Ingenieuren, aber mit einem Angriffsgeist, der angeblich klärend wirkte wie ein Sommergewitter nach einer unerträglichen Schwüle: "Die Stimmung", sagte Alonso auf Englisch, "ist besser als je zu vor." Er lächelte wieder, formulierte alles noch einmal zum Mitschreiben und wechselte schließlich bereitwillig die Sprache: Das ganze nun auf Spanisch.
Alonso schien die detaillierte Aufklärung kaum Energie zu kosten. Beschwingt zog er anschließend von dannen zu seinem Team, zu einem Ingenieur, der Schumacher nach dem Qualifikationstraining in China via Funk als „armen, alten Michael" bezeichnete. Diese Einschätzung war angesichts des Methusalem-Triumphes am nächsten Tag zwar etwas voreilig. Aber der Altersunterschied von zwölf Jahren unter den beiden Leistungssportlern spielt eine größere Rolle, als es scheint.
„Ich habe wohl nicht mehr die Energie“
Schumachers Rückzug in Japan ist letztlich nichts als eine Reaktion auf die Signale der Natur: Der 37jährige Rheinländer muß haushalten mit den Kräften nach fünfzehn Jahren in der Knochenmühle Formel 1. All die Schläge in den quasi ungefederten Boliden, die ständigen Vibrationen der Motoren im Rücken haben ihren Tribut gefordert. "Ich habe wohl nicht mehr die Energie, das Niveau über ein Jahr zu halten", begründete Schumacher in Monza seinen Rücktritt zum Ende der Saison.
Vermutlich hat er den Zahn der Zeit schon länger gespürt und reagiert. Für den letzten Angriff trainierte er über den Winter soviel wie nie zuvor. Er will sich keine Vorwürfe machen müssen, nicht alles getan zu haben. Und so wird Schumacher, wenn es am Sonntag noch nicht zum Titel reicht, Japan schnell wieder verlassen. Ohne schlauchende Abschiedsparty. Denn nächste Woche stehen die letzten Testtermine als Einsatzpilot von Ferrari an. Schumacher lud sich übrigens selbst ein. Ferrari hatte mit dessen Kollegen geplant. Um den Chefpiloten zu schonen.
Eine richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt
Darius Müller (c5avant)
- 07.10.2006, 01:57 Uhr